„Wir hatten gemeinsame Interessen“

Boris S. soll auch privat mit dem KKC-Berater Dursun S. Geschäfte gemacht haben. (Foto: mac)

Zweiter Prozesstag wegen Veruntreuung im UDE-AStA

Eine Fragerunde der Beklagten zu den Beschäftigtenverhältnissen des Kunst- und Kultur-Cafés, die privaten GmbHs des Boris S., die erstmalige Vernehmung zweier Zeug*innen und Gedächtnislücken sowohl bei Angeklagten als auch bei Zeug*innen. Heute ging der Veruntreuungsprozess rund um den ehemaligen AStA an der Universität Duisburg-Essen in die zweite Runde. akduell war vor Ort und fasst die Verhandlung für euch zusammen.

Trotz des Raumwechsels in den Saal 290 im Landgericht Essen war von Entspannung keine Spur, als die Befragung des Angeklagten Boris S. fortgesetzt wurde. Dieses Mal beschäftigte sich Richter Hidding vor allem mit den privaten Gesellschaften des Angeklagten Duisburgers. Die von ihm betriebene S. & Co. Lmtd., so stellte sich heraus, machte vor allem Geschäfte mit dem Mitangeklagten Dursun S.. So pflegte Boris S. mit dem Düsseldorfer Unternehmensberater seit 2007 auch private Geschäftsbeziehungen. Während ihrer Zeit im KKC hätten sie entdeckt, dass sie gemeinsame Interessen teilten. Insgesamt sollen bis 2011 mindestens 94.000 Euro von Dursun S. an Boris S. geflossen sein. Das belegten Rechnungen, die dem Gericht vorlagen.

Die Dienstleistungen, so der Ex-Duisburger Stadtratsherr, sollen vor allem aus Beratung und Recherche zu möglichen Immobiliengeschäften bestanden haben. So hätte Boris S. vor allem zu Zwangsversteigerungsobjekten recherchiert und diese dann projektbezogen an Dursun S. vermittelt. Vor allem aber das Projekt mit dem Namen „Istanbul“, oder auch „Projekt 34“ genannt (die Zahl steht für die ersten Ziffern des Istanbuler Nummernschilds), zog die Aufmerksamkeit des Richters auf sich. Im Jahr 2010 sollte Boris S. für Dursun S. eine Apothekenlizenz in der Türkei erlangen, um dort eine Online-Apotheke an den Start zu bringen. Dies scheiterte jedoch. Stattdessen erlangte der Angeklagte eine Lizenz in Russland. Verschreibungspflichtige Medikamente nach Deutschland zu importieren sei ihm aber „zu heiß“ gewesen, so Boris S..

Auch die Fides Capital GmbH soll in das „Projekt 34“ verwickelt gewesen sein. Außerdem soll die Gesellschaft, die zunächst jeweils zur Hälfte Dursun S. und Boris S. gehörte, vor allem Börsengeschäfte getätigt haben. Insgesamt sollen 60.000 Euro, mehrheitlich durch Dursun S. finanziert, in Künstliche Intelligenz an den Finanzmärkten investiert worden sein. Nach einem Börsencrash und hohen Verlusten stieg der Düsseldorfer dann jedoch aus der GmbH des ehemaligen AStA-Finanzers aus.

„Es ist schon zehn Jahre her“

Bei der Befragung von Oliver B., dem ehemaligen stellvertretenden AStA-Vorsitzenden, interessierte sich der Richter vor allem für seine Tätigkeiten für die AStA-Service GmbH in den Jahren 2009 und 2012. In diesen Jahren war Oliver B. nicht als Geschäftsführer im Handelsregister eingetragen, sein Arbeitsvertrag bezeichnete ihn widersprüchlicherweise sowohl als Prokuristen als auch als Geschäftsführer. Oliver B. bezeichnete sich daraufhin als Geschäftsführer und gab sehr detailliert seine Tätigkeiten im KKC wieder. Nicht mehr so detailliert konnte sich Oliver B. jedoch daran erinnern, welche Funktion Dursun S. im KKC inne hatte, bevor B. Geschäftsführer wurde. Im Gegensatz zu Boris S., der keinerlei Erinnerung mehr daran hatte, weil der Zeitraum schon zehn Jahre her sei, konnte Oliver B. jedoch aussagen, Dursun S. ab und zu hinter der Theke gesehen zu haben.

Das KKC sei lediglich ein Nebenschauplatz in seiner Anfangszeit im AStA gewesen, so B.. Eine Baustelle sei das Café erst für ihn und Boris S. Erst geworden, als der damalige KKC-Geschäftsführer plötzlich verhaftet und in Handschellen abgeführt wurde und die beiden AStA-Vertreter das Ruder in die Hand nehmen mussten. Der Unternehmensberater blieb weiter Thema: Oliver B. wurde zu den Zahlungen an Dursun S. befragt, da er als Geschäftsführer für diese verantwortlich war. Vor allem Rechnungen aus dem Frühjahr 2007 warfen Fragen auf, die noch weiter vom Gericht geklärt werden müssen. Obwohl sich die gesamten Rechtsanwälte vor dem Richterpult versammelten, um erneute Einsicht in die Rechnungen zu nehmen, konnte nicht geklärt werden, ob Dursun S. für einen Zeitraum von drei Monaten ein doppeltes Gehalt kassierte. Der Düsseldorfer ließ sich seine Tätigkeit im KKC damals mit 3.000 Euro monatlich zuzüglich zehn Prozent Nettoumsatzbeteiligung vergüten.

Im Anschluss wurde die erste Zeugin, Kriminaloberkommissarin Anja B., vernommen. Sie war im April 2013 im Dezernat Abteilung Wirtschaftskriminalität in Düsseldorf beschäftigt und durchsuchte zu dieser Zeit das Home Office von Dursun S.. Die Polizeibeamtin sagte aus, dass sie, nachdem sie unter AStA-Unterlagen Papiere zu Barzahlung an die S.&Co. Lmtd. fand, Dursun S. als möglichen Beschuldigten wegen Beihilfe zur Veruntreuung einschätzte. Daraufhin soll sie den Unternehmensberater belehrt haben, Dursun S. verneint dies jedoch. Im Durchsuchungsbeschluss ist Dursun S. ebenfalls nur als Zeuge und nicht als Beschuldigter geführt. Richter Hidding nannte den Beschluss daraufhin einen „unsicheren Kandidaten“ und fügte hinzu, dass es nicht sicher sei, ob durch diesen Beschluss eine solche Wirkung für den Angeklagten hätte eintreten können.

„Gar nichts gemacht“

Nach der Polizeibeamtin trat der Abteilungsleiter der UDE-Hochschulgastronomie, Gerd Schulte-Terhusen, vom Studierendenwerk in den Zeugenstand. Er wurde geladen, weil er im Frühjahr 2012 – nach Verkauf der AStA Service GmbH durch Boris S. und Jan Bauer an das Studierendenwerk – die Gesellschaft liquidiert hatte. Schulte-Terhusen sagte aus, dass die Entscheidung das KKC zu kaufen, von der Geschäftsführung der Institution getroffen worden wäre und er von Jörg Lüken damit beauftragt wurde, die Liquidation durchzuführen. Dies hätte er mit einer zuvor vereinbarten Haftungsfreizeichnung dann auch getan. Die eigentliche Liquidation sei jedoch durch einen Steuerberater und einen Juristen des Studierendenwerks vollzogen worden. Er selbst hätte eigentlich „gar nichts gemacht.“ Auch wisse er nichts zum letzten Betriebsleiter vor Veräußerung der Nutzungsrechte am KKC. Insgesamt beschrieb er, dass niemand im Studierendenwerk so richtig das KKC leiten wollte. Ein Café, das auch abends geöffnet hatte, sei kein typischer Betrieb für das Studierendenwerk, so Schulte-Terhusen. Beim Studierendenwerk gebe es eher eine „Planwirtschaft“.

Weiter geht es am Dienstag, den 6. September, um 11 Uhr mit weiteren noch nicht bekannt gegebenen Zeug*innen. akduell wird erneut vor Ort sein. [mac/BRIT/fro/bjg]

Zur Zusammenfassung des ersten Prozesstages geht es hier entlang.