Den Tourismus überleben

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Am Markusplatz ist die Tourist*inneninavsion nicht zu übersehen. (Foto: BRIT)

„Venedig ist nicht Disneyland“ zeigen die Protestschilder der Generazione´90, einer von insgesamt 30 Bürger*inneninitiativen der im Wasser stehenden Stadt im Nordosten Italiens. Denn im Ort, der von zahlreichen Besucher*innen als die schönste Stelle Europas bezeichnet wird, lässt es sich nicht mehr leben. Oder ist es schon ein Überleben, wenn der Tourismus immer Vorrang hat?

Eine Fahrt mit dem Boot durch den Canal Grande ist auf einer Venedigreise gar nicht wegzudenken. Graziöse Palazzo stechen ins Auge, historische Ereignisse und künstlerisches Schaffen hängen an den hundert Jahre alten Fassaden – dieser außergewöhnliche Ort hat viele Geschichten zu erzählen. Vor einigen Jahren lagen hinter den Hauswänden noch ein Schulamt, der Nationale Forschungsrat, Justizbüros und die Staatsanwaltschaft, Ärzt*innenpraxen sowie Verkehrsbetriebe. Inzwischen haben sich die barocken Bauten in Luxushotels mit großzügigen Dachterrassen verwandelt. Selbiges Phänomen spielt sich im Zentrum ab. Kleine Bäckereien und Buchläden werden durch zahlreiche Taschengeschäfte und Junkshops ersetzt. Die sogenannte „Rennstrecke“ zwischen Hafen und Markusplatz gleicht einem Freiluftmuseum mit bewundernswerten Perspektiven, dessen Verwendung aber scheinbar nur dem Tourismus obliegt.
Ausstellungsstück werden?

Wie ist es seinen Alltag in einer solchen Stadt zu verbringen? Wenn man dort leben möchte? Die Bewohner*innenzahlen der vergangenen Jahre sprechen für sich. Das, was im Mittelalter aus der Pest resultierte, basiert heute wohl auf dem Massentourismus. Die Mehrheit der ehemals 180.000 Venezianer*innen hat sich inzwischen für ein Leben auf dem Festland entschieden. Im Jahr 2000 zählte die Lagunenstadt noch 66.386 Einwohner*innen. Heute sind laut einem Bericht aus der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) lediglich 55.191 dort verblieben und das Durchschnittsalter läge inzwischen bei 47 Jahren. Der Grund für die massive Abwanderung: Geringe Zukunftsperspektiven, hohe Mieten und ein schwer zu stemmender Lebensunterhalt. Neben denen, die schließlich resignieren, gibt es auch solche wie den 23-jährigen Violinisten Giovanni Di Giorgio, der sich innerhalb der Initiative „Generazione´90“ gegen den zunehmenden Abbau der städtischen Strukturen und die schlechte Lebenssituation stellt.

Die aktivist*innen von Generazione‘90 tragen Einkaufswagen auf ihrem Protest (Foto: Furio Visintin)

Die Aktivist*innen von Generazione‘90 tragen Einkaufswagen auf ihrem Protest (Foto: Furio Visintin)

„Resistiamo!“ – Widerstand

Die Anhänger*innenschaft von Gernazione´90 sei im Vergleich zu anderen Gruppierungen sozialer Bewegungen wesentlich heterogener. „Von jung bis alt ist alles dabei. Dennoch würde ich sagen, dass die Mehrheit unserer Unterstützer Student*innen sind“*, so Giovanni. Auf eine politische Richtung möchte der Violinist sich in seiner weiteren Beschreibung dennoch nicht festlegen. Es ginge schließlich vorerst darum, Venedigs Schicksal zu wenden: „Wir können uns in diesem heiklen politischen Klima keiner einzelnen Partei zuwenden. Vor allem wenn kleinste politische Fehler, für unsere Präsenz die Letzten sein können.“*

Europaweit konnte das Kollektiv zuletzt Anfang September durch eine Art Flashmob Aufmerksamkeit erregen. „Unsere Proteste sind sehr vielfältig gestaltet. Der Bekannteste ist allerdings durch die Handeinkaufswagen gekennzeichnet, die wir über die Straßen trugen.“ Denn schon das Einkaufen sei, im Hinblick auf die steigenden Preise und die ständige Masse von Tourist*innen, eine Herausforderung. In einer autolosen Stadt würden besonders durch den Transport enorme Kosten anfallen. So würde man beispielsweise für eine zehn-minütige Boots-Taxifahrt knappe 60 Euro zahlen.

Erschwert wird eine Existenz in Venedig ebenfalls durch den profitorientierten Immobilienmarkt. Anstatt an Einheimische zu vermieten, erwies es sich langfristig wesentlich ertragreicher, Ferienappartements einzurichten. Laut Angaben eines Berichts der FAZ lasse sich durch eine einzige Ferienwohnung im Monat zwei- bis dreitausend Euro verdienen. Als „Bereicherung des Familieneinkommens“ würden diese Einnahmen zudem nur gering besteuert werden. Bei winterlichen Besuchen von Stadtteilen wie Dorsoduro sei es daher nicht allzu überraschend an ganzen Häuserreihen vorbeizukommen, die erst wieder zu Frühlingsbeginn bewohnt werden.

Profit und verseuchte Luft

Luigi Brugnaro aus der Ferne. Als erster Bürgermeister lebt er auf dem Festland. Sein Eigenheim befindet sich bekanntermaßen in Mogliano Veneto, einer norditalienischen Gemeinde, die in der Provinz Treviso liegt. Auch er verfolgt das Profit-Konzept der ihm vorangegangenen Stadtoberhäupter. Ungebremst wächst die Kreuzfahrtindustrie und deren sich vervielfachende Passagier*innenzahlen. Erfreuen können sich über diese Expansion allerdings lediglich die privaten Betreiber*innengesellschaften des Hafens, die alleine im Jahr 2011 dadurch 35 Millionen Euro erwirtschaften konnten. Für die Venezianer*innen bedeutet das lukrative Geschäft allerdings nur eins: drastische ökologische und damit einhergehende gesundheitliche Folgen. Hochgiftige Benzpyrene der Schiffsrümpfe verseuchen die Lagune und Verwirbelungen drücken täglich auf die alte Küste der Stadt. Die Abgase sind der Auslöser einer inzwischen amtlich anerkannten, signifikanten Zunahme von Lungentumoren. Die höchste Lungenkrebsrate des Landes weist Venedig auf. Selbst die Unesco drohte wegen der enormen Luftverschmutzung bereits damit, die Stadt demnächst auf die rote Liste zu setzen und somit als bereits gefährdeter Weltkulturerbe einzustufen.
Letzte Hoffnung?

Schätzungen der Organisation Italia Nostra nach, soll Venedig jährlich bis zu 30 Millionen Besucher*innen empfangen. Bisher zeichnet sich keine Tendenz der Besserung ab. Giovanni bleibt bei einem Blick in die Zukunft vorläufig ebenfalls pessimistisch: „Wenn nicht irgendwas schlimmes passiert, wie zum Beispiel das seins dieser Kreuzfahrtschiffe das fragile Ufer rammt und es zu einem größeren Schaden kommt, werden sich alle für uns erforderlichen Anlaufstellen in Eiscafés oder Klamottenläden verwandeln.“ Eine mögliche Lösung, der die Aktivist*innen nacheifern, sei der Status einer Statutarstadt. Durch ein eigenes landesgesetzliches Stadtrecht – eine gesetzliche Unabhängigkeit vom Festland – könnte Venedig beispielsweise das Tourismus-Problem angehen.

*Die Zitate wurden vom Englischen ins Deutsche übersetzt.


 

Interview mit Giovanni, 23 Jahre, Violinist

akduell: Please explain your organization in a few words. 

Giovanni: We are not technically an organization. We define ourselves as a movement of political influence, founded to condense and elucidate the ideas of our fellow citizens and then present them concretely to seats of actual political power.  

akduell: What kind of people are members of the organization? 

Giovanni: We are a very heterogenous group. The main common denominator is age, which lies by an average of 24/25. However, I would say that the majority of us are currently students. 

 akduell: What is your political attitude? 

Giovanni: We have no precise political attitude. We firmly believe in the concept that on a local scale being politically defined as members or even only aligned with a certain political party only impeeds the process of renewal of our city and its betterment. This is a principle born from the reality of having to operate in a very delicate political climate where a potential mistake can very well be your last. 

akduell: What are the aims of Generazione´90? 

Giovanni: The aims of our movement are in a continuous state of change: our ideal aim would be to reverse the phenomenon of de-population of our city and that means tackling the topics of tourism, citizenship, residentiality and so on. This also means tackling the issue of civic responsibility and other general issues. 

 akduell: What are the main topics that you are demonstrating against? 

Giovanni: So far, we have tackled three main topics: 

residentiality, the difficulties in finding a home, suitable job and in starting up an indipendent business; Then tourism; the obvious issues of deregulation in the flow of tourism, incorrect policies, slash and burn plans; Last the ability of live; the recreational opportunities of our citizenship, the support to our local enterprises which are gradually disappearing. 

 akduell: What did you achieve since the founding of your organization? 

Giovanni: We have achieved a new format for protest events, we have participated and directed an unprecedented event which has had enormous traction throughout the populace and has awoken the slumbering sensibilities of many Venetians. We have initiated a process of collaboration in a very tribal and disconnected political tissue. 

akduell: The current mayor of Venice is Luigi Brugnaro. Do you think he could tackle the problem of tourism? After all he has another political direction (conservative-right) as you do and is a businessman instead of a politician? 

Giovanni: We do not exclude any of the criticisms moved against our mayor. However our attitude is directed towards civil dialogue rather thangratuitous contestation. We believe that the issues Venice is plagued with are at least ten, if not twent years old and have been perpetuated across mandates. If our mayor is open to discussion with us and we can collaborate towards a common goal which in turn has a positive impact on Venice we will engage in such a discussion. Our individual opinions are secondary and have to be mediated. 

akduell: If nothing changed, where do you see Venice in five years? 

Giovanni: Venice will be the same, just worse. The environment will be in an even more corroded state, the flow of tourism will be increase in damage potential, all of our stores and prime-necessity enterprises will have given way to clothes shops, ice cream shops and tourist-junk shops until something radical happens, such as a boat ramming the shore, or the citizenship actually moves towards change and pushes for betterment.