Die Kunst der Inklusion

Ein Bild von der Aufführung. (Foto:  Isabell Kohlberger)

Ein Bild von der Aufführung. (Foto: Isabell Kohlberger)

Am Donnerstag den 1. September 2016 feierte die Defakto in Essen die Premiere ihres Theaterstücks „Wir sind alle Sterne“ im Katakomben-Theater im Essener Girardet Haus. Beteiligt waren junge Menschen aus allen Teilen der Welt.

Ein Gastbeitrag von Isabell Kohlberger

Eine alte Frau und ein junger Mann sitzen schweigend nebeneinander. Aus dem Off tönen Stimmen über die Bühne. Die beiden Schauspieler lauschen ihnen und warten auf ihren Einsatz, während die gut hundert Gäste, die an diesem warmen Septemberabend in den Reihen des Essener Katakomben-Theaters sitzen, auf das rund einstündige Spektakel warten, das im Begriff ist, sich vor ihnen zu entfalten.

Der Titel des Stücks der Produktion der Defakto GmbH, Ortsgruppe Essen: Wir sind alle Sterne, ein metaphorisches ‚wir sind alle gleich‘. Im Rahmen ihrer Projekte betreibt die Defakto Inklusionsförderung und Berufsvorbereitung mittels Arbeit, Rat und Tat – oder auch „ART“. Theaterarbeit und Coaching mit dem Ziel des beruflichen Einstiegs für Geflüchtete, junge Erwachsene, Alleinerziehende, oder Schulabbrecher, um nur einige der Zielgruppen der Defakto zu nennen.

Inklusion und Theater sind auch die beiden Leitmotive der „mund:ART“ Projekte: der Projekte, die sich um Migranten kümmern, Deutschkenntnisse vertiefen oder überhaupt erst aufbauen und den zumeist jungen Teilnehmern damit den Übergang in ein seriöses Beschäftigungsverhältnis in Deutschland ermöglichen und erleichtern. Eines dieser Projekte zeigt nun im Zuge von „Wir sind alle Sterne“, was kontinuierliches Miteinander schon in neun Monaten erreichen kann.

In Bezug auf Sprachkenntnisse sowie der natürlichen Hemmungen, sich der fremden Sprache überhaupt zu bedienen, ist das Projekt des Abends in jedem Fall gelungen. Die Schauspieler sprechen, rufen, schreien und flüstern flüssig und überzeugend. Dass einige von ihnen vor sechs Monaten noch kein Wort Deutsch gesprochen haben, ist kaum zu glauben.

Und auch, was die Grundbausteine für das spätere Berufsleben angeht, tragen die Projekte Früchte, nicht nur in Essen. „Einige unserer aktuellen Teilnehmer konnten wir bereits frühzeitig in universitäre Sprachkurse vermitteln, damit sie ihr Studium in Deutschland aufnehmen können“, so Sozialarbeiterin Larissa Piller der Defakto Gruppe Gelsenkirchen, die unter dem Titel „heim:ART“ läuft und sich ausschließlich um Flüchtlinge kümmert. In Essen liegt der Fokus auf Migranten – aber auch dort sind derzeit Flüchtlinge anzutreffen. „Wir haben damit nur positive Erfahrungen gemacht“, sagt Maja Niedernolte, Projektleiterin der mund:ART in Essen und begründet: „Wir betreiben Integration auf ganzer Linie. Wir haben sechs Monate in der Villa Rü geprobt, wo schon ein Netzwerk vorhanden ist. Dort gibt es viele Kultur- und Sportgruppen und weitere Angebote, sodass die Teilnehmer auch außerhalb des Defakto Projekts schnell Anschluss finden.“

Aber die Projekte der Defakto erstrecken sich noch weiter. Sieben verschiedene „ART“-Projekte werden an den zahlreichen Standorten in Deutschland zurzeit durchgeführt, und alle funktionieren nach demselben theaterpädagogischen Prinzip. Sie alle verfolgen das Ziel, einen Grundbaustein für das Berufsleben in Deutschland zu legen. Die in drei Akte gegliederten Projekte fördern in den ersten sechs Monaten, die die ersten beiden Akte darstellen, in Form der zu erarbeitenden Theaterstücke Soft Skills, die in den letzten drei Monaten innerhalb eines Praktikums sofort angewendet werden können; ein Konzept, das offensichtlich von Erfolg gekrönt ist, nicht nur, was die Berufschancen angeht.

Und so gibt es Standing Ovations für die Theaterschaffenden aus Essen, als die letzten Lichter auf der Bühne ausgehen und der metaphorische Vorhang fällt. Beifall überflutet den bis dahin gespannt zusehenden Saal. Aber mit diesem lauen Septemberabend und den stehenden Ovationen, die mit ihm kamen, ist es noch lange nicht genug: Die nächste Premiere einer Defakto Gruppe findet am 19.10. statt, dieses Mal in Hannover unter dem Titel „lebens:ART“. „Eigentlich haben wir das ganze Jahr über Premieren, deutschlandweit“, sagt Maja Niedernolte. Wenn das keine guten Nachrichten sind.

Weitere Aufführungen von heim:ART:

02. November: Bochum

08. November: Gelsenkirchen