Ich will doch nur spielen

Blick von oben auf das Treiben der Spielemesse. (Fotos: mehu)

Blick von oben auf das Treiben der Spielemesse. (Foto: mehu)

Zu Zeiten von Pokèmon Go und Computerspielen, die Virtual Reality unterstützen, scheint es so, als würde doch keine*r mehr analog zusammen sitzen und Karten spielen oder auf dem Spielbrett auf die Jagd nach Schätzen gehen. Im Gegenteil! Das zeigt die weltgrößte Spielemesse Spiel’16 in Essen. Mit insgesamt 174.000 Besucher*innen hat die Messe vom 13. bis 16. Oktober einen neuen Rekord aufgestellt und auch die beachtliche Anzahl von über 1.000 Aussteller*innen aus 50 Nationen stellt die vorherigen Spielemessen in den Schatten. Aber warum zieht es Aussteller*innen sowie Besucher*innen aus der ganzen Welt nach Essen?

Einen Schlafplatz in Essen zu finden wenn Spielemesse ist, das kann zu einer richtigen Herausforderung werden. Besonders die umliegenden Hotels in Messenähe sind Wochen vorher für den Zeitraum ausgebucht. Auch die budgetfreundlicheren Varianten wie Hostels oder Ferienwohnungen platzen aus allem Wohnraum. Die Gastgeber*innen bei Couchsurfing sind ebenfalls überfordert, wenn sich gefühlte hundert Anfragen im Postfach stapeln. Manche wie Mateusz (21), ein Student aus Polen, suchen nur ein Stückchen Flur, um ihren Schlafsack samt Isomatte auszubreiten, denn „Brettspiele sind wahrscheinlich eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben.“ Ein anderer, Antonio aus Mexiko, fragt an, ob er mit seiner Schwester, die bei den Weltmeister*innenschaften von Carcassonne mitspielt, übernachten könnte.

Ja, auch sportlich geht es auf der Spiel’16 zu. Dort werden etliche Meister*innenschaften in den beliebtesten Brett- und Kartenspielen ausgetragen. Wie in Halle 7, wo die offizielle Carcassonne Weltmeister*innenschaft vonstatten geht. Das Spiel des Jahres 2001, bei dem die Stadt Carcassonne für Punkte vorteilhaft zusammen gebaut werden muss, hat weltweit viele Fans. Das erklärt auch das Teilnehmer*innenfeld aus 26 Nationen.

Keine lachenden Mienen, sondern Konzentration ist beim Wettbewerb gefragt. (Foto: mehu)

Keine lachenden Mienen, sondern Konzentration ist beim Wettbewerb gefragt. (Foto: mehu)

Aber auch unter den nicht wettkämpfenden Besucher*innen finden sich internationale Spielemenschen. Der 35-jährige Jean-Luan, aus einem Vorort von Paris stammend, ist mit zwei Freunden nach Essen gereist. Sie haben eine Spielegruppe und treffen sich einmal die Woche zum gemeinsamen Spieleabend. Die Spiele leihen sie oftmals aus der örtlichen Bibliothek. Den Trip nach Essen haben sie einfach des Spaßens halber zusammen organisiert, denn von der Spielemesse haben sie schon viel gehört. Bei der Frage, welches Lieblingsspiel Jean-Luan hat, fällt ihm eine Antwort schwer. Schließlich gäbe es jeden Tag neue Spiele. Von der Messe sind sie begeistert und den ganzen Tag auf Achse: „Es ist genauso toll wie erwartet, wir haben viele Spiele ausprobiert und einige gekauft“. Und genau darin liegt auch das Kalkül der Aussteller*innen.

Gehen Sie über Los und ziehen Sie 1.000 Euro ein

Neben den Neuheiten und der Nähe zu den Spieler*innen, geht es natürlich auch um den Konsum. Immer neue Spiele sind klar im Sinne der Spieler*innen und Fans, aber mensch merkt schnell, dass es auch um den Verkauf und die Gewinnsteigerung geht. An jeder Ecke und in jeder Halle finden sich Verkaufsstände, wo alles gekauft werden kann. Und oft wird das Ganze auch noch mit einem „speziellen Messepreis“ vermarktet. Dann kostet beispielsweise das Spiel Nations am ersten Messetag 60 Euro und am letzten, denn die Aussteller*innen wollen ja am besten nichts mehr mitnehmen, plötzlich nur noch 29 Euro. Und die Weltneuheit wird dann oftmals ein paar Wochen später noch günstiger in den diversen Onlineshops angeboten. Aber das hält die Besucher*innen nicht davon ab, die Verkaufsstände aufzusuchen. Am Ende jedes Messetags sieht mensch die teils vollbepackten Menschen, die sich für ein Jahr mit Spielen eingedeckt haben. Bis die nächste Spielemesse ansteht.

Dabei sind oftmals die neuen Spiele gar nicht so neu wie sie vom Layout aussehen, sondern verbergen eine bereits vorhandene Idee. So zum Beispiel auch bei einem der berühmtesten Spiele: Monopoly, welches ursprünglich auf das Spiel namens The Landlords von Elizabeth Magie zurückgeht, das sie bereits 1904 patentierte. In Nazideutschland wurde das Spiel, das eigentlich negative Folgen des Kapitalismus aufzeigen wollte, wegen der US-amerikanischen Herkunft und kapitalistischen Gesinnung verboten. Als in Österreich daraus aber das Spiel DKT (Das kaufmännische Talent) entwickelte wurde, durfte es auch unter Hitler gespielte werden – inklusive österreichischer Straßennamen.

Aber zwischen den alten Ideen in neuer Verpackung schlummern immer wieder Innovationen. Paul (27), der Sportwissenschaft in Wien studiert hat und auf der Messe für einen Spielverlag am Stand arbeitet, hat so einige Besonderheiten an seinem freien Tag entdeckt: The Parfumer. Mit duftenden Karten muss mensch die fehlende Zutat zur richtigen Parfum-Mixtur erriechen. Er ist auch von einem anderen Spiel, dessen Namen er vergessen hat, begeistert: Es wird mit nur einer Karte gespielt. Außerdem empfiehlt er gerade Stände aus anderen Regionen, zum Beispiel hat es ihm der asiatische Raum angetan. Viele der Spiele sind hier total unbekannt. „Aber bei all dem Gewusel kannst du dich auch einfach an einen freien Tisch setzen, dir das Spiel erklären lassen und drauf los spielen.“

Networking statt Spielen

Aber was gehört eigentlich zu einem guten Spiel dazu? Klar, das Spielprinzip der Autor*innen sollte Sinn machen und im besten Fall keine 50-seitige Anleitung haben. Aber das Auge spielt auch mit. Die Qualität der Illustrationen sind mittlerweile bei Gesellschaftsspielen wichtiger denn je. Die Plattform der Messe nutzen deshalb neben den Besucher*innen vor allem auch die Autor*innen und Illustrator*innen, um sich mit den Verlagen zu vernetzen und neue Aufträge an Land zu ziehen.

Und abseits des Messetrubels geht das fröhliche Zusammensein weiter. Beispielsweise findet sich seit Jahren eine Gruppe Schwedischer Spielefans in dem einen Steinwurf von der Messe entfernten Park Hotel ein. In dem daruntergelegenen Pub wird die Gruppe mit Essen und Trinken versorgt und im Frühstücksraum wird bis ultimo fleißig weitergespielt.

Apropos Essen und Trinken. Da sieht Paul, der über den ganzen Messezeitraum vor Ort war, klare Defizite. „Das Essen war eher eine Katastrophe.“ Schon in der Messe gibt es so genannte Snackpoints, wo es Pommes, Currywurst und Co. zu kaufen gibt. In der Galerie werden asiatisches Fastfood, Bratwurst und Donuts angeboten. Gesund und abwechslungsreich geht anders, vegan auch. Und nachhaltig?

Von elf Aussteller*innen zur größten Brettspielemesse der Welt. (Foto: mehu)

Von elf Aussteller*innen zur größten Brettspielemesse der Welt. (Foto: mehu)

Gibt es nachhaltige Spiele? Ob das Kartenspiel Fette Ernte oder Keep cool es gibt so einige Spiele, die sich mit Umwelt- oder Menschenrechtsthemen beschäftigen. Bei dem Verlag Amigo werden bei der Spielereihe Ö+Koo zwei Themen vereint: ökologisch und kooperativ. Die Spiele werden nachhaltig produziert, sind komplett recyclebar und alle Spieler*innen bilden ein Team, das eine gemeinsame Aufgabe löst.

Bei vielen Aussteller*innen scheint der Nachhaltigkeitsaspekt allerdings nicht von Bedeutung. Bei Nachfrage an einigen Ständen konnte keine*r, der Aussteller*innen sagen, ob die Spiele mit recycelten Material hergestellt werden. Verpackt wurde dafür bei manchen in diesem Jahr weniger, bei anderen, wie verwunderlicherweise auch bei Amigo sogar mehr.

Und wenn es schon um Umweltthemen geht: Wie gehen die Aussteller*innen mit ihren Mitarbeiter*innen um? Da scheint es unterschiedliche Vorstellungen zu geben. Die Einen erhalten den Mindestlohn für das ganztägige Erklären der Spiele, die anderen, wie Paul, bekommen zwar kostenlose Spiele des Verlags, Verpflegung, einen Tag frei und den Eintritt für die Messe, arbeiten aber als Freiwillige unentgeltlich. Besonders unfair, wenn sogar beim selben Stand unterschiedliche Behandlungen gelten.

Probleme gab es auch logistischer Art. In den ersten beiden Tagen bildeten sich lange Staus vor den Parkplätzen der Messe. Schuld waren die neuinstallierten Schranken, die jeweils nur ein Auto auf den Parkplatz ließen. In der Vergangenheit kassierten Mitarbeiter*innen die Parkgebühr am Ende des jeweiligen Messetages persönlich bei den Besucher*innen, was die Verantwortlichen dann auch wieder einführen mussten.

And the reason is?

Ob nachhaltig oder nicht: Die Spielemesse feierte einmal mehr Rekordzahlen. 1982 – vor 34 Jahren – fand sie zum ersten Mal statt, angefangen mit elf Aussteller*innen. Mittlerweile ist sie die größte Publikumsmesse für Brettspiele der Welt. Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass die Zahlen zwar faszinieren, im Gegensatz zu der Computerspielbranche und deren Umsatzzahlen doch nur eine kleine Gemeinschaft darstellen.

Aber warum zieht es die Spielemassen überhaupt nach Essen? Am Samstagmorgen wurde die Spiel’16 sogar extra 15 Minuten früher geöffnet, weil der Andrang so groß war. Klar, der Spaß ist ein Faktor. Jessica, die in Essen Literatur und Medienpraxis studiert, kommt seit Jahren aber vor allem wieder, weil so viele Spiele ausprobiert werden können, Autor*innen vor Ort sind und manchmal sogar gegen sie gespielt werden kann.

Bei Paul spielt zwar auch die Leidenschaft eine Rolle, er hat sich die Spiel als Arbeitsort aber auch gewählt, weil er sich beruflich auf Spielpädagogik fokussieren will und hier Erfahrungen für seinen Lebenslauf sammelt. Über Spiele Fähigkeiten wie Rechnen, logisches Denken oder Ausdrucksvermögen zu vermitteln, findet er, sei eine super Art zu lernen.

Was auch immer Menschen zum Spielen treibt, wer nicht bis zur nächsten Spielemesse warten will, kann sich auch einfach mit Freunden treffen und spielen oder den AStA-Brettspieleabend besuchen. Der findet ein Mal im Monat statt und lädt – ohne Eintrittsgeld – zum gemeinsamen Spielen ein. [mal/mehu]

*Zitate wurden teilweise aus dem Englischen übersetzt

Der nächste Brettspielabend findet am 16. November ab 19 Uhr im Besprechungsraum des AStAs in Essen statt.