Im blauen Lada Richtung Walachei

Auch die Vorlage für das Filmplakat: Herrndorfs Tschick. (Foto: bjg)

Auch die Vorlage für das Filmplakat: Herrndorfs Tschick. (Foto: bjg)

Die Verfilmung von Büchern ist ja immer so eine Sache, bei der sich die Geister scheiden. Manche warten darauf, die im Print beschriebenen Personen visualisiert wahrzunehmen, andere sagen, dass Bilder niemals an das geschriebene Wort herankommen. In Fatih Akins neuestem Film sind sich die Kritiker*innen allerdings einig: Das auf die Leinwand zu bringen, hat sich gelohnt.

Bis heute hat sich Wolfgang Herrndorfs Jugendroman Tschick über 2,2 Millionen Mal verkauft, in Theatern rauf und runter gespielt und als Durchbruch gefeiert. Von Kritiker*innen viel besprochen, ist es also kein Wunder, dass sich viele Filmschaffende um das Schriftstück reißen. Zunächst ging dieses an Regisseur David Wnendt, der unter anderem durch die Verfilmung von Charlotte Roches Feuchtgebiete bekannt wurde. Nach einigen Querelen und vielem Hin und Her brach dieser jedoch das Projekt ab und der zweite in der Warteliste, Fatih Akin (Gegen die Wand, Soulkitchen), bekam die Chance Tschick auf die Leinwand zu bringen. Erstmals seit 2002 verfilmte Akin ein fremdes Drehbuch, doch die aberwitzige Odyssee zweier Teens aus Berlin kommt gut und im etwas abgeänderten Gewand daher.

Maik, gespielt von Tristan Göbel, ist ein 14-jähriger Außenseiter, der in seine Klassenkameradin Tatjana (Aniya Wendel) verliebt ist und nichts mehr möchte, als zu ihrer Party am Ende des Schuljahrs zu gehen. Doch als die Einladungen verteilt werden, wird Maik nicht berücksichtigt. Monatelang hatte er extra für die Party ein Bleistift-Portrait von Tatjana gemalt und nun das. Am Abend der Party steht der ebenfalls nicht eingeladene Andrei „Tschick“ Tschichatschow (Anand Batbileg) vor Maiks Tür und überredet ihn mit einem geklauten Lada bei der Party Halt zu machen. Tschick ist kürzlich aus Russland nach Deutschland gezogen und für die meisten seiner Mitschüler*innen unausstehlich. Da Maiks Mutter auf Entziehungskur und sein Vater sich auf einer „Geschäftsreise“ mit einer Gespielin vergnügt, beschließt Maik sich Tschick anzuschließen. Mit Schlafsäcken und ein paar Konserven machen sich die beiden Jungs auf und fahren nach einem Besuch bei Tatjanas Party quer durch das Brandenburger Hinterland.

Die perfekte Vorlage

Bereits im Jahr 2010 hatte der inzwischen verstorbene Schriftsteller Wolfgang Herrndorf den Jugend- und Abenteuerroman veröffentlicht (Rowohlt) und einiges an Lob von Kritiker*innen und Lesenden eingeheimst. Herrndorf begeisterte mit seinem Text, auch wenn viele lange Zeit gar nicht wussten, warum. War es der große Popkultur-Faktor oder doch die Identifikation mit den Protagonist*innen? Fest steht, dass es ein Roman ist, der mit einer schlichten aber für das Buch perfekten Jugendsprache überzeugte, ohne dabei so prätentiös oder weithergeholt zu wirken wie die vermeintlichen „Jugendworte“ der vergangenen Jahrzehnte. Eine fiktionale Geschichte, ein künstliches Konstrukt, aber doch humorvoll, lässig und irgendwie realer und besser als das echte Leben. Und hier liegt möglicherweise auch genau das Geheimrezept des Erfolges für Tschick versteckt. „Tschick ist genau so, wie wohl jeder Jugend erinnert: als eine großartige Zeit des Leichtsinns und der Waghalsigkeit, der Verwirrtheit und Bewegtheit, der Freundschaft und Liebe und auf alle Fälle der extremen Beanspruchung“, schreibt Zeit-Redakteurin Wenke Husmann. Vor allem ist Tschick auch ein Sprung ins Ungewisse und der immer wiederkehrenden Ernsthaftigkeit, die aber in keiner Sekunde aufdringlich oder unpassend wirkt.

Mit der Zeit gegangen

Nun ist es natürlich so, dass viele im Bücherregal nach ihrer Herrndorf-Abteilung suchen, Tschick herauskramen, einmal über das verstaubte Stück Literatur pusten und sagen: „Moment mal, das war im Buch doch ganz anders!“ Tatsächlich hat Fatih Akin bei der Regie einige Änderungen an der Geschichte vorgenommen, jedoch nur in den kleinsten Details. Keiner der Hautpfeiler der Abenteuerstory wurde umgestürzt oder durch einen besseren ersetzt, lediglich die Kleinigkeiten sind es, die den Herrndorf-Geeks auffallen werden. So malt Maik im Buch beispielsweise ein Bild von Beyoncé, um es Tatjana zum Geburtstag zu schenken und hört dabei das aktuelle Album der R&B-Sängerin. Im Film hingegen entscheidet sich der 14-Jährige ein Portrait seines Schwarms anzufertigen und ist durchgehend ein dem Rock verschriebener, langhaariger Chucks-Allstars-Träger.

Zudem ist der Soundtrack von Tschick durchzogen von aktuellen Bands und Acts, die zum Großteil 2010 nicht einmal einen Namen hatten. Von K.I.Z., den Beginnern, Beatsteaks und Seeed, bis hin zu Fraktus, Bilderbuch und Courtney Barnett ist so ziemlich alles dabei, was man wohl auch heutzutage hören würde, wenn man sich von Berlin aus auf einen Roadtrip begibt und das Radio einschaltet. Das Hauptthema, das auch im Roman eine tragende Rolle spielt, wurde im Film beibehalten. So finden Tschick und Maik im blauen Lada eine Kassette von Richard Claydermans Ballade Pour Adeline.
Insgesamt ein Film, der sich definitiv für all jene lohnt, die das Buch gerne gelesen haben oder in der Schule dazu gezwungen wurden. Und auch als völlig Ahnungslose*r kann man dieses jugendliche Roadtrip-Abenteuer genießen und die Einfachheit an sich heran lassen.