Loribeth packt ihren Koffer, zu voll?

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Steinbecks Roman zwischen Magie, Traum und Realität. (Foto: mal)

Auf dem Titelbild ist ein lachendes Strichmädchen mit Vogel auf der Schulter und Flasche in der Hand zu sehen, der Klappentext spricht von einer „phantastischen Reise“, in der sich Loribeths „Blick verändert“ und der Titel lockt mit Ungewöhnlichkeit: „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“, das Romandebüt von Michelle Steinbeck lässt eine heiter spannende und originelle Entwicklungsgeschichte mit Lebensweisheit erwarten. Aber falsch gedacht, schon auf der ersten Seite erfolgt der Bruch des Grauens. Solche Überraschungen können erfrischen, irritieren oder anstrengen.

Loribeth trifft auf der Straße ein Kind mit blinkenden Schuhen, von dem sie erst beschimpft und später in die Wohnung verfolgt wird. Sogleich lässt sich vermuten, dass dieses Kind, das im psychologischen Jargon als „innere Kind“ bezeichnete jüngere Ich Loribeths ist, das sie überwinden will. Als Loribeth aus dem Schlaf aufschreckt und das heiße Bügeleisen, das ihr vermutlich von ihrem jüngeren Bruder und dessen Gang auf die Brust gelegt wurde, aus dem Fenster schmeißt, trifft sie damit das Kind. Loribeth schleift das tote Kind von draußen in ihr Zimmer und hofft, dass alles nur ein Traum gewesen ist. Schon bei diesen ersten Seiten, die mit einigen Cuts versehen sind, verwischen Traum und Realität deutlich und erzeugen eine unsichere Schwebe, in der es schwer fällt sich auf die Geschichte einzulassen. „Ich hänge das Kind über die Heizung und setze mich aufs Bett“, ist da beispielsweise zu lesen. Eine Metapher oder einfach surreal?

Das trostlose Außen beschreibend, unaufgeregt und emotionslos berichtet die Ich-Erzählerin vom Umgang mit dem Kind. Nebenbei schiebt sie noch Paranoia, dass sie von ihrem Bruder und dessen Freunden belauscht wird. „Sie wollen mich in Leintücher schlagen und an den Haaren anzünden, tief inhalieren, mich hineinziehen in ihre kleinen grauen Organe und wieder ausblasen, bis ich ganz Asche bin.“ Schließlich packt Loribeth das tote Kind in einen Koffer und stiefelt mit diesem los Richtung Friedhof. Allerdings nicht ohne an drei Krähen vorbei zu laufen, eines der magischen Toten-Motive, die Michelle Steinbeck in ihrem Roman immer wieder vorkommen lässt, jedoch ohne erkennbaren Sinn. Auch das Motiv des Hungerns – Loribeth ist permanent auf der Suche nach etwas Essbaren – verliert durch die ständige Anwesenheit an Bedeutung.

Darf es noch ein bisschen mehr?

Auf dem Friedhof trifft Loribeth eine Wahrsagerin, die ihr prophezeit, dass sie den Koffer samt Kind ihrem Vater zurück geben muss, um sich von ihm und seinen auf sie projizierten Ängsten zu befreien. Loribeths Vater hatte sie zusammen mit Mutter und Bruder irgendwann sitzen gelassen. „Öffne das Herz, deklamiert die Alte, die Liebe ebnet den Weg.“ Diese philosophisch-psychologische Lebensweisheitsszene, wie auch die später folgenden, erscheinen zu wenig mit dem nüchternen Stil des restlichen Textes verbunden und erinnern an Ratgeber, die die große Weisheit  plakativ auf eine Tafel anbringen und so kaum Spielraum für die eigenen Gedanken lassen.

Auf der Suche nach ihrem Vater lernt Loribeth unter anderem auch die Liebe in Person des hellen Manns kennen, den sie aufgrund seiner Adern auf der Hand begehrt. Bei ihm bleibt sie allerdings nicht, „ich bin ja auf Reisen.“ Und doch sehnt sie sich nach ihm, obwohl der kinderliebende Fridolin Seifert sie inzwischen für sich gewonnen hat. Auch diese Szenen werden emotionslos und nüchtern erzählt, denn Emotionen lässt die Ich-Erzählerin in ihrer trostlosen Welt nur selten zu. Dabei erlebt sie zwischen Städten, Meer, Wüste und Partymeile so einiges.

Das Ende, so heißt auch das letzte Kapitel, verspricht jedenfalls nochmal ein explosives Finale der Extraklasse, wobei der Ich-Erzählerin ganz zum Schluss einmal mehr die Sonne direkt ins Gesicht scheint und die Krähen tatsächlich aufgehört haben, die Nuss knacken zu wollen.

Ja komm, hau drauf

Irritation, Theatralik, Mystik, verbrauchte Motive: Das Gefühl der Überfrachtung bleibt auch bei der Lektüre der zehn Kapitel auf 153 Seiten bestehen. Ebenso wie die Untergangsdramatik à la Lars von Triers Endzeitfilm Melancholia. Alles scheint nur noch schlimmer und skurriler zu werden. Die junge Autorin, 1990 in Lenzburg geboren, hat mit dieser phantastischen Entwicklungsgeschichte die Herausforderung gesucht. Aber bewirkt sie auch eine Aussage?

So einige. Zum Beispiel ist Glück gar nicht so erstrebenswert wie alle tun, den eigenen Weg finden allerdings schon. Und das Kind, das gar nicht so tot ist, wie es anfangs scheint, hat sie am Ende doch ganz gern. Allerdings könnte der Text auf lebensphilosophischer Ebene mehr Leerstellen vertragen. So bleibt der Nachgeschmack, dass viel Wind um wichtige Erkenntnisse gemacht wurde, die in Wirklichkeit verpuffen, da sie zum Großteil vorhersehbar erscheinen.

Steinbecks Sprache kann hingegen an einigen Stellen mit einer starken und originellen Bildhaftigkeit überzeugen: Ob „der Mond ein Zitronenschnitz“ oder „Das ist mir gerade so in den Kopf gefallen.“ Die poetische und verkürzte Sprache des ersten Romans der Autorin ist durch ihr bisher vorwiegend lyrisches, prosaisches sowie szenisches Schreiben geprägt. Michelle Steinbeck studierte Literarisches Schreiben in Biel, ist Mitglied des Forums für junge deutschsprachige Lyrik Babelsprech und veröffentlichte bereits Texte für Rundfunk, Sammelbände und Theaterbühnen. Zum Teil haben ihre sachlichen Beschreibungen auch einen dokumentarischen Charakter.

Die talentierte Autorin hat zwar zu viel in ihren Koffer gepackt, aber: Steinbeck traut sich etwas, probiert sich aus, beweist Fantasie und streift viele Themen, vom Erwachsenwerden, über Selbstfindung bis hin zu menschlichen Beziehungen. Ihre Ich-Erzählerin nimmt kein Blatt vor den Mund, erzählt lässig und unangenehm ehrlich, erscheint lethargisch abgestorben und zugleich hoffnungsvoll. Damit erreicht Steinbeck ein authentisches Bild der angeödeten und nach dem Sinn des Lebens irrenden Jugend. Gerade auch das zeitnahe Spiel zwischen Wirklichkeit und Traum gelingt der Autorin und lässt die entstehende Schwebe nach und nach zu einer gewollten Herausforderung für die Rezipient*innen werden. Gründe weswegen Michelle Steinbecks Romandebüt wohl für die Longlist des Deutschen Buchpreises und sogar für die Shortlist des Schweizer  Buchpreises 2016 nominiert wurde. Mit ihrem vielschichtigen Text provoziert die junge Autorin jedenfalls Lust auf mehr.