Die böse Schwester der GEMA

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Seminarinhalte bald nur noch in analoger Form? (Foto: dav)

Der neue Vertrag zwischen den Universitäten und der VG Wort sorgt für reichlich Ärger an den Hochschulen. Bisher konnten Lehrende die für das Seminar oder die Vorlesung benötigten Unterlagen online hochladen und den Studierenden zum Herunterladen anbieten. Der bisher gezahlte Pauschalbetrag soll nun durch Einzelabrechnungen abgelöst werden. Ist die Qualität der Lernmaterialen dadurch in Gefahr?

Von Gastautor Björn Gögge

An der UDE werden Kursunterlagen meist in den Semesterapparat oder bei Moodle hochgeladen. Bei den Inhalten wird Lehrenden einige Freiheit gelassen, in welchem Umfang Materialien und Sekundärliteratur zur Verfügung gestellt werden darf. Das ändert sich voraussichtlich ab dem 1. Januar. Gemeinsam mit der Kultusministerkonferenz hat die VG Wort die Einzelmeldung und -Vergütung eingeführt. Der bisherige Pauschalbetrag spielt keine Rolle mehr. Das digitale Lernen könnte durch den Rahmenvertrag massiv beschnitten werden.

Das Verlangen der VG Wort wirft unbedachte Konsequenzen auf, die sich nicht nur auf Studierende und Lehrende beziehen, sondern auch auf Studentische Hilfskräfte (SHKs). Lehrende müssen sich nun entscheiden, ob sie den Aufwand auf sich nehmen, jeden einzelnen Text bei der VG Wort anzumelden, oder ob sie die Materialien einfach nicht online stellen, sondern lediglich physisch im Semesterapparat anbieten. Die Konsequenz? Keine andauernde Verfügbarkeit der Lehrmaterialien, also weniger Flexibilität in der Beschaffung, hohe Kopierkosten, längere Warteschlangen an universitären Druck- und Kopierstationen, dadurch mehr Zeitaufwand – mehr Kosten für alle Beteiligten.

Die Aufgabenbereiche einiger SHKs könnten wegfallen, wie das Einstellen der zuvor gescannten oder kopierten Literatur in das Online-Angebot. Arbeitsplätze und Jobs der SHKs sind in Gefahr, sodass finanzielle Mittel, die eventuell zur Bewerkstelligung des Studiums dienen, fehlen. Außerdem betrachtet die VG Wort die Thematik realitätsfern und vergisst, dass es mit dem Melden der Texte nicht vorbei ist. Die Meldungen müssen von VG Wort-Mitarbeitenden geprüft und verifiziert werden. Das führt zu einem immensen Zeitaufwand auf beiden Seiten, um Literatur und Seminar- bzw. Vorlesungsmaterial und deren Nutzung zu bestätigen. Weniger Zeit, um Seminare konkret vorzubereiten und Studierenden die Texte flexibel und zu früheren Zeitpunkten verfügbar zu machen.

Nun fällt das Urteil zur Vertragsänderung der VG Wort in diesen ersten Zeilen relativ negativ aus. Würde man diese Änderung etwas positiver lesen, könnte man auch zu folgendem Urteil kommen: Nicht an allen Universitäten ist es die Hauptaufgabe der SHKs Reader, Online-Material, Kurse und Ähnliches vorzubereiten. An vielen Unis bleibt das Aufgabe der Lehrenden. Tatsächlich muss man sich aber die Frage stellen, wie es weitergeht und was getan werden muss, falls die Änderung unveränderbar gemacht wird.

Die Konsequenzen eines solchen Schritts werden von der VG Wort nicht transparent genug gemacht. Und vor allem: Was wird aus den SHKs, die eben doch Digitalisierungsarbeit als ihre Hauptaufgabe haben? Sollen die Stellen einfach wegfallen? Und haben die Lehrenden in diesem Fall die Zeit, selber alles online zu stellen? Oder wird bald alles wieder etwas analoger?

Sollte der Beschluss der VG Wort in Stein gemeißelt sein, gäbe es einige Möglichkeiten, um die genannten Problemen vorzubeugen. Zunächst wäre es wichtig, den Lehrenden nicht das alleinige Meldungsrecht bei der VG Wort einzuräumen. Das bedeutet, dass die Arbeit, die der*die Lehrende beim Melden der Literatur bei der VG Wort hat, notfalls auch von einem*r SHK übernommen werden darf. Beispielsweise über ein Programm, in dem Lehrende über ihren Account auch angestellte SHKs freischalten. Somit wäre auch ein neuer Arbeitszweig für SHKs erschlossen. Dem digitalen Lernen stünde nichts mehr im Wege.

Es ist aber wichtig festzuhalten, dass diese Arbeiten nicht komplett an den SHKs hängen bleiben dürfen. An einigen Unis werden den SHKs Literaturlisten gegeben, um daraus Reader zu erstellen. Wie diese Reader dann verfügbar sind, hängt von der jeweiligen Universität und Lehrenden ab. In jedem Fall müssen alle Literaturanschaffungen der SHKs vom*von Lehrenden gewährleistet und ein Zugang zur Meldeplattform gegeben sein.

Sollte das alles so klappen, sind alle Texte online, keine Jobs gestrichen und dennoch ist die Möglichkeit gegeben, an einen physischen Reader zu kommen, ohne dass man in augenscheinlich nie endenden Schlangen stehen muss. Dann bleibt die Verantwortung letztendlich bei den Studierenden, wie sie und welches Angebot sie in Anspruch nehmen.