Die kleinste Armee der Welt

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Ein ganz besonderer Gruß der Bavarian Taliban. (Foto: Martin Gerner)

Hohe Berge, grüne Wiesen, Ruhe, Frieden und klingende Bergkühe. Plötzlich stehen im Alpenpanorama zwei Männer mit Lederhosen, Turban und Schusswaffen. „Es lebe Bavaristan!“, rufen sie. Die beiden laden zu ihrem ganz speziellen Heimatabend ein, denn die Bavarian Taliban möchte die Alpenregion zivilisieren. Wer steckt hinter diesen beiden Kunstfiguren? Martin Gerner begleitete Hamon und Marcus auf ihrer Reise und blickt mit seiner Dokumentation Die kleinste Armee der Welt, die am 1. November im Essener Filmstudio Glückauf gezeigt wurde, hinter die Kostüme der beiden Protagonisten.

Hamon Tamin ist kaum wiederzuerkennen. Mit Brille, lässigen Klamotten und liebenswertem gar schüchternem Blick erzählt er von seinem Leben. Mit neun Jahren kam er mit seiner Familie nach Deutschland, wenige Meter neben ihrem Haus in Afghanistan explodierte eine Bombe. Bis ihr Aufenthalt genehmigt wurde, dauerte es einige Jahre. Einen deutschen Pass hat Hamon nach über 20 Jahren in Deutschland immer noch nicht. „Wenn die Ängste weg sind abgeschoben zu werden, dann kann ich mich hier wohl fühlen“, sagt er. Aber so fühlt er sich immer noch von der Gesellschaft ausgeschlossen, wird von Nazis angepöbelt oder wie ein Kind auf Deutsch angesprochen, bis das Gegenüber merkt, dass er die Sprache fließend beherrscht. Cut.

In einem Bergort versammeln sich viele Leute, fein heraus geputzt. Eine Militärkapelle tritt auf und schließlich werden die ausgewählten Soldat*innen, die nach Afghanistan fliegen, beklatscht und gefeiert. Marcus Hank, Münchener Polit-Aktivist und Theaterregisseur, filmt das ganze Szenario mit und ist sprachlos, dass tatsächlich Menschen gefeiert werden, die in den Krieg ziehen. Cut.

Durch den Schnee stapfen zwei Männer in bayrischer Tracht, nicht nur die kurzen Lederhosen irritieren, die beiden sind bewaffnet und tragen jeweils einen Turban auf dem Kopf. Plötzlich explodiert es an drei Stellen um die stehen gebliebenen Männer.

Manche werden diese Szenen, die Hamon und Marcus seit 2012 für ihr Blog bavariantaliban.blogspot.de filmen, geschmacklos finden, andere unverständlich und wieder andere? Die fragen sich vielleicht, warum ein Bayer einen Turban aufsetzt und ein Afghane eine Lederhose trägt. Oder andersherum? Wie viel Fremde steckt in jedem*r von uns?

Kunst dem Klischee-Krieg

Marcus Hank könnte ohne den Turban niemals die bayrische Tracht tragen, er fühlt sich selbst fremd in seiner Heimat. Mit zu viel Negativen verbindet er diese Traditionen, die zu oft ein wir und ihr – wir Freund*innen, ihr Fremde – schaffen. Gerade auch in den Medien sah Hamon die afghanischen Menschen als Fremde dargestellt, nicht etwa als Freund*innen. Die Medienberichterstattung über Afghanistan beschäftigte ihn auch in seiner Doktorarbeit. Durch ein Stipendienprogramm lernten sich Marcus und Hamon kennen und entwickelten die Idee der Bavarian Taliban. Sie wollen durch ihr provokatives Auftreten in Bayern und Österreich die Toleranz und den Inklusionswillen der einheimischen Menschen testen. Dafür laufen sie in Montur durch die Alpenregion und konfrontieren die Einheimischen bei den Heimatabenden mit derben Terrorist*innenklischees. Beispielsweise werden Personen aus dem Publikum gezwungen Texte vorzulesen, während die ganz schön echt aussehende Waffe auf sie gerichtet wird.

Bayern soll dabei nur als Symbol funktionieren. Gleichzeitig dient den beiden das Kunstprojekt als Bühne der Verarbeitung von eigenen Erfahrungen, Frustration und Hilflosigkeit.

Martin Gerner lässt sich auf die beiden Männer ein, beobachtet mit langsamen Bildern das Geschehen und versucht die anfängliche Irritation weniger werden zu lassen und die Motivation der Bavarian Taliban zu markieren. An anderen Stellen des Films schaltet er sich als Regisseur bewusst ein, stellt Fragen oder hält beispielsweise die Gespräche zwischen Hamon und einigen alten Herrn in einer urigen Kneipe fest. Er porträtiert dabei eben nicht nur das Kunstprojekt, sondern auch die beiden Akteure.

Der Regisseur, 1966 in Den Helder in den Niederlanden geboren, lebte und arbeitete mehr als ein Jahrzehnt in Afghanistan und unterstützte dort unabhängige Medien, Filmdrehs und Theaterprojekte. Gerner ist Journalist, Fotograf und Filmemacher und hat für seine erste Dokumentation Generation Kundus diverse Preise gewonnen. Auf seiner Internetseite martingerner.de gibt es beispielsweise auch ein Afghanistan-Blog.

Gerner tourte mit seiner Doku Die kleinste Armee der Welt durch ganz Deutschland und war auch im Essener Glückauf für eine anschließende Diskussion vor Ort. Bei dieser kam unter anderem die Frage auf, ob ein solches Projekt heute – nach mehreren Attentaten in Europa – überhaupt noch zugelassen worden wäre? Wobei Gerner die Angstmacherei kritisch sieht und meint, dass die Gefahr von einem Auto überfahren zu werden, doch um einiges höher ist, als Opfer eines Attentats zu werden.

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Besucher*innen bei der Diskussionsrunde mit Martin Gerner im Essener Kino Glückauf. (Foto: mal)

Während der Diskussion fiel auch das Wort Integration. Eine der gut 15 Zuschauer*innen fragte, was dieses Wort überhaupt bedeuten soll: „Die Einheimischen können schließlich auch etwas von den Zugezogenen lernen.“ Und was sollen deutsche Werte überhaupt sein? Hamon erklärte im Film auch, dass er in Deutschland eben auch Dinge registriert, die ihm nicht gefallen und die er kritisch sieht. Warum soll er diese übernehmen? Trotzdem kämpft er immer noch um seine Zugehörigkeit und Anerkennung und vermittelt damit auch Menschen in einer ähnlichen Situation, dass sie sich nicht ausschließen lassen sollen.

Für das Durchbrechen von Klischees müssen Begegnungen zwischen vermeintlich Fremden geschaffen werden. Ob das Reproduzieren von Klischees, wie es die Bavarian Taliban bedienen, dafür eine Möglichkeit ist, sei dahin gestellt. Und wie Marcus bei einer Feedbackrunde nach einem Heimatabend sagt: „Es ist ein unvollendetes Kunstprojekt, was jeder selbst vollenden muss. Wir wollen keine Antworten geben, keinen Deckel zuschlagen.“ Und gerade diese provozierende Irritation liefert Stoff zum Diskutieren.