Ein Kardinal für die UDE

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Mercator-Professor 2016: Karl Kardinal Lehmann. (Foto: (c) Bistum Mainz)

Die Wahl ist gefallen: Karl Kardinal Lehmann ist in diesem Jahr Inhaber der Mercator-Professur. Die Universität Duisburg-Essen begründete ihre Auswahl, dass sich mit ihm  „als Brückenbauer und Reformer erneut die Grundidee der Mercator-Professur: Weltoffenheit und debattenanregende Beiträge zu wichtigen Zeitfragen“ erfülle. In der Vergangenheit war die Kandidat*innenauswahl durchaus umstritten. Und dieses mal?

Seit 1997 vergibt die UDE jährlich die Mercator-Professur und gedenkt damit dem Duisburger Kartographen Gerhard Mercator. Sein „wissenschaftliches Vermächtnis“ solle „wach gehalten werden“, heißt es auf der Homepage der Universität. Preisträger*innen halten an den Campi in Essen und Duisburg je einen Vortrag. Mercator wurde berühmt für seine Karten und Globen, war aber auch Kosmograph, Theologe und Philosoph. Mit seiner Mercator-Projektion gelang ihm, die Form der Erde möglichst genau auf einer Karte darzustellen und lieferte damit der See- und Luftfahrt eine Methode zur Navigation.

Für ein Miteinander

Mit Lehmann kommt ein Vertreter der katholischen Kirche an die UDE und jemand, der sich seit Jahren für die Ökumene (Dialog zwischen evangelischer und katholischer Kirche) stark macht. 2001 ernannte ihn Papst Johannes Paul II zum Kardinal, woraufhin Lehmann sowohl am Konklave 2005 als auch 2013 teilnehmen durfte. Bis 2008 war er für 21 Jahre Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Die Leiterin des Ressorts Presse an der UDE, Beate Kostka, betont: „Wie kein anderer setzt sich Kardinal Lehmann für die Ökumene in Deutschland ein und beweist starkes Engagement in der Wertedebatte. Stets geht es ihm darum, Gegensätze zu überbrücken und Gemeinschaft aufzubauen.“

In der Vergangenheit sprach sich Lehmann in verschiedenen Aspekten für eine moderne Gesellschaft aus. So zeigte er sich mit Kollegen in ihrer gemeinsamen Schrift Zur seelsorglichen Begleitung von Menschen aus zerbrochenen Ehen, Geschiedenen und Wiederverheirateten Geschiedenen engagiert und fordert mehr Verständnis. Darüber hinaus könne er sich vorstellen, dass in Zukunft auch verheiratete Männer zur Priesterweihe zugelassen würden. Weniger aufgeschlossen zeigt er sich aber gegenüber der Homosexualität. Er spreche sich zwar nicht dagegen aus, sagt jedoch, es sei nicht klar, warum es sie gebe. Man müsse  Homosexuellen gegenüber aber tolerant bleiben. Sie könnten Posten in der katholischen Kirche inne haben, es solle aber nicht für Homosexualität auf der Straße geworben werden. Weiter spricht sich Lehmann für einen Dialog mit dem Islam aus. Er bemängelt, dass bisherige Gespräche basierend auf zu geringen Kenntnissen des Korans stattgefunden hätten.

2010 verurteilte er in seiner Karfreitagspredigt als Reaktion auf die Skandale pädophile Sexualtäter*innen und sagte ausdrücklich: „Sie schwächen und verraten das Evangelium Jesu Christi, der gerade die Kinder in die Mitte stellte“. Kurz vor seinem Ruhestand sprach Lehmann von „Starrköpfen“ in der katholischen Kirche und meinte, letztere bewege sich zwar, aber nur langsam. Für sein Engagement wurde Lehmann bereits mehrfach ausgezeichnet. So trägt er unter anderem das Bundesverdienstkreuz und mehrere Ehrendoktorwürden.

Streit um Hessischen Kulturpreis

2009 geriet Kardinal Lehmann in scharfe Kritik. Zusammen mit Peter Steinacker (ehemaliger evangelischer Kirchenpräsident), Salomon Korn (Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland) und Navid Kermani (Schriftsteller und Orientalist) sollte er 2009 mit dem Hessischen Kulturpreis ausgezeichnet werden. Weil Kermani in einem von ihm verfassten Text über ein Gemälde des Barockmalers Guido Reni das Kreuz als Gotteslästerung und Idolatrie beschrieb, erklärten Steinacker und Lehmann, sie könnten den Preis nicht zusammen mit ihm annehmen. In einem Schreiben an den ehemaligen Ministerpräsidenten Roland Koch (CDU) unterstellte Lehmann Kermani einen mangelnden Willen, fremde Religionen zu verstehen. Er könne nicht gemeinsam mit jemandem auf einer Bühne stehen, der sich so über das Kreuz äußere. Steinacker unterstützte Lehmann in seiner Forderung und das Kuratorium des Hessischen Kulturpreises ließ Taten folgen: Kermani wurde der Preis aberkannt. Dieser erfuhr davon allerdings erst aus der Zeitung. Zudem konnte er die Kritik Lehmanns nicht nachvollziehen. Zwar habe er sich drastisch ausgedrückt, im Folgenden aber auch geschrieben, er sei an den Rand der Konversion geführt worden, er könne an ein Kreuz glauben. Kermani zeigte sich erschüttert über die Ausdrucksweise Lehmanns im Brief an Koch. Der Ton sei diffamierend gewesen, der Verfasser habe sich selbst diskreditiert.

Nachdem der Vorfall bundesweit für Aufmerksamkeit sorgte, kam es schließlich zu einer Aussprache zwischen den Preisträgern, aus der resultierte, dass Kermani nun doch ausgezeichnet werden sollte. Kostka hierzu: „Nachdem sich die Beteiligten ausgesprochen haben, kam es zur Verständigung. Diese hier zum Ausdruck kommende Haltung (klare Position beziehen, gesellschaftliche Diskussion anregen, im besten Fall den Konsens befördern) entspricht dem, was den Inhaber der Mercator-Professur auszeichnen soll.“

Klare Position bezogen in der Tat alle Beteiligten. So ging Kermani auf der Preisverleihung nochmals auf die Auseinandersetzung ein und erklärte, er habe einen „bewusst literarischen“ Text geschrieben. Hierfür müsse er sich weder entschuldigen, noch etwas zurücknehmen. Zudem wies er darauf hin, dass eine Gesellschaft, in der verschiedene Kulturen und Religionen aufeinander treffen, nicht konfliktfrei sein könne. Man müsse aber friedlich und konstruktiv an Lösungen arbeiten.

Was bleibt

Kostka führt aus, „als liberaler Vordenker prägt Karl Kardinal Lehmann die katholische Kirche Deutschlands seit Jahren entscheidend mit und bezieht in streitbaren Fragen klare Position“. Dies zeigte sich deutlich in der Debatte um den Hessischen Kulturpreis, aber auch in seinem Bestreben für die Ökumene. AStA-Vorsitzender Marcus Lamprecht kritisiert jedoch die Entscheidung der Universität: „Ein*e gute Mercator-Professor*in ist für uns eine Person, die in besonderer Weise für eine offene Gesellschaft eintritt und neben ihrem sonstigen (wissenschaftlichen) Wirken auch gesellschaftlich wirkt.“ Dies sehe er bei der katholischen Kirche wegen ihrer „antihomosexuellen Haltung“ und „dem rückständigen Umgang mit vom christlichen Lebenswandel abweichenden Lebensentwürfen“ nicht gegeben. Als Kardinal repräsentiere Lehmann diese katholische Kirche. Kermani sei für den AStA der geeignetere Mercator-Professor.

 

Update:

Auf Anfrage der akduell hat sich Karl Kardinal Lehmann zu seiner Rolle als Mercator-Professor geäußert. Er habe in der Vergangenheit bereits an den Universitäten in Berlin, Düsseldorf und Mainz ähnliche Professuren inne gehabt. Er findet, es sei „eine gute Gelegenheit, nicht nur als Theologe innerhalb einer Universität ins Gespräch zu kommen, sondern auch Kollegen aus anderen Fächern, viele Studierende ebenfalls anderer Disziplinen und interessierte Bürger aus der Umgebung zu begegnen.“ Dies gelte besonders auch für jüngere Universitäten.

Im Bezug auf die weltliche Lage und Religiosität erläutert er, Religionen gerieten mehr und mehr in eine ambivalente Situation. Es käme zu Mitgliederverlust und Religion werde „durch die Verbindung mit Gewalt in eigentümlicher Weise Thema im öffentlichen Gespräch der ganzen Welt.“ Man sei noch „zu sehr uneins“. Lehmann fügt aber hinzu, die Themen der Religion zeigten sich unentbehrlich in den Krisen der Gegenwart, „wenn wir sie für heute zu deuten verstehen“.

Zu der Debatte um den Hessischen Kulturpreis 2009 sagt Lehmann: „Wer heute öffentlich für Religion und besonders für einen wehrhafte Katholizismus eintritt, muss von vornherein mit Auseinandersetzungen rechnen.“ Er sieht darin auch eine Chance, sachgemäß antworten und seine Position erläutern zu können und damit besser verständlich zu machen. Weiter führt er aus: „Wenigstens der biblische und christliche Glaube wird in seiner Bedeutung für unsere Gesellschaft erst noch entdeckt werden.“ Darüber müsse das Gespräch gesucht werden „und sei es im Streit“.