Selbstportraits vor dem digitalen Zeitalter

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jung und alt: Boris Mikhaïlovs Selbstportraits mit Publikum.

Ein roter Vorhang. Beim genaueren Hinschauen besteht er nicht nur aus roten, sondern ebenso aus weißen Kunststoffperlen. Hinter dem Vorhang: Malerei, Fotografie, Skulptur und Video mit dem gemeinsamen Thema des Selbstportraits. Die Ausstellung „dancing with myself“ im Museum Folkwang kann noch bis zum 15. Januar 2017 besucht werden.

Von Gastautorin Lorenza Kaib

Der rote Vorhang ist nicht etwa eine dekorative Spielerei oder Teil der Ausstellungsarchitektur. Es handelt sich um die mehrteilige Arbeit Untitled (Blood) von Félix González-Torres aus dem Jahr 1992. Der kubanische Künstler verstarb 1996 an AIDS und thematisierte seine Krankheit in seinen Arbeiten.

Bereits im ersten Raum wird klar, dass in der Ausstellung Genregrenzen gebrochen werden –durch die Zusammenstellung der dort gezeigten Arbeiten, aber auch innerhalb einzelner Werke. So kommen etwa die Gemälde Untitled (Alpino, 1976) und Untitled (After Sam, 2006) von Rudolf Stingel fotorealistisch daher, wirken wie stark vergrößerte Portraitaufnahmen. Auch zeitliche Grenzen werden beim Besuch der Ausstellung durchschritten: Eine Reise durch 50 Jahre Kunstgeschichte anhand von über 100 Werken – entliehen aus der Pinault Collection und ergänzt von Arbeiten aus dem Sammlungsbestand des Museums.

Die Ausstellungsarchitektur ist verwinkelt, die große Halle des Museums unterteilt in kleine Räume mit vielen Durchgängen. Durch diese Offenheit trägt sich der Ton der Videoarbeiten durch das ganze Gebäude. Störend fällt dies etwa bei der Arbeit For Beginners (all the combinations of the tumb and Fingers) von Bruce Naumann ins Gewicht – die Stimme ist sehr autoritär und überlagert die Wahrnehmung anderer Werke. Beim Besuchen der Ausstellung hat man jedoch auch dadurch seine Ruhe, dass man sich in eine solche Nische zurückziehen und mit einem Werk auseinandersetzen kann – das Publikum verteilt sich angenehm. Die in den einzelnen Arbeiten angesprochenen Themen sind sehr vielfältig, sie reichen von der biografischen Auseinandersetzung des Schaffenden mit sich selbst über abstrakte Körperkompositionen hin zum Aufzeigen gesellschaftlicher Problematiken – letztes nicht ohne Kritik und eigene Haltung.

LaToya Ruby Frazier fotografiert sich zusammen mit ihren weiblichen Familienmitgliedern und Freund*innen, meist zu Hause. Ihre Herkunft spielt bei ihrer Arbeit eine große Rolle: Sie wuchs in Braddock, Pennsylvania auf – einer Gegend, die nach dem Zusammenbruch der Stahlindustrie zunehmend verarmte. In den ruhig komponierten, klassisch sozialdokumentarisch anmutenden Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Serie The Notion of Family richtet die Fotografin ihren Blick direkt auf die Betrachtenden, bezieht sie mit ein. Es ist ein bewusstes sich preisgeben, in das ihre Familie auch konzeptuell stark mit eingebunden ist.

Die gezeigte Arbeit Noticias de America von Paulo Nazareth entstand während einer langen Reise. Er ging zu Fuß von Südamerika in die USA, wobei er bewusst Routen nahm, die viele Migrant*innen beschreiten. Via Blog ließ er die Welt an seiner Tour teilhaben. Aus manchen Bildern spricht die Kritik sehr deutlich: Er zeigt sich mit Schildern, auf denen er auf verschiedenen Sprachen seine Arbeitskraft anbietet. Andere Bilder sind verschlossener und lassen mehrere Deutungen zu. Die beiden Selbstportraits mit jeweils einem Knochen im Gesicht und einem Stück rohen Fleisch gehören zur zweiten Kategorie. Sie zeugen von einem absurden Humor und sind zugleich verstörend. Ohne den erklärenden Wandtext zu lesen ist die Arbeit schwer einzuordnen, wirkt fragmenthaft mit unklarer Aussage.

Fragen nach Alter und Geschlecht

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Zwei Selbstportraits von Paulo Nazareth. (Fotos: Lorenza Kaib)

Eine verstörende Wirkung geht von einer Abfolge aus drei Bildern aus. Der Künstler Boris Mikhaïlov ist darauf abgebildet, wie er sich aus einem Haus durch eine Verandatür nach draußen windet, sich um sie schlängelt. Er ist nackt. Die Spuren seines Alters, die Gebrechlichkeit des nicht mehr jungen Körpers, sind deutlich zu sehen. Es ist kein klassisches Portrait, hat keine Ähnlichkeit zu möglichst schmeichelhaften Selfies. Auch in anderen Arbeiten inszeniert sich Mikhaïlov entgegen gesellschaftlicher Erwartungen. So etwa in der Serie I am not I von 1992, für die sich Mikhaïlov nackt pseudo-athletisch posierend im Studio fotografierte. Die Posen sowie Requisiten würden konträr zum Idealbild eines Mannes in Russland stehen, äußerte sich der Künstler einmal.

Geschlecht, Rollenerwartung. Mit diesen Begriffen spielen viele Künstler*innen. Ein ganzer Raum zeigt Arbeiten von Cindy Sherman – eine der bekanntesten Künstlerinnen, die sich ab den 1970er Jahren mit der Rolle der Frau und der eigenen Identität auseinandersetzt. Sie mischte die bis dato männlich dominierte Fotografie-Szene auf. Zu sehen sind aktuelle Arbeiten sowie eine aus ihrer Studienzeit. Ebenfalls eine bekannte Fotografin ist die Britin Nan Goldin. Ihre Fotografien sind Zeugnisse ihres Lebens, schonungslos und oft provokativ. Auf dem einen der drei ausgestellten Fotografien ist sie selbst zu sehen, ein paar Wochen, nachdem sie zusammengeschlagen wurde.

Die heute allgegenwärtige bildliche Auseinandersetzung mit sich selbst kann einen aber auch überdrüssig werden lassen. Roman Opalka war bei der Bearbeitung seines Lebens, der Aufzeichnung seiner Lebenszeit, auch obsessiv — jedoch ohne Kamera unterwegs. Für die Arbeit 1965/1–∞  malte er bis zu seinem Tod im August 2011 jeden Tag ein Bild voll mit Zahlen, die er währenddessen sprach und aufnahm. Jeden Tag mischte er ein Prozent mehr weiß in seine ursprünglich graue Farbe. Die daraus resultierenden immer heller werdenden Bilder visualisieren seinen Alterungsprozess bis zum finalen Verschwinden.

Info:

Am 10. November ab 18 Uhr geht Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Sabine Kampmann (Ruhr-Uni Bochum) in dem Vortrag „Maskeraden des Alters im Künstlerselbstporträt
“ auf einzelne Arbeiten aus dancing with myself ein. Der Eintritt beträgt fünf Euro, ermäßigt 2,50 Euro. Donnerstags und freitags gibt es ab 18 Uhr die Möglichkeit, kostenlos eine Begleitperson mit in die Ausstellung zu nehmen.

kostenlose öffentliche Führungen:
Sonntag, 13. November, 15 Uhr
Donnerstag, 17. November, 18 Uhr
Donnerstag, 24. November, 18 Uhr
Sonntag, 27. November, 15 Uhr

Ich-Maschine. Ein Abend für Studierende:
Donnerstag, 1. Dezember, 18-22 Uhr
Eintritt inkl.Snacks : 10 Euro/ 5 Euro, Teilnahme kostenfrei für Zwillinge und Doppelgänger*innen

Führung mit der Kuratorin Anna Fricke:
Freitag, 2. Dezember, 18 Uhr
3 Euro / 1,50 Euro zuzüglich Eintritt