Täglich grüßt die Bundeswehr

8

Mit „Die Rekruten“ produziert die Bundeswehr eine Webserie auf Youtube. Ein Abbild der Realität vermittelt sie aber ganz und gar nicht. (Foto: mal)

„Ab November werden härtere Töne angeschlagen.“ „Ab November wird zusammen gefaltet.“ „Ab November kannst du dir das abschminken.“ Eieiei. Die Bundeswehr hat die Welt des Internets endgültig für sich entdeckt und wirbt an jeder Ecke – einmal mehr mit feschen Plakaten für den Nachwuchs. Seit dem 1. November läuft auf Youtube die Webserie Die Rekruten, die zwölf Menschen aus ganz Deutschland bei ihrer zwölfwöchigen Grundausbildung begleitet.

„Wir werden jetzt grüßen, gehen und stehen. Da werde ich jetzt erklären wie und wo man grüßt“, sagt Oberbootsmann Knoll am elften Tag der Grundausbildung in der Marinetechnikschule im mecklenburg-vorpommerischen Parow in die Kamera. Wenig später stellt Knoll, der den Formaldienst leitet, sich vor die Rekrut*innen und spricht über die Wichtigkeit der Grußtraditionen. Noch am selben Tag müssen die neuen Kamerad*innen zeigen, ob sie bereits den rechten Arm im rechten Winkel halten können, um schließlich den Mittelfinger an die Schläfe zu bringen. Nebenbei zeigt die Handkamera einen der zwölf Rekrut*innen Grimassen schneidend und einen anderen stolz im Flüsterton sprechend: „Ich habe gefurzt“.

Die fünf- bis sechsminütigen Videoclips, unterlegt mit Gute-Laune-Musik bis hin zu Spooky Sounds, haben die Bundeswehr – also den Staat – 1,7 Millionen Euro gekostet. Anscheinend viel zu wenig, denn das Format Videotagebuch meets Reality-Soap, produziert von einer Düsseldorfer Werbeagentur, könnte allemal eine spannendere Dramaturgie und mehr Actionelemente vertragen. Von G36, Kriegserfahrungen oder den psychischen Folgen eines Auslandseinsatzes ist in den ersten Folgen nichts zu hören. Stattdessen preist Jerome (19) aus Moers seine neue Tarnkleidung – alles in allem im Wert von 3.000 bis 4.000 Euro – als 2017-er Frühjahrsmode an und Julia (18) aus Kutzleben muss weinen, weil sie kurz nach der Ankunft in Mecklenburg-Vorpommern ihre Piercings raus nehmen muss.

Vielleicht hätte das Verteidigungsministerium doch noch etwas von den 6,2 Millionen Euro Werbekosten in die Webserie stecken sollen?

„Unsere Rekruten sind alle echt und keine Schauspieler“, schreibt die Bundeswehr in der offiziellen Beschreibung des Kanals. Und ja, sowohl die Rekrut*innen als auch die Ausbilder*innen kommen authentisch rüber. Die Ausbilder*innen zeigen sich rau, kurz angebunden und werden schon mal laut, denn wer nicht täglich den Staub wegwischt, das Pissoir reinigt und die Offizier*innen richtig grüßen kann, muss mal überlegen, ob er*sie hier richtig ist.

Seit 2011 die Wehrpflicht abgeschafft wurde, hat die Bundeswehr noch mehr Wettbewerbsdruck. Sie will sich als attraktiver Arbeitgeber darstellen. Schließlich sollen bis 2023 14.300 neue Soldat*innen und 4.400 zivile Mitarbeiter*innen eingestellt werden. Harte Regeln, Wanderungen mit schweren Gepäck und wenig Luxus locken dabei wohl wenig. Pseudogemeinschaft, unabhängige NC-Verfahren und ordentlich Kohle wohl umso mehr.

Schon in diesem Jahr ist das Militärbudget von rund 34 Milliarden Euro, das seit der Gründung der Bundeswehr 1955, höchste. Allein 35,3 Millionen Euro fließen dabei in die Rekrutierung des Nachwuchses. Neben Jugend-Camps, wie dem „Edelweiß-Camp“ in der Bayerwald-Kaserne in Regen, Karriereberater*innen an Schulen, „BW Musix“, ein jährlicher Musikwettbewerb mit rund 1.000 Teilnehmer*innen oder der 2014 eröffnete Showroom in Berlin, präsentiert sich die Bundeswehr nun auch seit drei Jahren vermehrt im Netz. Dabei gibt es das Nachwuchsproblem laut Augsburger Allgemeinen nicht, denn die Zahl der bei der Bundeswehr beschäftigten Minderjährigen ist von 689 im Jahr 2011 auf 1.576 gestiegen. Was der Bundeswehr momentan vor allem fehle, sei Fachpersonal für die fast 4.000 unterschiedlichen Berufe.

Gebraucht oder nicht. Der Youtube-Kanal schlug jedenfalls ein wie eine Bombe: Mehr als 13 Millionen Aufrufe, über 200.000 Abonnent*innen. Allerdings sinkt das Interesse und damit die Anzahl der Aufrufe. Bleibt die Frage, was ist besser: die Wiedereinführung der Wehrpflicht oder Werbemaßnahmen wie diese?