Zwischen Reformation und Hass

Er wird gefeiert für den Anschlag seiner 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg und für seine Übersetzung der Bibel ins Deutsche. Er gilt als Reformator; er spaltete die Kirche. Dieses Jahr wird im Rahmen der Lutherdekade unter dem Motto „Reformation und die Eine Welt“ bis über Deutschlands Grenzen hinaus an Martin Luther, seine Überzeugungen und die Bedeutung der Reformation erinnert. Eine kritische Auseinandersetzung mit Luther rückt dabei schnell in den Hintergrund. Die Person Martin Luther stand nämlich für mehr als den Protestantismus.

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Neben dem Protestantismus vertrat der Mönch auch antisemitische Ansichten. (Foto: flickr.com/setiadi/CC BY-NC-ND 2.0))

Am 31. Oktober 1517 soll er seine Thesen an die Schlosskirche Wittenbergs gehämmert haben. Sie sollten aufzeigen, dass allein der Glaube an Christus und Reue genügen, um Gottes Gnaden zu erhalten und sich vor der Hölle zu retten. Zuvor war es gängige Praxis, sich durch Ablassbriefe freizukaufen. Mit seinen Auffassungen gewinnt Luther aber nicht nur Anhänger*innen. Die Kirche in Rom ist aufgebracht, will ihn sogar als Ketzer verbrennen lassen. Im Reichstag von Worms 1521 soll er sich schließlich von seinen Schriften distanzieren. Da er aber weiter an ihnen festhält, wird über ihn die Reichsacht – eine durch den Monarchen ausgesprochene Ächtung – verhängt. Er gilt fortan als vogelfrei und findet auf der Wartburg bei Eisenach Zuflucht. Dort übersetzt er mit Sprachwissenschaftlern und Theologen in der berühmten Lutherstube zuerst das Neue, später auch das Alte Testament. Wenn dies auch nicht die erste deutsche Übersetzung der Bibel ist, so unterscheidet sie sich von ihren Vorgängern. Luther setzt bei seiner Übersetzung auf die Texte in ihren Ursprachen (Hebräisch und Griechisch). Auch nutzt er einen einfacheren Sprachgebrauch, wodurch die Lutherbibel allen deutschen Bürger*innen zugänglich sein soll. Acht Jahre später, 1529, kommt es zur Protestation zu Speyer. Anhänger*innen Luthers protestieren gegen dessen Verurteilung. Der Protestantismus ist geboren, die Kirche endgültig gespalten.

Bis heute wird die Geschichte Luthers erzählt und gefeiert, in der ZDF-Dokumentation „Martin Luther – Petra Gerster auf den Spuren des Reformators“ merkt Gerster dennoch an:  „Vieles, was über Martin Luther erzählt wird, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als volkstümliche Legende.“ So sei nicht belegt, dass Luther die Thesen anschlug. Er selbst habe davon nicht erzählt und auch seinen Zeigenöss*innen sei dies nicht bekannt gewesen. Erst durch 20 Jahre später datierte Schriften gibt es Hinweise hierauf. Luther-Biograph Martin Treu erläutert außerdem: „Wenn es denn nach den Statuten der Universität gegangen ist, hat nicht Luther die Thesen angeschlagen, sondern der Hausmeister […] und nicht nur an die Tür der Schlosskirche, sondern an die Türen der Wittenberger Kirchen.“ Entgegen eigener Aussagen wuchs Luther auch nicht in armen Verhältnissen auf, seine Familie gehörte der städtischen Oberschicht an. Deutlich schwerwiegender jedoch sind Luthers Aussagen über Jüd*innen.

Von den Juden und ihren Lügen

Äußert Luther sich zunächst noch wohlwollend über Jüd*innen und fordert ein Ende ihrer schon damaligen Diffamierung, so soll sich seine Meinung bald ändern. Er ist gewillt, Jüd*innen zum Christentum zu führen, sie zu missionieren. Als dies nicht funktioniert, entwickelt er ihnen gegenüber Hass. In seiner Schrift Von den Juden und ihren Lügen (1543) hetzt er gegen sie und ruft dazu auf, Synagogen niederzubrennen und sie zu vertreiben. Er rät weiter: „Zum dritten: daß man ihnen alle Betbüchlein und Talmudisten nehme, worin solche Abgötterei, Lügen, Fluch und Lästerung gelehrt wird.“. Auch zur Arbeit soll man sie zwingen. Luthers Hass ist durch Vorurteile und Brutalität gespickt. Die Taten der Nationalsozialist*innen zeigen knapp 400 Jahre später deutliche Parallelen zu Luther auf: Während schon 1933 bei der Bücherverbrennung neben pazifistischen und marxistischen Werken auch jüdische Schriften vernichtet werden, steckten die Faschist*innen am 9. und 10. November 1938 –an Luthers Geburstag – bei der Novemberpogromnacht jüdische Glaubensstätten in Brand. Trotz seiner antisemitischen Ansichten kann Luther keine Heraufbeschwörung des Holocausts attestiert werden. Thomas Kaufmann, Professor für Kirchengeschichte, erklärt in der ZDF-Dokumentation: „Luther hat die Vorstellung, dass man Juden massenhaft töten würde, keinerlei Anhaltspunkt geboten. Also wenn, ist die religiöse Motivation bei Luther entscheidend und rassistische Argumente spielen bei ihm in keiner mit dem Nationalsozialismus vergleichbaren Weise eine Rolle“. Ob Antijudaist, oder Antisemitist: Seine Forderungen waren menschenverachtend. Dies zeigt sich auch in seinen Ausführungen zu Hexer*n, Behinderten, Türk*innen und dem Bäuer*innenaufstand. So schreibt Pfarrer Nils Petersen, für Luther seien Behinderte „Wechselbälger“ gewesen. Die Bäuer*innen, die in Luther anfangs noch den verbündeten Revolutionär sehen, solle man „würgen und stechen, sie totschlagen wie einen tollen Hund“ erläutert die Dokumentation die Ausführungen des Reformators. Luther fürchtet den Untergang der Ordnung und sieht die Reformation bedroht.

Die Kirche lenkt ein

Im November 2015 distanzierte sich die Evangelische Kirche in Deutschland von der Jüd*innenfeindlichkeit Luthers. Die evangelische Kirche habe dem jüdischen Volk gegenüber versagt. Zudem gestehe man ein, dass man Luthers Ansichten im 19. und 20. Jahrhundert für den Antijudaismus und Antisemitismus nutzen konnte. Erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges habe sich die Sicht auf das Judentum verändert und eine Weiterentwicklung stattgefunden. Auf der Homepage der Lutherstadt Wittenberg hingegen ist zu lesen: Beim Lutherjahr 2016 „geht es einerseits darum, die Reformation als Weltereignis zu verstehen, zum anderen um die Aktualität des für die damalige Zeit revolutionären Gedankenguts. Denn gerade heute sind Gleichberechtigung, Verständnis und Nächstenliebe wieder äußerst wichtige Themen, um ein Zeichen gegen Intoleranz und Hass zu setzen.“ Im ersten Moment klingt dies nach einem vorbildlichen Vorhaben. Wenn in dieser Aussage auch nicht Luthers Antijudaismus miteinbezogen sein mag, so gehörte dieser zu seinem Gedankengut. Eine klare Abgrenzung ist  deshalb notwendig. Es stellt sich aber auch die Frage, ob allein die Distanzierung zu Themen wie Luthers Jüd*innenhass ausreicht oder ob das Vermächtnis der Reformation weiterhinvorgeschoben wird?