Aus den Kameraaugen, aus dem Sinn

An der Haltestelle Rheinischer Platz in Essen soll verstärkt auf Videoüberwachung gesetzt werden, um die Drogenszene zu vertreiben. Die verlagert sich jetzt auf den Campus. (Foto: fro)

An der Haltestelle Rheinischer Platz in Essen soll verstärkt auf Videoüberwachung gesetzt werden, um die Drogenszene zu vertreiben. Die verlagert sich jetzt auf den Campus. (Foto: fro)

Ab Ende des Jahres soll die Haltestelle Rheinischer Platz unmittelbar am neuen Hörsaalzentrum R14 mittels Videoüberwachung verstärkt von der Polizei beobachtet werden. Der Grund: Die Haltestelle ist ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt von Drogengeschäften. Kommt es zu einer Verdrängung auf den Campus?

Schon seit längerem berichtet die lokale Presse über den Verkauf von Drogen an der U-Bahn-Haltestelle. Zwar sei die Zahl der Dealer*innen am Essener Campus noch nicht signifikant gestiegen, so Beate Kostka, Leiterin der Pressestelle der Universität Duisburg-Essen. Aber: „Das größere Problem aus Sicht der Hochschulverwaltung sind die Süchtigen, die im Uni-Gebäude Drogen konsumieren,“ heißt es auf Anfrage der akduell. Universitätsbedienstete und Studierende empfänden das Aufeinandertreffen mit Drogenkonsumierenden als eine Bedrohungssituation, da ihre Reaktionen und ihr Aggressionspotential nicht eingeschätzt werden könne. Vor allem das Parkhaus, die Gebäude auf der Universitätsstraße und an der Schützenbahn seien davon betroffen. „Ein echtes Problem ist auch, dass auf einigen Toiletten und in ‚stillen Ecken‘ der Uni immer wieder mit Verschmutzungen und blutigen Hinterlassenschaften von Drogenkonsumenten gerechnet werden muss“, so Kostka weiter.

Verdrängungspolitik?

Um dem entgegenzuwirken, hat auch die Universität zum einen den Sicherheitsdienst verstärkt und zum anderen in den Treppenhäusern des Parkhauses Blaulichter installiert. Damit soll es Konsumierenden erschwert werden, sich eine Nadel zu setzen. Nichtsdestotrotz hofft Kostka, dass die Videoüberwachungen am Rheinischen Platz zu einem Rückgang der Drogengeschäfte in Campusnähe führt. „Uns ist gesagt worden, dass es nicht zu einer Verdrängung der Szene ins nähere Umfeld kommen wird,“ so Kostka.

Schärfere Kritik an der geplanten Überwachung findet hingegen Nils Kriegeskorte, AStA-Referent für Hochschulpolitik: „Die neu eingeführte Videobeobachtung sowie die Polizeieinsätze haben den alleinigen Sinn, den Drogenhandel zu bekämpfen. Zusätzlich sorgt die Videoüberwachung nur zu einer Verlagerung der Situation, ohne Verbesserungen mit sich zu bringen.“ Die Taktik sei eine kontraproduktive Verdrängungspolitik. Drogen würden – unabhängig davon, ob ihr Kauf legal oder illegal ist – erworben werden. Im April veröffentliche die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) eine repräsentative Studie mit dem Titel Die Drogenaffinität in der Bundesrepublik Deutschland 2015, aus der hervorgeht, dass der Tabak- und Alkoholkonsum von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwar insgesamt rückgängig, der Konsum von Cannabis dagegen leicht gestiegen ist. Während 9,7 Prozent der Jugendlichen angaben, schon einmal Cannabis konsumiert zu haben, hätten sich 34,5 Prozent der jungen Erwachsenen bereits dem Rauschmittel hingegeben. „Wer in dieser Situation die vollumfängliche Legalisierung von Cannabis fordert, der sorgt dafür, dass noch mehr Jugendliche zum Joint greifen“, sagte Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, deshalb dem Tagesspiegel und postulierte eine Weiterführung der restriktiven Drogenpolitik.

Liberalisierung der Drogenpolitik?

Anders als die Drogenbeauftragte spricht sich Kriegeskorte dafür aus, die Drogenpolitik in Deutschland zu liberalisieren: „Sinnvoll wäre eine Legalisierung und Regulierung, verbunden mit einem Ausbau von Suchthilfeangeboten, Präventionsarbeit und Beratungsangeboten.“ Die momentane Politik führe dazu, dass Konsumierende kriminalisiert und dadurch zurückgeschreckt würden, Hilfe zu suchen. Nichtsdestotrotz sieht er auch Gefahren beim Drogenkauf. Der Reinheitsgrad der Substanzen sei beim Straßenkauf nicht überprüfbar. Es bestehe also immer ein Gesundheitsrisiko. Deshalb würde die Einführung von Drug-Checking einen großen Fortschritt darstellen: So könnten Konsumierende mittels chemischer Analysen die Stoffe untersuchen lassen, um vor besonders gesundheitsschädigenden oder gar lebensgefährdenden Präparaten gewarnt zu werden.