Das Experiment

An der Schützenbahn werden die Experimente des elfe durchgeführt. (Foto: caro)

An der Schützenbahn werden die Experimente des elfe durchgeführt. (Foto: caro)

Wie treffen wir Entscheidungen? Welche Faktoren beeinflussen uns dabei? Im Essener Labor für Experimentelle Wirtschaftsforschung (elfe) der Universität Duisburg-Essen wird genau das unter der Anleitung von Jeannette Brosig-Koch untersucht. Die akduell gibt euch einen Einblick in den Alltag des Labors.

An der Schützenbahn warten bereits etwa zehn Studierende vor dem Labor. Der Gebäudekomplex wirkt trostlos, der Eingang liegt etwas versteckt. Nebenan powern sich Sportbegeisterte im Universitätssportclub aus. Die meisten der Wartenden sind Wiederholungstäter*innen. Neulinge füllen noch schnell eine Verschwiegenheitserklärung aus. Denn es darf nur mitmachen, wer mit den Inhalten der Experimente vertraulich umgeht. Teilnehmer*innen  „treffen im Labor unter kontrollierten Bedingungen Entscheidungen. Unterhalten sich Menschen über ein Experiment, kann es sein, dass sie sich gegenseitig beeinflussen und wir nicht mehr von unabhängigen Entscheidungen ausgehen können“, so Brosig-Koch. Dann öffnet sich die Tür: Ein Student heißt alle Anwesenden willkommen und erklärt schnell den weiteren Ablauf. Wer noch auf die Toilette muss, nutze jetzt schnell die Möglichkeit.

Und dann gibt’s da noch ein paar Regeln: Essen und Trinken ist verboten. Handys müssen ausgeschaltet werden. Jegliche Kommunikation mit dem*r Tischnachbar*in ist untersagt. Und die Tischtennisbälle seien nicht zum Spielen da. Erst aber gilt es zu überprüfen, ob auch alle da sind, die sich angemeldethaben. Der Lichtbildausweis dient zur Identifikation.

Als nächstes geht’s zur Lottofee: Jede*r darf aus einem  dunkelblauen Leinenbeutel einen Tischtennisball ziehen. Trägt dieser eine Zahl, geht es direkt in die entsprechende Kabine. Trägt der Ball ein „E“, so heißt es abwarten und hoffen. Als Ersatzperson kann man im Zweifel nachrücken, da immer mehr Teilnehmer*innen eingeladen werden, als Plätze zur Verfügung stehen, um die Experimentdurchführung gewährleisten zu können. Wer dann trotzdem nicht mehr mitmachen darf, wird mit fünf Euro entschädigt. In der Kabine angekommen, liegen schon die Experimentanweisungen bereit. Nicht selten sind diese fünf DIN A4-Seiten lang und oft unverständlich. Für Rückfragen stehen die Mitarbeitenden zur Verfügung. Wer alles gelesen hat, kann am Computer in ein paar Testfragen beweisen, ob er*sie auch alles verstanden hat. Und es geht los.

Brosig-Koch erläutert, dass durch die Experimente im elfe-Labor zum einen „ökonomische Theorien des individuellen Entscheidungsverhaltens“ überprüft werden sollen, zum anderen sollen diese Theorien durch die Experimente weiter- oder neuentwickelt werden. Im Mittelpunkt stünden „ökonomisch relevante Fragestellungen“. „Wie entscheiden Menschen in sozialen Dilemmata?“ Mit ihrer Arbeit, so Brosig-Koch, könnten „grundlegende Erkenntnisse über das wirtschaftlich relevante Entscheidungsverhalten von Menschen“ generiert werden, „welche allein durch andere wirtschaftswissenschaftliche Methoden nicht oder nur sehr schwer hätten gewonnen werden können“. Der Erfolg dieser Arbeitsweise zeige sich in den Preisträger*innen des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften. Bereits drei Mal ging der Preis an experimentelle Wirtschaftsforscher*innen.

Im Namen der Wissenschaft

Das elfe-Labor wurde im Januar 2009 eröffnet. Brosig-Koch führte aber bereits in der Vergangenheit wirtschaftswissenschaftliche Laborexperimente durch, ehe sie 2008 ihre Professur in Essen antrat. Statt Auftragsarbeit, betreibt Brosig-Koch ihre eigene Forschung, denn das elfe soll als Einrichtung der UDE „neue wissenschaftliche Erkenntnisse“ generieren. Finanziert werden ihre Experimente „zum Großteil durch Fördermittel der Deutschen Förderungsgemeinschaft (DFG)“. Diese hat sich die „wettbewerbliche Auswahl“ sowie Finanzierung „der besten Forschungsvorhaben von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Hochschulen und Forschungsinstituten“ zum Ziel gesetzt. Zusätzlich erhält Brosig-Koch aktuell für ein Forschungsprojekt Unterstützung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung.

Regelmäßig stellt sich das elfe-Labor in Vorlesungen an der UDE vor, um Studierende davon zu überzeugen, an den Experimenten teilzunehmen. Grundsätzlich darf aber jede*r, der*die einen Computer bedienen kann, mitmachen. Die Teilnahme erfolgt anonym, jedoch werden für die einzelnen Experimente Teilnehmende nach „ganz unterschiedlichen, jeweils forschungsrelevanten Kriterien“ ausgewählt. So kann es vorkommen, dass Studierende über einen längeren Zeitraum keine Einladungen zu Experimenten erhalten, obwohl aktuell welche stattfinden.

Eine Win-Win-Situation?

Gelockt wird mit Geld. Wie viel mensch bei den jeweiligen Experimenten verdienen kann, ist unklar. Die Teilnehmenden erspielen sich ihr Geld unter andrem durch die Entscheidungen, die sie treffen und können so auch Einfluss auf die Vergütung anderer Teilnehmende nehmen. Ist man Kapitalist*in und maximiert den eigenen Profit oder setzt man idealistisch auf Verteilungsgerechtigkeit? Bei Elfe werden Grundsatzfragen mit wenigen Mausklicks entschieden.
Wie verlässlich sind dann aber noch die Angaben, die gemacht werden? Brosig-Koch erklärt: „Bei Studien zum Entscheidungsverhalten muss den Durchführenden bewusst sein, dass bestimmte Faktoren das Verhalten der Versuchsteilnehmerinnen und -teilnehmer verzerren können. In der experimentellen Wirtschaftsforschung werden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um diese Verzerrung möglichst zu vermeiden. Eine dieser Maßnahmen besteht darin, die im Labor getroffenen Entscheidungen grundsätzlich zu inzentivieren, [das heißt] die Höhe der [V]ergütung hängt von den im Experiment getroffenen Entscheidungen ab.“ Neben dem Geld biete sich den Studierenden aber noch ein weiterer Vorteil. In ihrem Studium würden sie stets mit Forschungsergebnissen und Studien konfrontiert, die Teilnahme an einer solchen könne zum Beispiel das Einschätzen solcher erhobenen Daten verbessern.

Im Anschluss an jedes Experiment müssen die Teilnehmer*innen noch einen Fragebogen am PC ausfüllen. Anonym. Allerdings wird unter anderem nach dem Alter, dem Studienfach und dem Geschlecht gefragt. Da aber bekannt ist, wer an den Experimenten teilnimmt, kann durch diese Angaben theoretisch trotzdem ermittelt oder zumindest eingegrenzt werden, wer an welchem Computer gesessen hat. Wem dies zu persönlich ist, der*die macht womöglich abschließend absichtlich falsche Angaben.

Der Drucker fängt an zu summen. Langsam hört man Seite um Seite aus dem Gerät rollen. Die Kabinennummer eins wird aufgerufen. Jemand schreibt auf Papier, Geldscheinrascheln und Münzengeklimper ist zu hören. Die Tür öffnet und schließt sich wieder. Für heute sind alle Experimente abgeschlossen.