Immer wieder Feminismus

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Geschlechterhierarchien haben sich im Laufe der Jahrzehnte immer noch kaum verändert. (Fotos: lys)

Am Mittwoch, 30. November, fand am Campus Essen ein Vortrag von Karina Korecky „Zum Wiederholungszwang feministischer Kritik“ statt. Wieso weibliche Macht nicht geschichtsfähig ist und dass sich 100 Jahre nach dem Wahlrecht für Frauen* an der Geschlechterhierarchie wenig geändert hat, erläuterte die Professorin der Universität Wien im Verlauf der Veranstaltung. Das bedeutet, dass auch an Universitäten Sexismus immer noch Alltag ist. Die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der Universität Duisburg-Essen, Lisa Mense, erläutert im Gespräch, woran sexistische Strukturen und Handlungsweisen am Campus und anderswo zu erkennen seien und wie ihnen entgegenzuwirken ist.

Etwa zwanzig Personen sitzen im Vorlesungsraum am Essener Campus. Bürgerliche Subjekte. Jede*r ist eins, und kaum jemand kann formulieren, was das sein soll. Karina Korecky beschreibt es als die Grundlage der modernen Gesellschaft, etwas, das erst im Moment der Formulierung zum Entstehen gebracht wurde. Es ist das – durch beispielsweise die französische Revolution – eigentlich geschlechtslose, mit Rechten ausgestattete Individuum. Frauen wurden 1789 mit der Erklärung der Bürger*innenrechte in Frankreich jedoch explizit ausgeschlossen. „Unter einem Monarchen ist es egal, wer beherrscht wird“, so Korecky. Mit der Deklarierung der Rechte des Mannes zur Wahl wurde der Frau* Macht- und Entscheidungslosigkeit zugeschrieben. Durch gültiges Recht institutionalisiert im historischen Verlauf in den Charakter gebrannt. Die Frau wurde in der öffentlich-politischen Sphäre entmachtet. Vorerst lebte das städtischen Bürger*innentum nach einem Familienideal; Jedoch stiegen mit den Löhnen der Arbeitenden auch die Anzahl der Hausfrauen. Erst seitdem verzeichnet sich der Begriff Hausarbeit.

Autonom oder beherrscht vom Normativen?

Durch die Einführung effizienter Haushaltsgeräte und steigender Produktivität beim Aufstieg des Kleinbürger*innentums wurde in weiten Teilen der Bevölkerung mehr Zeit für Kindererziehung, die erst seitdem als spezifisches Phänomen der Wissenschaft wahrgenommen wurde, freigesetzt. Erziehung und Disziplinierung des heranwachsenden Menschen waren notwendig für die klar strukturierte, Konzentration verlangende Arbeit in den Fabriken. Vorher wurde größtenteils im Heimbetrieb, zeitlich selbstbestimmt die anfallenden Tätigkeiten erledigt.

Das bürgerliche Subjekt zeichnet sich durch die mit Disziplinierung entstandene Herrschaftsbeziehung zu sich selbst aus und die Frau, wie sie interpretiert wird, führte sie als Produktivitätssicherung der Arbeiterschaft am Baby aus. Die erstmals vom englischen Puritanismus formulierte Rolle der passiven und sanften Hausfrau und Mutter entstand damit gleichermaßen als Norm. Der Charakter der Frau mache sich aber sonst nicht durch bestimmte Inhalte aus, sondern in der Weise, in der er nicht selbstgewählt ist; er bildet sich am Willenlosen, also ist er nicht an sich bestimmt.

Das autonome Subjekt, was sich dadurch kennzeichnet, sich selbst zu definieren, ist die Utopie der Bürgerlichkeit; Utopie weil die Freiheit des Subjektes immer nur Theorie war. Die Bedingungen für Freiheit, die Möglichkeit zur Subjektwerdung, somit auch das autonome Subjekt, haben sich erst mit der kapitalistischen Gesellschaft entwickelt und diese hat neue Zwänge über die Menschheit gelegt. Wie Geschlechtsidentitäten, die, wenn unhinterfragt, passiv übernommen werden. Die Macht- und Willenlosigkeit „der Frau“, die schon durch Rousseau gezeichnet wurde, wird verachtet. Die Erziehung der Mädchen zur „Natürlichkeit“, also zur permanenten Fremdbestimmung, Intelligenz ohne Tatkraft, sorgt immer wieder dafür, dass Geschlechterkategorien und Rollen weitergetragen werden, also reproduziert werden. Die Ehe als Ziel idealer Erziehung, also die moderne Kleinfamilie statt des familiär-heimischen Großbetriebs als Standardmodell der Reproduktion lässt bloß zwei Rollen zur Identifikation des neu in die Welt geworfenen Menschen zu. Dadurch verewigen sich die Grundlagen bürgerlicher Herrschaft. Auch für „männliche“ Personen bedeuten die Geschlechtscharakterisierungen zwar mehr Handlungsspielraum, doch auch Beschränkungen. Das „starke“ Geschlecht, das selbstdefinierende und eher autonome Subjekt, konstituiert sich am „Weiblichen“. Die Überlegenheit des Männlichen heißt auch die Unterlegenheit von Weiblichkeit. Selbsternannte und durch die Kategorie „Mann“ als ohne weibliche Schwäche fremddefinierte Individuen sind ständig narzisstischen Kränkungen ausgesetzt.

Identität statt Rolle

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Neue Orientierungspunkte für Identitäten? (Fotos: lys)

Der Rollen-und Identitätsdiskurs hat sich seit den 1970er Jahren verschoben und zeichnet eine Tendenz zur Verhärtung der Geschlechtsidentitäten. Wurde im wissenschaftlichen Diskurs bis etwa 1970 noch Rolle als Terminus für Geschlechtscharakter gebraucht, was eine gewisse Möglichkeit zur Ablegung und Interpretation, mehr innere Freiheit dem Gegenstand gegenüber impliziert, wird heutzutage vermehrt „Geschlechtsidentität“ genutzt. Der Identitätsbegriff mutet zwanghafter, unausweichlicher an. Der Körper hat im Postfaschismus eine tiefere Bedeutung bekommen, das Geschlechterverhältnis ist vom Genital abgeleitet in den Rest des Körpers eingebrannt. Errechnungen um den Zeitpunkt der Frauenbefreiung herauszufinden verschieben sich nach hinten, trotz formaler Gleichstellung. Das Problem sei nicht ein rechtliches, sondern ein soziales. Dass die Trennung und Hierarchisierung der Geschlechter tief in die Strukturen des modernen Lebens, also die tägliche Praxis und somit in jedes Subjekt eingeprägt sind, hat Konsequenzen. Das Ideal vom autonomen Subjekt muss als gescheitert angesehen und die Bemühungen emanzipierter Praxis sich darauf zu konzentrieren, den Subjektzwang aufzuheben. Was genau das Subjekt ist, kann aus der Perspektive eines sich selbst beobachtenden Gesellschaftssystems nicht genau erklärt werden. Es sei auch der vereinzelt handelnde Mensch, das Individuum, das die Muster und Erziehungseinflüsse der Umwelt erkennen und kritisieren muss. Die Auflösung des Subjektes könnte auch die Auflösung der Geschlechterhierarchien bedeuten. „Einen Gegenstand zu fassen bedeutet, ihn aufgehoben zu denken“, schließt Korecky und lässt die Zuhörenden mit einer Informationsflut zurück, die hier nicht vollends dargestellt ist.

Und jetzt?

Es wird applaudiert und diskutiert was das bürgerliche Subjekt sein soll. Im Anschluss an die Veranstaltung merkt eine Teilnehmerin im kleineren Kreis an, dass sehr viele Grundbegriffe vorausgesetzt waren und es teilweise schwierig war, dem hochtheoretischen Stoff zu folgen. Was bedeutet es, dass Frauen nicht geschichtsmächtig seien? Dass wir die Geschlechtsstereotype nie vollends erfüllen, sie aber Orientierungspunkt sind und sich in unser Verhalten einschreiben? Was heißt es also, dass wir immer noch und wieder von sexistischen Mustern umgeben sind? Die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte der Universität Duisburg-Essen, Lisa Mense, gibt Aufschluss darüber, wie sich Sexismus an der Hochschule äußert.

Vorab sei Sexismus die strukturelle Diskriminierung und geschlechtsbezogene Unterscheidung aus denen Vorannahmen resultierten; Größtenteils negative Bewertungen von Frauen*. Sexismus bezieht sich damit nicht auf Sexualität sondern das Geschlechterverhältnis, das in diesem Fall mit einer grundlegenden Abwertung von nicht-männlichem einherginge. Sexistische Plakate sind nicht immer nur eine sexuell aufgeladene Situation, sondern dass Frauen beispielsweise immer in bedienender Position dargestellt werden. Die Universität sei nur als Teil und somit Spiegel der Gesellschaft zu lesen. Jedoch hätten akademische Institutionen einen anderen Anspruch mit Sexismus umzugehen. Sexismus äußere sich oft subtil, durch herabsetzende Bemerkungen oder dass in Studiengängen wie Igenieuerwissenschaften Frauen nach wie vor „Sonderpositionen“ einnehmen, da sich sexistische Rollenerwartungen und die damit einhergehenden spezifischen Interessen vorher einprägen würden. Manchmal würden in Vorlesungen als Beispiele auch nur männliche Personen als Handelnde dargestellt („der Akteur“) und allgemein nicht auf geschlechtergerechte Sprache geachtet, was eine Form von permanenter Nichtnennung anderer Geschlechter bedeute. „Männern“ werde oft soziale Kompetenz abgesprochen, dafür höhere fachliche Kompetenz zugeschrieben. Dies zeige sich beispielsweise daran, dass „Frauen“ bei Referaten eher unterbrochen würden.

Sexistische Kackscheiße

Auf wissenschaftlicher Ebene würden Frauen* nicht im gleichen Maße gesehen wie andere; Frauen stiegen vorher aus und bringen so ihre Perspektive nicht in die Wissensproduktion ein, wodurch sich der Diskurs permanent weiter reproduziert und nicht verschiebt. Fasse man das Subjekt, im Butlerschen Sinne, als Produkt der Diskurse, schaffen Wissensbestände das Subjekt und seine Anerkennung als Individuum als solches. Um als Individuum anerkannt zu werden, muss angemessen gehandelt werden, und dort gewinnen die Kategorien weiblich bis männlich wieder Relevanz. „Ich persönlich weiß nicht was das sein soll, ne Frau, ich weiß aber auch nicht, was ich sonst sagen soll – und es hat empirische Relevanz“, so Lisa Mense. Genau deswegen gebe es das Gleichstellungsbüro. Studierende seien wegen eines fehlenden Vertrages nicht hinreichend vor Diskriminierung geschützt.

Als Instrument zur Analyse von Sexismus gelten Befragungen, die Diskriminierungserfahrung erfassen sollen. Eine davon habe ergeben, dass wissenschaftliche Mitarbeiterinnen wenig direkter Diskriminierung ausgesetzt sind; Es zeige sich aber durch gewisse Aufgabenverteilungen und wer beispielsweise zu Konferenzen geschickt werde. Es sei in solchen Fällen schwierig nachzuweisen, wann Entscheidungen geschlechtsbezogen getroffen wurden. Wichtig sei Sensibiliserungsarbeit, um ein Bewusstsein von Formen von Sexismus zu schaffen, auch bei den Lehrenden. Sexismus müsse als bestehendes Problem anerkannt werden. Falls eine Person, die studiert, betroffen sei, könne man einerseits ins Gleichstellungsbüro kommen, um Lösungen finden und darauf hinzuwirken, dass sich Strukturen ändern oder zur zentralen Ombudsstelle als Anlaufpunkt für Studierende gehen. Mensch könnte sich selbst im AStA organisieren, zum Frauenreferat des AStAs gehen oder zur studentischen Gleichstellungsbeauftragten – möglich bleibt auch, den Vorfall direkt mit den Dozierenden oder Kommiliton*innen zu klären. Es ginge darum, Dinge nicht unkommentiert und ungesehen als Normalzustand gelten zu lassen. Um gegen Alltagssexismus in NRW vorzugehen, haben sich die studierenden Gleichstellungsbeauftragten in KostA (Kommission für studentische Angelegenheiten der Bundeskonferenz der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragte an Hochschulen) mit der Kampagne „unisex“ organisiert. Unter dem Hashtag #uni_sex werden Alltagssexismen aufgedeckt und problematisiert. Um eine Erfahrung zu teilen, geht auf kostabrd.wordpress.com.

Die Lücke im System

Die vom Kapitalismus heraufbeschworene Individualität biete gewisse Freiheitsgrade – wie sich nicht einem Geschlechtskollektiv unterwerfen zu müssen. Das zweigeschlechtliche, heteronormative Modell sei von einem gewissen innerlichen Kern des Menschen unabhängig, so die stellvertretende Gleichstellungsbeauftragte. Dieser Kern sei sprachlich nicht erschließbar und sorge dafür, dass wir mehr als Konsequenz von Diskursen, mehr als Geschlecht sind. Das könnte freier Wille oder das letzte bisschen verbliebene Autonomie genannt werden, mit der wir uns gegen bestehende Strukturen wenden können. „Ich persönlich, als Privatperson, glaube, dass wenn ich in einer Gesellschaft lebe, die Andere unterdrückt, dass das mein eigenes befreites Leben verhindert“, schließt Lisa Mense das Gespräch; Ich bedanke mich und habe hinreichend Stoff zum Nachdenken auf dem Weg zur Vorlesung.