Kopieren geht über Studieren

Im Streit um das Onlinestellen von wissenschaftlichen Texten haben sich die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Verwertungsgesellschaft (VG) Wort auf das Einrichten einer Arbeitsgruppe geeinigt. Noch vor Jahresende soll eine Lösung vorgestellt werden. Bleibt Studierenden dann doch der tägliche Gang in die Bibliothek erspart?

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Schritt zurück: Müssen wir bald alle Texte aus den Büchern kopieren? (Foto: mehu)

Die Neuregelung der VG Wort und der KMK sieht vor, dass ab dem 1. Januar 2017 jeder einzelne wissenschaftliche Text, Artikel oder Buchauszug, der in den Onlinesemesterapparaten oder bei Moodle hochgeladen wird, pro Text abgerechnet werden soll. Das stößt auf breite Kritik seitens der Studierenden, Hochschulen und Lehrenden. Bisher zahlen die Hochschulen einen pauschalen Betrag und sollen in Zukunft pro bereitgestelltem Medium und Seminarteilnehmenden 0,008 Euro zahlen. Es wird befürchtet, dass mit der Neuregelung keine Texte mehr online gestellt werden, sodass die Qualität der Lehre erheblich eingeschränkt würde. Auch die Universität Duisburg-Essen lehnt den neuen Rahmenvertrag ab. Dennoch heißt es für die Lehrenden, bis zum 1. Januar alle Texte von den Onlineplattformen zu entfernen. Alternativ wird dazu geraten, auf Links zu E-Books und E-Journals aus der Bibliothek zu verweisen oder Open Access Publikationen zu verwenden.

Pilotprojekt weist auf Probleme hin

Ein Pilotprojekt an der Universität Osnabrück kommt zu dem Ergebnis, dass der organisatorische und personelle Aufwand jeden Text geltend zu machen, mit erheblichen Kosten verbunden ist. Dort wurde im Auftrag der KMK und der VG Wort ein technischer Prototyp für die Einzelmeldung von Sprachwerknutzungen gemäß §52a UrhG erprobt. Auch die Informations- und Arbeitsabläufe wurden untersucht. In einer Stellungnahme der Universität Osnabrück zur Verbesserung des Meldesystems wird die Komplexität der Vorgänge angemerkt. Die Onlineplattformen der Hochschulen haben einfach keine Schnittstelle zur automatisierten Meldung an die VG Wort.

Auch andere Konditionen des Rahmenvertrages stehen in der Kritik. Etwa die umfangreichen Prüfrechte der Verlage. Da diese und weitere Bedingungen des Rahmenvertrags nicht akzeptabel erscheinen, haben viele Hochschulen beschlossen, dem Rahmenvertrag mit der VG Wort nicht zuzustimmen. Auch die HRK sieht die Bemühungen der Hochschulen um eine zeitgemäße und moderne Lehre untergraben. Diese sei nicht im Sinne der Digitalisierung.

Lösung noch vor Jahreswechsel

In einer Stellungnahme vom 9. Dezember hat die HRK eine Arbeitsgruppe berufen. In dem Schreiben heißt es: „Die Arbeitsgruppe wird rechtzeitig vor dem Jahresende 2016 einvernehmlich einen Lösungsvorschlag vorlegen. Die Partner wollen eine bruchlose weitere Nutzung der digitalen Semesterapparate an den deutschen Hochschulen über die Jahreswende hinaus gewährleisten.“ Wie genau die Lösung konkret aussehen soll, bleibt abzuwarten.

Sollte der Rahmenvertrag so in Kraft treten, wird der Studierendenausweis demnächst in der Bibliothek noch häufiger Gebrauch finden. Viele Lehrende werden unter diesen Bedingungen keine Texte mehr online bereitstellen, sodass Studierende die Texte dann aus den Werken in der Bibliothek kopieren müssen. Im Sinne der Nachhaltigkeit und der Digitalisierung ist das sicher nicht. Viele Lehrende raten ihren Studierenden, die momentan zur Verfügung stehenden Texte noch runterzuladen. Ab dem ersten Januar sind diese nicht mehr online verfügbar.


Update: Die Kultusministerkonferenz (KMK), Hochschulrektorenkonferenz (HRK) und Verwertungsgesellschaft Wort (VG Wort) haben am 15. Dezember vereinbart, die pauschale Abgeltung der Ansprüche der VG Wort bis zum 30. September 2017 fortzuführen. Damit können Buchauszüge und Zeitschriftenartikel weiterhin von den Lehrenden bereit gestellt werden. Erst zum Wintersemester 2017/2018 soll dann ein neues Modell für die Abrechnung ausgehandelt werden. Für viele Dozierende und Studierende  kommt diese Einigung allerdings zu spät: Viele Semesterapparate wurden schon gelehrt, Kursräume bereits geschlossen.