„Mein Leben soll ein Fest sein, ein kurzes, intensives Fest“

Kein genaues Abzeichnen: Das Leben der Künstlerin Paula Modersohn-Becker feierte als Film Premiere. (Foto: mal)

Kein genaues Abzeichnen: Das Leben der Künstlerin Paula Modersohn-Becker feierte als Film Premiere. (Foto: mal)

„Frauen können keine Malerin werden.“ Eindringlich versucht Paulas Vater seiner Tochter klar zu machen, dass sie kein besonderes Talent besitzt und sich ihrer Rolle als Frau fügen soll. Und Paula? Knallt – untypisch für die Zeit Ende des 19. Jahrhunderts – den Bilderrahmen auf den Tisch und belehrt ihren Vater eines Besseren. Paula, der neue Film von Regisseur Christian Schwochow über Paula Modersohn-Becker, eine der bedeutendsten Vertreterinnen des frühen Expressionismus, feierte am Montag, 28. November, Premiere in der Essener Lichtburg.  

Paula (Carla Juri), 1876 in Dresden geboren, reist nach Worpswede, um an einem mehrwöchigen Zeichenkurs teilzunehmen. Ihr Malen, das vom geforderten impressionistischen Blick des genauen Abzeichnens abweicht, stößt auf Kritik. Ihr wird ein eigener Kopf und die damit verbundene Respektlosigkeit unterstellt. Dafür lernt sie Clara Westhoff (Roxane Duran) kennen, die sich als Frau des Fin de Siècle bezeichnet. Diese Bezeichnung und die damit verbundene Zeit um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert ging ebenfalls mit der ersten

Emanzipationswelle einher. Viele Frauen des Bürgertums und separat die der Arbeiter*innenbewegung setzten sich für ihre Rechte ein. Unter anderem erreichten sie, dass ab 1908 Frauen regulär in allen deutschen Ländern studieren durften, wenn auch das Habilitätsverbot für Frauen erst 1920 in ganz Deutschland aufgehoben wurde.

Von dieser autonom-avantgardistischen Stimmung sind auch die zwei jungen Frauen erfasst, die sich am Fenster sitzend, darin bestärken, künstlerisch voran zu kommen. Sie wollen besser werden, besser als die Männer, deren Bilder auf dem Hof ausgestellt und gefeiert werden. Mit den Männern sind genauer eine Malergruppe um Fritz Mackensen (Nicki von Tempelhoff) und Otto Modersohn (Albrecht Schuch) der Worpswedener Künstlerkolonie gemeint. Fritz, der die Frauen unterrichtet und Paula des öfteren zu verstehen gibt, dass „Frauen nie etwas Schöpferisches hervorbringen [können], außer Kindern“, kann nicht verstehen, dass Paula lieber Menschen im Armenhaus porträtiert als Äpfel auf einem Teller. Im Gegenteil zu Otto, den Paulas ungewöhnlicher Blick auf die Welt fasziniert. Allerdings interessieren ihn längst nicht nur ihre Bilder: Schon bei der ersten Begegnung wird eine romantische Atmosphäre inszeniert.

Kitsch und Vereinfachung

Otto beobachtet Paulas Arbeit. (Foto:

Otto beobachtet Paulas Arbeit. (Fotos: Pandora Film / Martin Menke)

So bandeln Paula und Otto, der vor wenigen Monaten seine Frau verloren hat, an und auch Clara lernt Rainer Maria Rilke (Joel Basman) kennen. Rilke stellt auch für Paula einen bedeutenden  Freund dar, der sie in ihrem Denken bereichert und bestärkt. Wenig später heiraten Otto und Paula und auch Clara wird Rilkes Frau. Der Film springt – nach der Hochzeitsnacht, die ohne Entjungferung Paulas stattfindet –  fünf Jahre vor. Die Stimmung im Hause Modersohn-Becker ist angespannt. Paula ist frustriert, weil sie von Otto noch immer nicht „zur Frau“ gemacht wurde, außerdem von dem Verkauf seiner Kunst abhängig ist und merkt, dass er nicht an ihr Talent glaubt. Zum Geburtstag erhält sie die Einladung von Clara Rilke-Westhoff nach Paris, sie schnappt sich ihre Malutensilien und stapft durch den Schnee gen Bahnhof. Nicht ohne sich von Ottos kleiner Tochter aus erster Ehe zu verabschieden und Otto zu verkünden, dass sie geht.

Der Film vermittelt das Bild, dass Paula vor allem durch die Männerwelt zum Malen kommt: Otto gewährt ihr ein eigenes Atelier und finanziert ihren Parisaufenthalt, während Rilke das Ticket nach Paris übernimmt. In Wirklichkeit besuchte Modersohn-Becker allerdings Paris bevor sie beide kennen lernte und verbrachte auf sich gestellt, mit der Unterstützung ihrer Eltern, in Worpswede eine längere Zeit als im Film dargestellt. Paris diente ihr außerdem nicht als dramatisierter Zufluchtsort, biografisch gesehen, reiste sie mehrmals nach Paris und Otto besuchte sie während dieser Reisen mehrmals.

Regisseur Schwochow, sowie die beiden Drehbuchautoren Stefan Kolditz und Stephan Suschke haben aus dem durchaus unkonventionellen Leben der Künstlerin eine Lovestory fabriziert. Der Fokus der Geschichte liegt auf der Beziehung zu Otto, dem Konventionsbruch der arbeitenden und alleinreisenden Frau, deren Mann sogar Affären duldet. Einige Szenenabfolgen, die nicht biografisch sind, wirken voraussehbar und erinnern wiederum an Hollywood oder Til Schweiger-Produktionen.

Paula goes to Hollywood?

Die Kunst rückt dabei nach und nach in den Hintergrund der Handlung, kehrt allerdings am Ende des zweistündigen Films als Klammer wieder. Im Abspann wird außerdem vermerkt, dass Paula in ihrem kurzen Leben – sie verstarb mit 31 – 750 Gemälde und 1.000 Zeichnungen produziert hat. Neben dem Wunsch nach einer Familie stellt die Kunst ihr Lebenselixier dar: „Und wenn nun die Liebe mir noch blüht, vordem ich scheide, und wenn ich drei gute Bilder gemalt habe, dann will ich gern scheiden mit Blumen in den Händen und im Haar,“ schreibt sie 1900, ein Jahr vor ihrer Heirat, in ihr Tagebuch.

paula_stills_003p3-007-mvm_4465_1Was der Filmproduktion und vor allem der Schauspielerin Carla Juri jedoch gelingt, ist Sympathie zu dieser eigenständigen, klugen und mutigen Frau entwickeln zu lassen. Glücklicherweise wird sie auch als Mensch dargestellt und nicht glorifiziert. Allerdings spielt Carla Juri, unter anderem durch die Verfilmung von Feuchtgebiete bekannt, einmal mehr die freche, verspielte Frau. Ob Paula Modersohn-Becker wirklich dahinter steckt, wird beim anschließenden Gespräch in der Lichtburg als kaum recherchierbar benannt. Dafür erzählt Juri, dass sie sich der Rolle durch das Malen genährt hatte und seitdem gelegentlich immer noch zum Pinsel greife.

Der Mut der expressionistischen Künstlerin hätte gerade in der Kameraführung die „Reise ins Unbekannte“, wie Rilke Paulas Schaffen bezeichnet, mit experimenteller Kameraführung unterstützen können. So muten die Bilder Frank Lamms zwar schön an, brechen aber mit der Intention der Künstlerin, die sich ausprobierte und Konventionen gebrochen hat.

Eins ruft der Film, der unter anderem auch in NRW gedreht wurde, aber in jedem Fall hervor: Interesse an der ersten Malerin, die in einem eigenen Museum ausgestellt wird.


 

Der Film Paula ist ab dem 15. Dezember im Kino zu sehen.