„Punkerdisko“ adé: Es lebe das 3-Gänge-Menü

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Das Alibi nach einer Gestaltungsaktion. (Fotos: mal)

Es hatte alles so schön angefangen: Im Februar eröffnete das linke Zentrum Alibi in der Gladbecker Straße 10, direkt in Campusnähe, seinen Freiraum (akduell berichtete). Seitdem wurden Solipartys, Konzerte und Kneipenabende gefeiert; diskutiert, genäht, getauscht, gesungen und Vorträgen gelauscht. Mit Konzerten und fetten Partys muss im Alibi nun allerdings Schluss sein, denn der Vermieter möchte ansonsten den Vertrag mit der Schöner Links Ratsgruppe, die die Räume der unabhängigen Alibi-Gruppe zur Verfügung stellt, kündigen. Marie Eberhardt sprach mit einem Teil des Plenas über Punker*innendiskos, Protestkultur und wie es mit dem Alibi weiter geht.

ak[due]ll: Das Alibi war im Februar mit einer Fülle an Ideen gestartet. Letztendlich fanden vor allem Konzerte und Partys statt. Warum hat sich das Ganze eurer Meinung nach so entwickelt?

Frau X: Punkerdiskos finden von alleine statt, Vorträge nicht. Das ist meine Erfahrung.

Katzerich: Eine Idee war ja auch, ein offener Raum zu sein und Leute ihre eigenen Ideen einbringen zu lassen. Das hat sich eben so ergeben, dass die meisten Leute Partys machen wollten und viele Ideen, die am Anfang im Raum standen, sich nicht ergeben haben.

Peterchen: Das Alibi wurde für viele Leute in Essen erstmal zum Treffpunkt und Freiraum. Viele wollten zunächst feiern und nicht so viel Politik machen.

Carlotta: Ich finde aber nicht, dass sich das widerspricht. Für mich ist es zum Beispiel was anderes auf ein Konzert zu gehen, wo ich weiß, dass das ein Schutzraum ist, als in irgendeinen x-beliebigen Laden zu gehen.

ak[due]ll: Ist Party vielleicht auch Protest beziehungsweise Politik?

Frau X: Nein, auf keinen Fall.

Carlotta: Ich würde da widersprechen und sagen, erstens Schutzraum und es ist eben eine andere Art mit Leuten zusammen zu kommen und sich zu vernetzen und so später doch etwas Politisches und Kreatives zusammen machen zu können.

Katzerich: Es haben sich auf jeden Fall viele Leute kennen gelernt. Neue Freundschaften, Beziehungen, aber zum Beispiel auch Bandprojekte sind entstanden.

Carlotta: Und ich finde, das hat in Essen vorher gefehlt. Das habe ich mir vom Alibi auch erhofft, dass man hier wirklich einen zentralen Anlaufpunkt hat, wo man einfach hinkommen kann und fast jeden Abend nette Leute trifft.

Katzerich: Der Protest spielt sich heutzutage ja auch viel über soziale Medien ab. Zwar gibt es jetzt kaum noch Bilder, wo Menschen haufenweise auf die Straße treten, aber ein politisches Bewusstsein wird ja trotzdem an den Tag gelegt.

Frau X: Ist nur die Frage, ob sich denn durch Facebook die Politik ändern lässt?

img_4499ak[due]ll: Was macht das Alibi für euch aus?

Katzerich: Ich finde es cool, dass es ein Raum zum Experimentieren ist. Bei einem Job stehst du unter einem gewissen Druck und kannst dich nicht oft ausprobieren. Du kochst zum Beispiel total gern, hättest aber keinen Bock in der Küche zu arbeiten, weil die Bedingungen da scheiße sind, dann kannst du hier gemeinsam mit anderen Erfahrungen machen.

Frau X: Auf jeden Fall die Atmosphäre. Hier geht es wesentlich solidarischer zu und der Raum ist offen für Chaos. Du fühlst dich nicht gedrängt bestimmte Sachen abzuliefern.

Peterchen: Du darfst auch sein, wie du willst, mit ein paar Regeln natürlich. Aussehen wie du willst, relativ frei reden und verhalten wie du willst.

ak[due]ll: Wofür ist hier kein Platz?

Fullthrottl: Du kannst hier im Prinzip alles machen, wodurch du andere Menschen in ihrer Art zu leben nicht einschränkst.

Carlotta: Tatsächlich ist das für mich die andere Seite vom Freiraum: Ich habe die Möglichkeit mitzugestalten und ich bin frei davon, dass mich andere aufgrund des Geschlechts, der Herkunft, Sexualität, was auch immer, doof anmachen.

ak[due]ll: Warum wollen viele Leute eher nur unterhalten werden, sprich konsumieren statt selbst zu produzieren?

Katzerich: Tiefenpsychologie oder so. (lacht) Die Angst vorm Scheitern und Druck? Und vielleicht fehlen Menschen, die dasselbe mögen und allein ist ein Anfang schwer.

Fullthrottl: Und weil man keine Möglichkeiten hat. Bei vielen Veranstaltungen kannst du nicht einfach hingehen und sagen, ich möchte auch mal kochen oder ich möchte auch mal Theke machen oder was auch immer.

King Kerosin: Es scheitert auch häufig an Produktionsmitteln.

Frau X: Raum.

Katzerich: Ordnungsamt. (lachen)

ak[due]ll: Oder dem Vermieter. Wie geht es denn jetzt weiter mit dem Alibi?

Fullthrottl: Ich würde jetzt die Situation nicht als Chance sehen, auf die man immer gewartet hat. Das, was man daraus macht, kann natürlich was Gutes sein, aber dass man zurück gedrängt wird, Regeln auferlegt bekommt, ist natürlich nichts Gutes.

Carlotta: Wobei ich sagen muss, ich finde es ziemlich außergewöhnlich, dass man jetzt nicht sagt, es ist vorbei, wir können nichts mehr machen, sondern jetzt erst Recht. Und wir überlegen uns viele Veranstaltungen wie ein Restaurant mit einem Drei-Gänge-Menü gegen Spende, Spieleabende, Vorträge, ein offenes Café als Arbeitsort oder um sich gegenseitig zum Beispiel Instrumente beizubringen. Einen Lesekreis.

Katzerich: Es ist aber alles noch total ungewiss. Es wäre nur schade, den Raum verkommen zu lassen und die Gruppe, die sich gefunden hat. Gerade im Winter, wo es schwer fällt einen anderen Raum zu finden. Deshalb soll dieser Raum erstmal weiter als offener Ort für Leute da sein.


Wer eine Veranstaltung planen möchte oder einfach mal neugierig ist: Jeden zweiten und vierten Donnerstag ab 19 Uhr findet ein Treffen in der Gladbecker Straße 10 statt.

Nächste Termine:

4. Dezember, ab 20 Uhr: Anti-Identitäre Aktion/ Performance von Joscha Hendrix Ende
5. Dezember, ab 18 Uhr: falsche Analyse

7. Dezember, ab 19 Uhr: Spieleabend

8. Dezember, ab 16 Uhr: offenes Cafe
9. Dezember, ab 18.30 Uhr: Restaurant

11. Dezember, ab 13 Uhr: Nähcafé

weitere Veranstaltungen findet ihr unter ALIBI oder auf der facebook-Seite