Vorhang auf: Des Pudels Kern 2

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Bühnenluft schnuppern? Wer nicht nur zuschauen, sondern auch auf der Bühne stehen will, hat bei Des Pudels Kern die Möglichkeit dazu. (Foto: mal)

„Wir waren entschlossen, die Gruppe, wenn irgendwie möglich, doch noch am Leben zu erhalten“, erinnert sich Johanna Angona (GHG), die gemeinsam mit Eva Wodtke (Trans*Inter*SchwuBiLe) die Idee zur Rettung der UDE-Theatergruppe Des Pudels Kern mithilfe des AStAs hatte. Der Regisseur Christian Scholze musste im Sommer erfahren, dass sein Lehrauftrag, der seit 2004 besteht, vom Institut der Germanistik nicht verlängert wird (akduell berichtete). Nach all den Querelen kann nun wieder gespielt werden: Dieses Mal inszeniert die Theatergruppe das viel diskutierte Stück Fear von Falk Richter.

Spaß, Erfahrung, sich ausprobieren und intensiv mit Literatur, Gesellschaft und Politik auseinandersetzen: Bei der Theatergruppe Des Pudels Kern geht es um vieles, aber nicht darum, im Halbschlaf Credit Points zu sammeln. Aufgrund zu geringer LSF-Anmeldezahlen – zur Gruppe zählten allerdings schon immer auch uniexterne Menschen – wurde der Lehrauftrag mit Christian Scholze nicht verlängert. Die Gruppe war entsetzt und suchte nach Möglichkeiten, doch weiter bestehen zu können. Der Antrag, dass der AStA das Projekt übernehmen könnte, sei im gesamten Ausschuss auf positive Resonanz gestoßen, so Angona. Somit kann das Projekt erstmal bis zum 31. März 2017, das Ende dieses Haushaltsjahres, finanziert werden. Diese Zusammenarbeit begrüßt die Kulturreferentin Johanna Angona, die selbst seit dem letzten Semester Teil der Theatergruppe ist, aber nicht nur wegen der Rettung: „Dadurch ist die Gruppe nun deutlich für alle Studierenden der Uni geöffnet und hat weniger den Charakter eines Seminars. Außerdem hat der AStA bessere Möglichkeiten die Studierenden auf die Gruppe aufmerksam zu machen und auch die Aufführungen zu bewerben.“

Regisseur Christian Scholzes Leidenschaft und Interesse fürs Theater ist selbst auch durch eine Uni-Theatergruppe entstanden. Nun ist er seit längerem hauptberuflich am westfälischen Landestheater als Dramaturg tätig und betreut die interkulturelle Autor*innen-Werkstatt IN ZUKUNFT. „Ich habe durch die Gruppe die Möglichkeit Studierenden eine Prägung mit auf ihren Lebensweg zu geben. Zu sehen, wie die Teilnahme Menschen etwas geben kann, was sie lange begleitet. Das ist tatsächlich sehr beglückend“, meint Scholze. Johanna Angona sieht weiterhin „die kritische Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen“ als unterstützenswert.

Angst vor Fremden = Angst vor mir

Material zur Auseinandersetzung gibt es dafür mehr als genug. Stand bei der letzten Produktion noch ein Klassiker auf der Bühne: Franz Kafkas Prozess, widmet sich Des Pudels Kern diesmal einem Stück direkt aus dem Herzen der Gegenwart. Christian Scholze hatte Fear von Falk Richter, Hausautor und Regisseur der Berliner Schaubühne, vor einem Jahr gesehen und war begeistert. „Es ist provokant und verstörend, bietet aber auch die Gelegenheit, Kraft und Energie daraus zu ziehen.“ Das Stück erzählt von einem Land, das von außen betrachtet frei und vielfältig wirkt, aber es grassiert eine Art Krankheit hinter der Oberfläche: die Angst vor Fremden, die Verlustangst der eigenen Privilegien an Minderheiten, die Angst auszusterben. Wie Zombies aus der Vergangenheit kehren diskriminierende Denkmuster, Kategorien und Vokabular zurück in den öffentlichen Diskurs dieses Landes. Journalist*innen werden angepöbelt, Zensur greift um sich, Menschen werden angegriffen, mehr als 500 Unterkünftefür Geflüchtete angezündet. Deutschland 2015. Wie entstehen Angst, Hass, Gewalt und was haben Begriffe wie Heimat oder Familie mit einem selbst zu tun? „Falk Richter setzt sich mit höchst aktuellen Themen auseinander und erforscht die Abgründe unserer Gesellschaft, die in einer Zeit lebt, in der die Angst sogar an der Menschlichkeit nagt“, tut Angona ihre Begeisterung über das Stück kund. Die Auswahl der UDE-Theatergruppe fiel auch auf das Stück, weil dieses nach der Uraufführung im Oktober 2015 per einstweiliger Verfügung verboten werden sollte. Hedwig von Beverfoerde (Sprecherin der konservativen familienpolitischen Bewegung „Demo für alle“) und Beatrix von Storch (AfD-Vizevorsitzende) wollten erzwingen, dass in der Aufführung keine Fotos mehr von ihnen verwendet werden dürfen.

Einmal hinterm Vorhang stehen

Das Stück für die Inszenierung, die wohl Anfang April ihre Premiere feiern wird, wurde zwar schon ausgewählt, die Proben laufen aber gerade erst an. Noch können Leute bei Des Pudels Kern mit einsteigen und das bedeutet nicht nur das Spielen einer Rolle. Das Ensemble, das wie auch bei der letzten Produktion Unterstützung von geflüchteten Menschen erhält, gestaltet die Inszenierung mit Christian Scholze zusammen.

Wie es mit Des Pudels Kern im Sommersemester weitergehen wird, muss zu gegebener Zeit der neue AStA entscheiden. „Ich glaube, dass man jetzt erstmal abwarten muss, wie unsere Arbeit läuft. Also auch, wie der AStA dann am Ende mit uns zufrieden ist“, meint Scholze dazu. Von einem erneuten Lehrauftrag in der Germanistik geht er allerdings nicht aus. „Es ist uns ebenfalls wichtig, dass die Studierenden nicht nur die Pflichtvorlesungen und -seminare besuchen, sondern auch die Möglichkeit haben, sich mit dem auseinanderzusetzen, was sie interessiert, bewegt und was ihnen Spaß macht“, verdeutlicht Johanna Angona ihr Engagement. Ihre Worte hätten sich die Kürzungsverantwortlichen aus der germanistischen Fakultät/der UDE auch einmal zu Herzen nehmen können.

Info: Wer selbst noch Lust hat zu der Produktion Fear dazu zustoßen: Jeden Dienstag, 18 Uhr vor dem Glaspavillon im Foyer neben der Roten Cafeteria (R12) habt ihr Gelegenheit die Theatergruppe Des Pudels Kern kennen zu lernen.