Wie ich zu Banana-Joe wurde

Vor den Konsolen finden sich Spieler*innen in fast jeder Altersklasse. (Foto: mehu)

Vor den Konsolen finden sich Spieler*innen in fast jeder Altersklasse. (Foto: mehu)

Nachmittage, Abende und ganze Nächte haben sich Generationen von Videospieler*innen um die Ohren geschlagen, um bloß das nächste Level zu erreichen. Auch ich zähle mich zu diesen Konsolenheld*innen. Deshalb habe ich mich mega gefreut, an diesem wunderschönen Samstag, 26. November, nach Herne fahren zu dürfen, wo die sogenannte „8bit. ism“ stattfindet. 40 Jahre Videospielgeschichte warten nur darauf, mich in den Bann der virtuellen Welten zu ziehen.

Aber was genau wird mich erwarten? Welcher Typ Mensch besucht diese Art von Veranstaltungen? Ich selber passe nicht ins stereotype Klischee eine*r Gamer*in – und freue mich dennoch, nach jahrelanger Abstinenz an einem alten Arcade-Automaten ein paar Runden Space Invaders genießen zu dürfen. Begleitet durch meine beiden Freunde lerne ich im postalkoholisierten Gemütszustand die Trostlosigkeit des öffentlichen Personennahverkehrs kennen, bevor wir nach einer einstündigen Fahrt und anschließendem Fußmarsch endlich die Flottmannhallen erreichen.

Vor dem schicken alten Industriegebäude lässt es sich gut bei einer Zigarette aushalten. Das Wetter ist töffte – wie wir hier im Ruhrgebiet sagen. Wir betreten die Halle und ein ohrenbetäubender Lärm lässt mein Trommelfell erbeben. Der Fokus meiner Begierde zieht sich auf einen kleinen, gläsernen Tisch. Auf dem sich unter dem Möbelstück befindlichen Bildschirm erleuchtet etwas Wundervolles die düsterne Halle und lässt mein inneres Spielkind Jubelsprünge machen: Space Invaders lädt mich ein, in eine galaktische Welt einzutauchen. Großartig! Noch großartiger ist, dass auch Bier verkauft wird, allerdings wird bei dieser Art von Veranstaltung – beklagenswerter Weise – nicht viel Bier verkauft, wie mir die Dame an der Theke verrät.

Aber zurück zu dem, was uns in der Halle an Spielmöglichkeiten geboten wird. Im oberen Bereich der Halle steht sie da, die legendäre Playstation 2. Wieder werde ich in der Zeit zurückgebeamt. Spätestens als ich mich an die Konsole setzte und bei Need for Speed Underground mit einem Affenzahn um die engen Kurven drifte, kommt alles hoch. Nicht nur das Spielgefühl von damals. Ich weiß auch sofort wieder, mit wem ich damals in heißen Schlitten um die Wette raste und dass ich die eine oder andere Schulstunde wegen diesem Spiel nicht wahrnehmen konnte. Aber wie werde ich denn nun zu Banana-Joe?

Meine Freunde reißen mich abrupt aus meiner nostalgischen Erinnerungsfröhnung als es heißt, dass wir uns noch für das Mariokart-Turnier anmelden können. Bei solch einem ehrenhaften Anlass gebührt es sich selbstredend nicht, mit dem bürgerlichen Namen anzutreten. Banana-Joe? Der Name ist doch schon eher ein Aushängeschild und lässt jede*n berechtigterweise in Ehrfurcht erstarren. Bananen sind gemeinhin ja als angsteinflößendes Lebensmittel bekannt. Gespielt wurde Mario Kart Double Dash auf dem Nintendo Game Cube. Diese neue technische Errungenschaft habe ich vorher nie bespielt. Das einzig wahre Mario Kart ist das für den Nintendo 64 – eine Erkenntnis, die ich mal lieber für mich behalten habe.

Banana-Joes großes Spiel

Um 16 Uhr erreicht die Spannung ihren Höhepunkt. Der Turnierleiter Pierre begrüßt uns herzlich und teilt uns in zwei Achter-Gruppen ein. Unter anderem bin ich in einer Gruppe mit einer gewissen Dragon Lady und einem Pokémon Master. Ich rechne mir für das Turnier keinerlei Chancen aus. Und das hilft mir, den Druck zu nehmen. Das erste Rennen läuft eher schlecht. Ich bin Sechster von acht. Aber das kann man bei den insgesamt 16 Runden als Aufwärmtraining bezeichnen. Das zweite Rennen ist dann noch schlechter. Siebter. Rechts von mir sitzt MC Sexy Priest und ich versichere euch, er ist nicht sexy. Aber verdammt gut in diesem Spiel! Ich lasse ihn in der Hoffnung eines Nachteilsausgleiches die Information zukommen, dass ich das noch nie gespielt habe. Er nickt und entgegnet, dass er sonst nur Mario Kart auf der Wii gespielt habe. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm das bei seiner Performance glauben soll. Die nächsten Runden habe ich mich einigermaßen gut geschlagen. Nachdem ich dreimal den fünften Platz belege, klettere ich nun aufs Sieger*innentreppchen und ergattere die imaginäre silberne Medaille. Jubelnd springe ich auf und nehme eine triumphale Siegerpose ein. Die Freude der anderen Spieler*innen über meine Platzierung hält sich in Grenzen.

Banana-Joe ist big im Business. Alle sollen sich vor mir fürchten. Ich fühle den Druck der Competition. Ich entwickele einen Tunnelblick und fluche lautstark über jede Banane, über die ich mit meinem mobilisierten Gefährt brettere. Nach dem sechsten Rennen liege ich auf dem dritten Platz in meiner Gruppe. Mein ärgster Verfolger ist Max auf Stuhl Eins. Als ich realisiere, dass ich ins Finale einziehen kann, holen mich meine Nerven ein. Ich bin Fünfter, Max Dritter und schon bin ich meinen Platz an Max los. Nicht nervös werden, Banana-Joe! Du hast dich bis jetzt gut geschlagen. Max ist nun mein einziger Feind. Ich führe mit ihm einen lockeren Smalltalk, um ihn mit meinem zarten Stimmchen abzulenken und seine Taktik auszuloten. Hat er es drauf oder war das alles Glück? Das nächste Rennen. Ich werde Sechster. Max wird Vierter. Der Abstand wird größer. Ich muss mir was einfallen lassen. Ich biete ihm an, in der nächsten Runde um ein Bier zu spielen. Ich werde Fünfter und Max lasse ich hinter mir. Korrekt, Bier.

Am Ende der Vorrunde bleibt es beim vierten Platz für mich. Damit bin ich im Finale. Meine beste Platzierung in 16 Rennen war ein sechster Platz. Am Ende hat Andre H. gewonnen. Er ist extra aus Münster angereist und hat sogar seinen eigenen Controller dabei. Nach dem hitzigen Turnier unterhalte ich mich den Jungs und Mädels von „Insert Coins“, die aus Liebe zum Videospiel einen eingetragenen Verein gegründet haben. Das sind alles nette Menschen und die machen eine gute Sache. Ich werde meinen Beitrag dazu leisten und mich bald als Mitglied anmelden.