Wut als moralische Emotion

Absurd scheinende Forderungen werden auf Demonstrationen  ins Lächerliche gezogen.   (Foto: caro)

Absurd scheinende Forderungen werden auf Demonstrationen ins Lächerliche gezogen. (Foto: caro)

Warum werden wir wütend? Wann ist Wut gerechtfertigt? Und was kennzeichnet Wut als moralische Emotion? Darüber sprach Antti Kauppinen von der finnischen Universität Tampere im Rahmen des Philosophischen Kolloquiums am Donnerstag, 1. Dezember, auf dem Essener Campus. Auf Anfrage von der akduell nimmt er außerdem Bezug zu Wut in sozialen Netzwerken und in der Politik.

Der Seminarraum im neuen Rotationsgebäude ist voll besetzt, ein paar Zuhörer*innen schleichen sich noch schnell verspätet in den Raum und suchen sich die letzten freien Plätze. Das Thema Kauppinens scheint viele zu interessieren und erhält im Bezug auf die aktuelle politische Lage immer mehr an Bedeutung. Ehe er beginnt, erklärt der Forscher, dass das heute die Weltpremiere seiner neuen Arbeit sei. Deshalb würde er hier und da, ganz klassisch, noch etwas ablesen. Dann fragt er in die Runde, wer bereits Germinal von Émile Zola gelesen habe. Der Roman eigne sich hervorragend, um das Thema Wut zu veranschaulichen, weshalb er seinen Vortrag mit einem Auszug beginne.

Es sei kein Wunder, dass Wut einen schlechten Ruf habe. Um sie aber zu verstehen, müsse man Wut zuerst von Ärger unterscheiden. Ärger, in seiner einfachsten Form, sei „eine Antwort auf die Wahrnehmung, dass jemand oder etwas nicht das tut, von dem wir denken, dass er*sie es tun sollte und wir wollen, dass er*sie es tut“*, so Kauppinen. Viele Formen von Ärger umfassten speziellere normative Erwartungen. Wut, auf der anderen Seite, charakterisiere sich dadurch, dass das Ziel, an das wir unsere Wut richten, verantwortlich dafür sei, dass uns oder jemandem, der uns nahe steht, etwas verwehrt wird, auf das wir Anspruch haben. Darüber hinaus scheint es als „könnten wir nichts dagegen tun, ohne die Situation zu verschlimmern“.
Wut tritt in verschiedenen Formen auf. So spricht Kauppinen etwa von „rage from above“ und „rage from below“. Er spielt damit auf die verschiedenen Formen der Hierarchie und Macht an – also an wen sich unsere Wut richte. „Rage from below“ sei die einzige Form von Wut, die gerechtfertigt sein könne. Das sei aber nur dann der Fall, „wenn das Ziel dafür verantwortlich ist, dem Subjekt etwas zu entziehen, auf das es Anspruch hat und wenn es dem Subjekt an bedeutsamen Möglichkeiten mangelt, die Situation durch instrumentelle, rationale Handlungen zu verändern; an das Ziel gerichtete Forderungen eingeschlossen“. Ein Teil der Schuld am Fehlverhalten liege dann bei der Zielperson. Generell seien Handlungen aus Wut aber meistens moralisch falsch. Das liege daran, so Kauppinen, dass Menschen nicht mehr zwischen unschuldig und schuldig unterscheiden würden. Und weiter: „Selbst wenn (…) irgendeine Form von Schaden gerechtfertigt sei“, tendiere Wut dazu, zu weit zu gehen. Allerdings könne Wut auch einen positiven Effekt haben, „selbst wenn sie die äußeren Umstände verschlimmert“: Wut sei auch „ein Ausdruck von Selbstwertgefühl und Selbstachtung“ und könne diese fördern.

In Sozialen Netzwerken und in der Poltik

Auf Facebook und Co. ist immer wieder zu beobachten wie schnell sich Wut, zum Beispiel durch Hasskommentare, verbreitet und an Zuspruch gewinnt. Kauppinen nennt hierfür drei Gründe: „Frustration, Polarisation und Verstärkung“. Er erklärt: „Aufgrund der wirtschaftlichen Globalisierung und der ansteigenden Bedeutung transnationaler politischer Institutionen wie der EU, werden viele der Entscheidungen, die unser Leben konkret betreffen, von Menschen getroffen, die in jeder Hinsicht von uns entfernt sind – wir kennen sie nicht und können sie nicht beeinflussen.“ Dies führe zu Frustration und Wut auf „das politische und wirtschaftliche System, unter dem wir leben.“ Soziale Netzwerke bieten Menschen zudem die Möglichkeit, sich nur mit Gleichgesinnten auszutauschen. „Diese Polarisierung bedeutet, dass es schwieriger wird sich mit der anderen Seite zu sympathisieren und die Dinge von ihrem Standpunkt aus zu betrachten“, erläutert Kauppinen. Die Handlungen der Gegenseite würden so als „unvernünftig“ und „unfair“ angesehen. Dazu käme, „dass unsere Gefühle verstärkt werden, wenn andere Menschen sie teilen.“ Kauppinen verweist darauf, dass in sozial-psychologischen Experimenten bereits mehrfach festgestellt wurde, dass Menschen dazu neigen Personen aus ihrem Umfeld zu folgen, „selbst wenn dies bedeutet Außenstehenden zu schaden.“ Mensch erinnere sich an das Stanford Prison Experiment.

Oftmals denken Menschen, sie haben keinen Einfluss auf die Politik in ihrem Land. Das liege an „internationalen Finanz- und anderen Märkten, und an Verträgen, die die Länder aneinander binden“ , die so den Handlungsraum von Politiker*innen einschränken. Bei manchen Bürger*innen käme dies dann so rüber, als stünden die Interessen „der internationalen Elite“ vor den eigenen, erklärt Kauppinen. Es sei nicht verwunderlich, dass Menschen, die mit der politischen Situation in ihrem Land unzufrieden sind, Kandidaten oder Parteien wählen, die „versprechen, das ganze System zu verändern”, so Kauppinen. Dabei, so möchte er betonen, glaubten „Menschen, die aus Wut wählen“, nicht unbedingt, „dass dies die Dinge besser machen werde“. Vielmehr ginge es um den Ausdruck von Protest und darum, „die existierende Ordnung symbolisch zu zerstören“. Trotzdem sei es nicht „komplett willkürlich“, wofür die Menschen stimmen. „Wenn du denkst, dass das Problem ist, dass du die politischen Entscheidungen nicht beeinflussen kannst, ist es sinnvoll zu wollen, dass diese Entscheidungen auf einem nationalen und lokalen Level getroffen werden und ökonomische sowie kulturellen Protektionismus zu favorisieren“, führt Kauppinen weiter aus. Dies, so denkt er, könne die Unterstützung von Menschen wie Trump oder der AfD erklären.

Wut ist trotzdem wichtig

Auch wenn Handlungen aus Wut selten vertretbar sind, so ist die Emotion beziehungsweise Ärger dennoch wichtig. Ohne sie „sind wir sehr wahrscheinlich passiv angesichts von Ungerechtigkeit“, so der Forscher. Die „symbolische Zerstörung“ von Wut könne die Aufmerksamkeit der Welt auf ein Problem lenken, das sonst ignoriert würde. „In einer besseren Welt würde solch eine Zerstörung nicht nötig sein, aber leider tendieren wir dazu, viele Spannungen und Konflikte zu ignorieren bis Gewalt ausbricht“, resümiert Kauppinen.

Der Referent ist sich nicht sicher, ob Menschen heute wütender sind als in der Vergangenheit. Falls, dann weil „wir weniger Kontrolle über unser Leben haben”, wir mehr Zeit damit verbrächten, uns „mit Smartphones und Computern abzukämpfen“, statt mit „beruhigenden Aktivitäten wie dem Zusammensein mit anderen Menschen in natürlichen Umgebungen”. Darüber hinaus würden unsere negativen Gefühle durch „digitale Echokammern” verstärkt. „Ohne Informationstechnologie wären wir weniger produktiv, aber wahrscheinlich glücklicher“, so Kauppinen.

*Zitate aus dem Englischen übersetzt.