Abitur mit Antisemitismus

6_Antisemitismus Klett Verlag

Früh übt sich Antisemitismus. In einer Karikatur eines Schulbuches des Klett Verlages wird Rückgriff auf eine antisemitische Verschwörungstheorie genommen. (Foto: fro)

Der moderne Antisemitismus drückt sich vor allem durch Codierungen aus. Was im Dunstkreis von verschwörungstheoretischen Medien wie Compact und KenFM zur Konzeption des Weltbildes gehört, fand mit einer Karikatur im Schulbuchverlag Klett auch eine breitere Plattform. Damit ermöglicht der Verlag nicht nur die Verbreitung eines antisemitischen Stereotyp bei Jugendlichen, sondern offenbart mangelhafte Medienkompetenz.

Der Euro als Gemeinschaftswährung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion drohe, den Wirtschaftsraum aufzufressen – so die Aussage der polemischen Karikatur im Schulbuch Anstöße 2, das für den Sozialwissenschaftsunterricht in vielen deutschen Gymnasien und Gesamtschulen den Grundstein des Unterrichtsgeschehens in der Oberstufe bildet. Im Rahmen eines kontrovers angelegten Unterrichts – wie ihn der Beutelsbacher Konsens von Fachlehrer*innen explizit fordert – kann zwar eine Debatte geführt werden, ob der Euro eine Gefahr für die Währungsunion darstellt. Nichtsdestotrotz ist der in der Karikatur integrierte Subtext aber mehr als problematisch.

Im Schweif der Euro-Münze (dargestellt in Form einer Pac-Man-Figur) ist ein Schriftzug zu lesen: „ROTHSCHILD-Bank”. Es wird impliziert, dass der Euro im Auftrag der genannten Bank die Euro-Zone zu zerstören drohe. Dass ausgerechnet die jüdische Bankiersfamilie Rothschild als Quelle des Übels ausgemacht wird, ist kein Zufall. „Der Familie Rothschild wird im Antisemitismus eine enorme Machtposition zugesprochen, sie fungiert als personifiziertes Böses,“ erklärt Sozialwissenschaftler und Journalist Kevin Culina, der gemeinsam mit Jonas Fedders das Buch Im Feindbild vereint geschrieben hat. „Sie vereint dabei das antisemitische Bild des raffgierigen, hinterlistigen Bankers in Kombination mit einer expliziten Benennung ihrer jüdischen Religion.“

Die von der vermeintlichen Wahrheit überzeugten Anhänger*innen der Verschwörungstheorie behaupten, die Welt würde von einer ominösen Elite gesteuert und Politiker*innen würden lediglich als Ablenkungsmanöver für die Bevölkerung fungieren. „Ein übliches Bild in diesem Kontext ist die Darstellung von Politiker_innen als ‚Marionetten’, gesteuert von mächtigen ‚Strippenziehern’ im Hintergrund“, versinnbildlicht Culina das Gedankenkonstrukt. Wissen über kapitalistische oder politische Funktionen fänden aus Unverständnis oder Ignoranz keinen Platz im Weltbild. Sämtliche Entscheidungen der politischen und wirtschaftlichen Sphäre und darüber hinaus entsprängen dem Willen einer im Verborgenen agierenden Elite. „Dieses strukturelle, für den Antisemitismus konstituierende Schema wird zudem mit einer jüdischen Familie, die unter anderem im Bankwesen tätig ist, als Verkörperung dieser ungreifbaren Elite ergänzt“, erläutert Culina den antisemitischen Charakter der Verschwörungstheorie. Auch die im Investmentwesen und Unternehmertum tätigen Familien Soros, Rockefeller und Chodorkowski dienen im Diskurs als antisemitische Codierung.

Bezugnahme von links und rechts

Vor allem während des Nationalsozialismus wurde im Rahmen einer behaupteten jüdischen Weltverschwörung massiv gegen die Rothschilds agitiert, zum Beispiel wurde 1940 der Propaganda-Film Die Rothschilds in den Lichtspielhäusern des Deutschen Reichs aufgeführt. Erklärtes Ziel des Propaganda-Ministers Joseph Goebbels war es, „das Judentum, wie es ist“ zu präsentieren und die Bevölkerung auf noch härtere Maßnahmen gegen Jüd*innen vorzubereiten. Noch heute findet sich in der extremen Rechten diese Form des Antisemitismus, die aber implizierter artikuliert wird. „Hinzugekommen sind, aufgrund der öffentlichen Tabuisierung des offenen Antisemitismus nach 1945, verschiedene Formen von Codes, wie ‚US-amerikanische Ostküste’ oder ‚Finanzoligarchie’ benennt der Sozialwissenschaftler einige Beispiele von heutigen Antisemitismen, die auch zum gedanklichen Repertoire von Pegida oder dem völkischen Flügel der AfD gehören.

„Verschwörungsideologien sind jedoch kein Patent der extremen Rechten“, so Culina. „Angesprochen wird unter Verwendung von Versatzstücken linker Theorie, wie dem Antiimperialismus sowie Antizionismus und Antiamerikanismus auch ein sich als links verstehendes Publikum und Teile der Linkspartei,“ führt er fort und verweist auf die Querfront-Bewegung. Die Reichweite ist nicht zu unterschätzen. Während der ehemalige Radiomoderator Ken Jebsen auf seinem Youtube-Kanal fast 160.000 Abonnent*innen zählt, verkauft das Querfront-Magazin Compact um Chefredakteur Jürgen Elsässer rund 40.000 Exemplare monatlich.

Während Jebsen in einem durch den Journalisten Hendryk M. Broder veröffentlichten Brief in geschichtsrevisionistischer Manier behauptete, er wisse, wer den Holocaust erfunden habe, definierte Elsässer die zu bekämpfenden Feinde als „Finanzoligarchie“ – namentlich „die Herren Rockefeller, Rothschild, Soros, Chodorkowski“, die hinter der US-amerikanischen Notenbank Federal Reserve (FED) stecken würden. „Betrachtet man das Phänomen der Querfront, das in den letzten Jahren wieder an Popularität gewinnt, so fällt auf, dass gerade solche im Kern antisemitischen Verschwörungstheorien einende Elemente sind,“ resümiert Culina. Da bleibt es nicht verwunderlich, dass beide Protagonist*innen der neurechten Mahnwachen für den Frieden sind beziehungsweise waren. Schließlich ist man sich dort auch mehrheitlich einig, dass Amerika von der FED gesteuert würde. Wie auch Mahnwachen-Initiator Lars Mährholz zu wissen glaubt, sitzen an deren Spitze die Rothschilds (akduell berichtete).

Aggressive antisemitische Quelle

Mit der Wahl solch einer Karikatur in einem Schulbuch läuft der Verlag Gefahr, antisemitische Verschwörungstheorien im Bewusstsein der Schüler*innen zu manifestieren. Der Klett Verlag spricht auf akduell-Anfrage von einem „bedauerlichen Fehler“, wegen dem die Karikatur in die Ausgabe vieler deutschter Bundesländer gelandet ist. Eine Ausnahme bildet die baden-württembergische Ausgabe. Der Klett Verlag versichert, dass die Nachdrucke mit einer anderen Karikatur versehen werden. Wann diese erscheinen, könne aber noch nicht gesagt werden. Die Zusammenarbeit mit der externen Redaktion, die auch die Wahl der Illustration traf, sei mittlerweile beendet. „Eine kritische Überarbeitung des Buchs auf solche Karikaturen und eine kritische Prüfung der Quelle, in diesem Fall eine aggressiv antisemitische Website, sollte unverzüglich beginnen,“ postuliert Culina. Folgt man der im Literaturverzeichnis des Schulbuchs angegebenen Quelle, stößt man auf ein Sammelsurium von Karikaturen, auf denen beispielsweise der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit Davidstern auf der Stirn als Strippenzieher der Terrormiliz Islamischer Staat dargestellt wird. Auch Karikaturen, auf denen der Holocaust geleugnet wird, finden sich dort. So würden „Kritiker*innen“, die bezweifeln, dass sechs Millionen Jüd*innen der Shoa zum Opfer fielen, von „Zionist*innen“ ins Gefängnis gesperrt.  „Schulen sollten Medienkompetenz und einen kritischen Umgang mit Quellen vermitteln. Daran scheint hier einer der größten deutschen Schulbuchverlage selbst gescheitert zu sein“, urteilt Culina.

 

UPDATE (26.01.2017): Der Klett Verlage habe den Online-Link zum Buch überarbeitet und die Karikatur dort entfernt. Zudem habe er den Versand des Buches eingestellt und angekündigt, die Restbestände zurückrufen zu wollen.