Alles im grünen Bereich?

Die offizielle Eröffnungsfeier zur Grünen Hauptstadt Europas findet am 22. Januar im Grugapark statt. (Foto: Rupert Oberhäuser/oberhauser.com)

Die offizielle Eröffnungsfeier zur Grünen Hauptstadt Europas findet am 22. Januar im Grugapark statt. (Foto: Rupert Oberhäuser/oberhauser.com)

Am 18. Juni 2015 wurde Essen von der Europäischen Kommission zur „Grünen Hauptstadt Europas 2017“ gekürt. In diesem Jahr soll die Ruhrgebietsstadt zeigen, wie der Strukturwandel von Kohle und Stahlgewinnung hin zur grünsten Stadt NRWs gelungen sei. Dafür will sich Essen feiern. Aber nicht alle Bürger*innen sind in Partystimmung. Besonders Bewohner*innen aus Essen-Kray treten dem mit Unverständnis gegenüber. Dort kann man nach wie vor nicht mal selbstangebautes Gemüse bedenkenlos essen.

Mit dem Titel „Grüne Hauptstadt Europas“ wird von der Kommission eine europäische Stadt ausgezeichnet, die hohe Umweltstandards erreicht hat und weitere Verbesserungen in Sachen Nachhaltigkeit und Umweltschutz anstrebt. Essen löst damit die slowenische Hauptstadt Ljubljana ab und zum ersten Mal wird eine ehemalige Montanindustrie- Stadt ausgezeichnet. In Anbetracht der Arbeitslosenquote, die im Essener Norden doppelt so hoch liegt wie der Landesdurchschnitt, bleibt aber fraglich, wie gut der Strukturwandel vonstatten ging.

Die Verantwortlichen jedenfalls haben sich hohe Ziele gesteckt. Auf der offiziellen Homepage der „Green Capital“ Essen sind insgesamt zwölf Punkte aufgelistet. Unter anderem geht es um den Klimawandel, mit der Zielsetzung, dass die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2020 um 40 Prozent gesenkt werden sollen, bis 2050 sogar um 95 Prozent. Auch die Integration von Naturschutz in Land- und Forstwirtschaft sowie Siedlungsentwicklung steht auf der Agenda. Wie genau das realisiert werden soll, ist noch unklar.

Die Stadt möchte in diesem Jahr auch Freizeitangebote weiter ausbauen. Im Sommer soll es nach 46 Jahren wieder erlaubt werden, im Baldeneysee zu baden. Das war in der Vergangenheit offiziell wegen der hohen Schadstoffbelastung nicht möglich. Der Baldeneysee hatte unter anderem die Aufgabe, als Absenkbecken für Schwebstoffe in der Ruhr zu dienen. Doch in den vergangenen Jahren hatte sich die Wasserqualität derart verbessert, dass nun eine Badestelle eingerichtet werden könne. „Baden in der Ruhr ist eines der emotionalsten Projekte im Grüne-Hauptstadt-Jahr. Ein Frühwarnsystem macht möglich, dass wir ab Mai 2017 eine erste Pilotbadestelle eröffnen können“, sagt Umweltdezernentin Simone Raskob. Das Frühwarnsystem erkenne, ob die Wasserqualität gut genug sei, um baden zu können.

Kritik von BUND

Die Naturschutzorganisation BUND hat sich gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung jedoch skeptisch über die Auszeichnung Essens als „Grüne Hauptstadt“ Europas geäußert. Das Anliegen des Titels sei zwar positiv anzusehen, Dirk Jansen von BUND erklärt jedoch: „Allerdings zeigen die Erfahrungen zum Beispiel in Hamburg, dass Anspruch und Wirklichkeit häufig nicht übereinstimmen. Ob beim Verkehr, dem Landschafts- und Naturschutz oder der Baupolitik – allenthalben gibt es nach BUND-Einschätzung große Defizite.“

Der Titel „Grüne Hauptstadt Europas“ wird auch in weiten Teilen von Kray mit Unverständnis hingenommen. Denn dort kämpft seit mehr als 20 Jahren eine Bürger*inneninitiative gegen den dort ansässigen Recyclinghof. 1962 hatte die Firma Richter mit Schrotthandel angefangen und sich vor einigen Jahren auf Recycling und Kupfergewinnung, unter anderem aus Elektromotoren, spezialisiert. Was die Bürger*inneninitiative schon seit Jahren vermutet, ist nun vergangenes Jahr durch die Behörden bestätigt worden: Die Belastungen mit PCB im Umkreis des Recyclinghofs sind um das 20-fache höher als der vorgegebene Richtwert.

Die Behörden haben schon vor einiger Zeit eine Nicht-Verzehrempfehlung für selbst angebautes Gemüse unweit der Firma Richter ausgesprochen und somit der Initiative recht gegeben, die den Hof schon lange als Quelle des Giftes ausgemacht hatte. Hauptverantwortlich seien zwei Schredderanlagen auf dem Gelände. Ende 2016 gab das Unternehmen Richter bekannt, die Anlagen zu schließen.

Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind giftige und krebsauslösende organische Chlorverbindungen, die bis in die 80er-Jahre vor allem in Transformatoren, elektrischen Kondensatoren, Hydraulikanlagen als Hydraulikflüssigkeit sowie als Weichmacher in Lacken, Dichtungsmassen, Isoliermitteln und Kunststoffen verwendet wurden.

In einer Stellungnahme der Bürger*inneninitiative Krayer Bürger gegen „Gift-Schredder“ heißt es: „Proteste der Bürgerinitiative gegen unzureichendes Behördenhandeln, Infoveranstaltungen und eine kämpferische Demonstration vor einem Jahr führten zu mehr Medienöffentlichkeit. Der Druck erhöhte sich vor allem auch durch die Kritik, dass die PCB-Vergiftung in Kray völlig im Widerspruch steht zur „Grünen Hauptstadt Europas“ Nun soll Essen zeigen, wie der Titel die Stadt verändern wird, um eine lebenswertere und umweltfreundlichere Stadt zu werden.