Das Feld von unten aufräumen

Möglichkeiten, sich außerhalb des Studiums an der Universität Duisburg-Essen zu engagieren, gibt es viele – sei es politisch, sozial oder kulturell. In Teil zwei unserer Januar-Reihe „Initiativen auf dem Campus” stellen wir ArbeiterKind.de vor. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, Schüler*innen aus nicht-akademischen Haushalten auf dem Weg ins Studium zu beraten und begleiten.

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Ehrenamtliche und Schüler*innen bei Beratungsgesprächen an einer Schule. (Foto: Doreen Löfler)

Laut Sozialerhebungen, unter anderem des Statistischen Bundesamtes, nehmen in Deutschland von etwa 100 Akademiker*innen-Kindern 83 ein Hochschulstudium auf. Von 100 Kindern aus nicht-akademischen Familien studieren nur 23. Die finanzielle Belastung sei einer der Gründe, die diese Abiturient*innen von einem Studium abhielten. Die eigentliche Bildungsbenachteiligung besteht nach Ansicht der Engagierten in der Initiative ArbeiterKind.de aber vor allem in einem großen Informationsdefizit über das universitäre System und in kulturellen Vorbehalten im Familienumfeld. Dort wird angesetzt, auch mit den Erfahrungen Studierender aus Familien, in denen noch niemand einen Studienabschluss gemacht hat.

Jeden ersten Dienstag im Monat treffen sich die Mentor*innen von ArbeiterKind.de und Interessierte zum Stammtisch. Anfang Dezember fand dieser auf dem Essener Weihnachtsmarkt statt. Gemütlich tauschte man sich bei Glühwein und Maronen über erste Erfahrungen an der Universität oder über Ängste aus, den Schritt an die Hochschule zu wagen. Das ist auch der Punkt, den Schüler*innen aus Arbeiter*innenfamilien fehlen: Erfahrungen. Sie sind meist die ersten aus der Familie, die an einer Hochschule studieren möchten. Die Initiative will Abhilfe schaffen, in dem Mentor*innen an Schulen beraten. Sie halten Vorträge und stellen sich für persönliche Gespräche zur Verfügung. Für eingeschriebene Studierende klingen die Fragen, die dort gestellt werden, vergleichsweise banal. „Was ist ein Semester?“ oder „Wie beantrage ich BAföG?“.

Nicht nur den interessierten Schüler*innen werden diese Beratungen angeboten. Oftmals haben auch Eltern Vorurteile gegenüber dem Studium. Sie wähnen ihre Kinder in einer Ausbildung besser aufgehoben, weil sie glauben, das Kind würde sich mit dem Studium hoch verschulden. Daher werden auch die Eltern mit in die Beratung einbezogen. Denn die Ängste vor bürokratischen Hürden sind hoch, wie beispielsweise das Beantragen von BAföG oder die Bewerbung um ein Stipendium.

Beratung auf Augenhöhe

Beim Stammtisch auf dem Essener Weihnachtsmarkt wird eines schnell deutlich: Die Mentor*innen begegnen den Interessierten auf Augenhöhe. Denn die meisten sind selbst noch Studierende und die ersten aus ihrer Familie, die ein Studium aufgenommen haben. Sie kennen also die Sorgen und Ängste der Schüler*innen.
Auch ich bin aus einer Nichtakademikerfamilie und habe das Studium damals aufgenommen. Und schon kann ich selbst beraten, ich nenne die Schülerin Svenja. Sie ist 18 Jahre und hat auf Bitten ihrer Eltern eine Lehre als Rechtsanwaltsgehilfin aufgenommen. Sie ist sehr glücklich in ihrer Kanzlei, aber sie wolle nach der Ausbildung lieber ein Studium beginnen. Ein Fach interessiere sie besonders: Germanistik. Da ich das studiere, konnte ich viele ihrer Fragen beantworten: Wie das Studium aufgebaut ist, welche Dozent*innen zu empfehlen sind? Wissensweitergabe kann so einfach sein.

Ein langjähriger Mentor bei ArbeiterKind.de ist Simon Weimann. Er hat an der UDE Chemie studiert, engagiert sich aber weiterhin in der Ortsgruppe Duisburg-Essen. „Besonders die Arbeit mit jungen Menschen gefällt mir. Deswegen finde ich Schulveranstaltungen am interessantesten. Durch den direkten Kontakt mit Schülern kann man auf die Fragen eingehen und sieht gleich, dass man sie fürs Studium interessieren und ihre Fragen und Missverständnisse aus dem Weg räumen kann”, erklärt Simon. Auch dass die Berater*innen aus unterschiedlichen Fachbereichen kommen, mache die Arbeit interessant, da man auch mal über den „Tellerrand“ hinausblicken könne. Dass das Engagement auch für die Mentoren*innen Vorteile mit sich bringt, zeigt sich an Simon. Durch die Arbeit an den Schulen ist er seine Angst losgeworden, Vorträge zu halten und in diesem Bereich selbstsicherer geworden.

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Ihr wollt Schüler*innen auf dem Weg in die Uni begleiten? Dann meldet euch doch bei Arbeiterkind.de. (Foto: Doreen Löfler)

Mentoren*innen gesucht

ArbeiterKind.de lebt vom Engagement der Beratenden. Die Initiative nahm 2008 in Gießen ihren Anfang. Katja Urbatsch, eine der Initiatior*innen, ist selbst die Erste in ihrer Familie, die einen Studium abschloss und entwickelte aus ihrer eigenen Erfahrung heraus die Idee zum Internetportal ArbeiterKind.de. Zusammen mit ihrem Lebensgefährten sowie ihrem Bruder und zwei Kolleginnen von der Justus-Liebig-Universität Gießen setzte sie diese Idee 2008 im Rahmen des Wettbewerbs startsocial in die Tat um. Der Start des Internetportals erfolgte am 5. Mai 2008 und prompt meldeten sich zahlreiche Studierende und Akademiker*innen der ersten Generation und boten sich als ehrenamtliche Unterstützer*innen an. In 75 lokalen Ortsgruppen sind mittlerweile über 6.000 Berater*innen aktiv, die in Schulen, auf Messen und in persönlichen Gesprächen ihre Studienerfahrungen weitergeben und damit Mut machen.
Hier findet ihr Uni-Initiativen, die wir bereits vorgestellt haben:

Uni-Chor