(K)ein Rave im Iran

Anoosh und Arash wollen als DJs auflegen - aber ihre Kunst wird als „westlich“ unterdrückt. (Foto aus dem Film „Raving in Iran“ von Susanne Regina Meures)

Anoosh und Arash wollen als DJs auflegen – aber ihre Kunst wird als „westlich“ unterdrückt.
(Foto aus dem Film „Raving in Iran“ von Susanne Regina Meures)

Seit dem 29. September ist der Dokumentationsfilm Raving Iran von Susanne Regina Meures an verschiedensten Orten der Welt zu sehen. Zwei DJs werden von der Regisseurin bei ihrem Versuch begleitet, im Iran und später in Europa aufzulegen. Meures visualisiert den Kampf mit dem restriktiven Regime und die Verdrängung der elektronischen Musikszene des Iran in den Untergrund, die Illegalität. Freitag, 13. Januar, ab 22 Uhr, wird der Film auf der Zeche Carl zu sehen sein. Anschließend sind die Protagonisten, Arash und Anoosh, auf der Aftershowparty zu hören.

Nachts, inmitten der iranischen Wüste nahe Teheran. Deep House strömt aus den Musikanlagen, wahrscheinlich auf Batterie. Menschen zucken extatisch, gepierct, bauchfrei, mit zum Tanz erhobenen Armen. Arash und Anoosh stehen konzentriert hinterm DJ-Pult, bewegen die Regler und damit die nackten Füße auf dem feinen Sand. Die Bilder wechseln sich schnell ab; Porträts der Ravenden folgen auf Naheinstellungen von zum Beat wippenden Armreifen, dann wird wieder die Gesamtszenerie gezeigt. Aufgelegt und elektronische Musik gehört wird überall auf der Welt – ob das politisch ist, entscheidet der Staat.

Es ist hell geworden, durchgefeiert liegen die Übriggebliebenen des Wüstenraves auf dem Boden unter der gleißenden Sonne. Die Aufmachung reißt die Zuschauenden direkt in das Leben von Anoosh und Arash. Die beiden Freunde, die sich „Blade & Beard“ nennen, machen seit Jahren gemeinsam Deep- House-Musik. In jedem Fall treibende Klänge: 125 Beats pro Minute.

Die Alben des DJ-Kollektivs kommen größtenteils ohne Vocals aus. „Holland in my dreams“ lautet ein melancholischer Track vom Album „The Waves are Coming“, der die düster-hoffnungsvolle Gefühlswelt der Musiker ausdrückt: Bock auf europäische Partykultur, auf die Möglichkeit, legal aufzulegen, ihre Musik kommerziell zu vertreiben und mit weniger Angst vor willkürlichen Polizeikontrollen und damit einhergehender Gewalt, Freiheitsentzug und Geldstrafen belastet zu werden. „Ich will nach Berlin“, sagt Anoosh, der kurze Haare und Baggyhosen trägt.

Die ausnahmslos englische Benennung der Alben und Titel drückt die Neigung gegenüber angelsächsisch- europäischer Kultur sowie dem Wunsch der Musiker aus, über die Grenzen des Irans hinaus ihre Musik zu verbreiten. Die Dokumentation zeigt, auf welche Repression sie dabei im Iran stoßen. Für den Rave in der Wüste, von dem die Eingangsszene erzählt, mussten die Künstler tagelang heimlich die Musikanlage im Auto herumfahren. Der kommerzielle Vertrieb ihrer Alben muss genehmigt werden.

Die Künstler stehen dabei einem riesigen bürokratischen Apparat gegenüber, der oft von Frauen* repräsentiert wird. In einer Szene steht Anoosh einer Verwaltungsbeamtin gegenüber, sie fragt nach, ob es „westliche“ Musik sei, ob Frauen* darin Vocals als Hauptstimme singen, ob sie auf dem Cover Piercings tragen. Dinge, die im Iran nicht zulässig sind. Die Beamtin zeigt die Einbindung der iranischen Frauen* in ihre eigene Benachteiligung, ihre Schockiertheit demonstriert inwiefern sexistische Regeln, die religiös begründet als Normalität akzeptiert und verteidigt werden.

Die DJs bekommen keine Genehmigung, ihre Musik verschicken sie per Hand – so gut es geht an den Behörden vorbei an Elektro-Fans aus der ganzen Welt. Eine Hausparty, auf der die Protagonisten auflegen, wird von der Polizei gestürmt, die teure und im Iran schwierig zu beschaffende Anlage wird konfisziert und Anoosh verhaftet. Er kommt auf Kaution frei, wissend, dass er seine Leidenschaft in diesem Land nicht ausdrücken darf, schon gar nicht kommerzialisiert.

Anderes Land, andere Regeln

Die Pläne nach Europa zu gehen werden konkreter als Anoosh und Arash das Angebot bekommen, in Zürich auf der Street Parade aufzulegen. Sie brauchen Geld, um den Flug zu bezahlen: wieder eine Genehmigung, ein Visum. Angedacht sind fünf Tage Aufenthalt, es steht aber im Raum, länger zu bleiben und in der Schweiz Asyl zu beantragen. Die Freunde diskutieren. Arash will das Land und seine Freunde, nicht dauerhaft verlassen. Anoosh muss sich, nachdem alles geklärt ist, in einer dramatisch-traurigen Szene von seiner augenscheinlichen Partnerin verabschieden, er weiß selbst nicht für wie lang. Vom Beifahrersitz aus filmt Meures lange Anooshs riesige dunkelbraune Augen, die fast nostalgisch blinzelnd aus dem Fenster schauen auf dem Weg zum Flughafen.

Dann freudiger Empfang in Zürich von den Veranstaltenden des größten Technofestivals Europas, um endlich legal aufzulegen zwischen exzentrischen Kostümen auf Schweizer Straßen. Pure Energie und Glücksgefühle auf Seiten des DJ-Kollektivs. Daraufhin dieBekundung von Anoosh, dass dies alles sei, was er wollte, dass es das so nicht gäbe im Iran: offener Exzess, öffentlich getragene kurze Kleidung, erlaubte elektronische Musik.

Deep House als Asylgrund?

Die Freunde sind sich unsicher, ob ihre Verfolgung den schweizer Behörden ausreicht, um ihren Asylantrag angenommen wird. Also wieder Angst, wieder Bürokratie. In der letzten Szene inszeniert Meures Arash und Anoosh, wie sie nach dem Check-Out aus dem Hotel auf dem Weg zurück nach Teheran dem Züricher Taxifahrer sagen, er solle nicht zum Flughafen fahren. Damit endet der Film, der Abspann läuft ab. Im Hintergrund der Soundtrack des Films „Man O to“. Techno, der nicht von den Protagonisten komponiert ist, sondern vom DJ Nu. Nu‘s Song mutet viel „orientalischer“an als die Musik von den Teheranern.

Meures zeigt in Raving Iran mit teilweise wirrschen Szenenwechseln, aber viel Mut zu langen, experimentellen Sequenzen und notgedrungen ungewöhnlichen Filmmethoden -Teile des Films wurden verdeckt oder mit einer Handykamera gedreht- den Alltag. Sie hinterlässt einen Eindruck von der Normalität in diesem Land, das keineswegs bloß ein Ort zu sein scheint, an dem pure Unterdrückung und Angst herrschen.

Menschen wie Anoosh und Arash schaffen Freiräume, die aber immer wieder bedroht und zerstört werden. Die Sphäre der symbolischen Produktion, also von Filmen, Musik und Tanz ist vollkommen staatlich reguliert und unterliegt religiös legitimierter Kontrolle. Hier gilt nicht der freie Markt als ethisches Prinzip, sondern die Gebote Allahs.

Die Darstellung der Schweizer Zustände als absolute Freiheit durch Meures ist jedoch zu kritisieren. Die Schweiz ist noch lange kein Regime. Aber auch in Europa kämpfen Menschen täglich mit Bürokratie. Ebenso mit im politischen Prozess verhandelten, aber da von Wenigen beschlossen, oft restriktiven Gesetzen wie dem Asylrecht, das kontinuierlich ausgehöhlt wird. Und auch die im Film propagierte ökonomische Freiheit gilt nicht uneingeschränkt für alle – je nach sozialer Herkunft, Pass oder Diskriminierung anhand des Geschlechtes ist auch unter hiesigen Regierungen der Markt nicht für alle Menschen gleich zugänglich.

Die fehlende Möglichkeit zur freiheitlichen Ausübung der Interessen (wie Raven) im Iran wird von Meures derweil ebenso kritisiert wie die Beschränkung des Marktes. Sie impliziert aber, was Rezipient*innen wie Spiegel-Online so dann eben formulieren: „Raving Iran macht eindrücklich deutlich, was es wirklich bedeutet, in Freiheit leben zu dürfen“.