Modernes Märchen – von Mauern und Meeren

Stacheldraht. Keine Mauer aus Beton. Finde den Unterschied. (Foto: liebeslakritze auf Flickr/https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/)

Eine Glosse von Maren Wenzel

Es war einmal ein Präsident und alle fragten sich, warum er Herrscher ward, aber sei’s drum. Aus seinem ovalen Büro heraus möchte er neuerdings eine Mauer zum Nachbarland bauen – Mexiko. Beim Gedanken an betonierte Grenzen schallen hierzulande jedenfalls die Alarmfanfaren. Auch bei Michael Müller (SPD), der mit dem Bürgermeisterzepter Berlins in der Hand jenen Trump mahnt, diesen „Irrweg von Abschottung und Ausgrenzung nicht zu gehen“.

Schätzungsweise 1.613 Tote an dem einst innerdeutschen Bauwerk stehen in den Geschichtsbüchern geschrieben. Umso größer war die Empörung, als Gedenkkreuze für die Opfer im November 2014 vom Zentrum für Politische Schönheit klammheimlich entwendet und an den EU-Außengrenzen Flüchtenden übergeben wurden. „Sapperlot! Was fällt diesen hippen Berliner Kunst-Aktivisten überhaupt ein, mit den historisierten Schrecken des Unrechtsstaates die Brutalität der demokratischen EU zu tadeln?“ – so dachte man damals wohl in den hohen Häusern dieser Republik.

Europa braucht so etwas mittelalterliches wie Mauern aus Stein gar nicht mehr. Hier gibt es ja das Mittelmeer. Da kann man als Europäische Union glatt Militärkreuzer statt effektiven Seenotrettungsschiffen entsenden und sieht immer noch nach Weißer Ritter*in aus. 10.000 ertrunkene Menschen seit dem Jahre 2014 – eine Randnotiz. Immerhin hilft ja jetzt auch bald das befreundete Lande Lybien, indem es die Verzweifelten ganz held*innenmäßig schon vor der eigenen Küste aus dem Wasser zerren will. In Ungarn, Ceuta und Melilla thronen die Grenzen – aus Stacheldraht – übrigens immer noch hoch in den Himmel. Aber dieser amerikanische Herrscher, der hat die Absicht, eine Mauer zu bauen!

Was ist die ach so beliebte Moral von der Geschicht’? Es gibt unterschiedliche Wege, eine Festung zu errichten, ob in Europa oder den USA. Aber Bastionen halten auch nur so lange, bis sie von den Menschen wieder eingerissen werden. Eben wie es  Demonstrant*innen gegen das Einreiseverbot gegenüber Muslim*as am JFK-Flughafen verlautbarten: „Du baust die Mauer, wir reißen sie ein!“ Ansonsten bauen sie weiter fröhlich Abschottungswerke bis ans Ende unserer Tage.