Nicht weniger als eine Revolution

Mit Herz für eine solidarische Gesellschaft in der Sorgearbeit. (Foto: Care Revolution Netzwerk Rhein/Ruhr)

Ein Freiheitskampf in der Sorgearbeit, aber was genau ist eigentlich Sorgearbeit? Die Care Revolution ist ein bundesweit agierendes Netzwerk. Auf der Homepage heißt es, dass dort vor allem Menschen tätig sind, die in der „sozialen Reproduktion – Hausarbeit, Gesundheit, Pflege, Assistenz, Erziehung, Bildung, Wohnen und Sexarbeit – aktiv sind“. Die Autorin und Professorin Gabriele Winker hat sich in ihrem Buch Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft dem Thema gewidmet und beschreibt darin ausführlich, worum es geht. In den Räumen der Düsseldorfer Hochschule gründete sich am Freitagabend, 20. Januar, das Netzwerk Rhein-Ruhr der Care Revolution. akduell-Redakteur Robin Dullinge sprach mit den Initiatorinnen Janette E. und Marlene C. über persönliche Stresssituationen, Bewusstseinsveränderungen, gesellschaftliche Verhältnisse, Revolution und die Hintergründe der Netzwerkgründung.

 

 

akduell: Was habt ihr euch vor eurer Auseinandersetzung unter Sorgearbeit vorgestellt und hat sich euer Bewusstsein dazu verändert?

Janette: Sorgearbeit war für mich eher das Berufliche, zum Beispiel Pflegeberufe. Als ich dann das Buch gelesen habe, ist mir aufgefallen, dass es halt eigentlich alles betrifft, bis tief ins Private hinein.

Marlene: Ja, das war für mich auch so eine sehr prägnante Aussage aus dem Buch. Auch wenn es total banal klingt, aber jede*r hat Sorgearbeit zu erledigen. Es nimmt einfach unseren kompletten Alltag ein und das wird überhaupt nicht beachtet.

Janette: Zudem wird Sorgearbeit beruflich nicht entsprechend wertgeschätzt und im Privaten oft gar nicht als Arbeit wahrgenommen.

akduell: Wie nehmt ihr Sorgearbeit in eurem eigenen Leben wahr, auch gerade nachdem ihr mehr Bewusstsein dafür entwickelt habt?

Janette: Bei mir ist das noch nicht so intensiv, weil ich noch studiere und der Job in meinem Leben nicht so verankert ist. Ich sehe das Problem aber vor allem bei meiner Familie. Nachdem ich das Buch gelesen habe, war ich auch total ergriffen, weil ich Panik davor habe, dass es mir bald ähnlich gehen wird, dass ich total überfordert damit sein könnte, weil ich so viel anderen Kram zu tun habe. Gerade wenn man Kinder bekommt, man muss sich ja ständig um die kümmern, dann hast du vielleicht noch einen Partner, der beruflich sehr eingespannt ist, vielleicht auch besser verdient, das muss alles geregelt werden.

akduell: Das derzeitige Gesellschaftsmodell basiert auf einem homogenen Familienkonzept. Habt ihr selbst schon Erfahrungen damit gemacht, wie es ist in einer Partner*innenschaft zu leben?

Marlene: Ich finde generell schon, dass das Thema präsent ist. Vor allem denke ich in meiner Situation aber an meine Selbstsorge. Die kommt auch im Buch vor und das finde ich total wichtig. Dahingehend hat sich mein Bewusstsein auch verändert. Dazu habe ich noch einen Freund und das ist natürlich auch Beziehungspflege. Trotzdem habe ich noch keine Familie und damit auch noch mehr Zeit für mich. Ich bin mir jedenfalls bewusst, dass das bald noch ein größeres Thema werden wird und der Druck ist schon sehr hoch, da nicht so rein zu fallen.

Janette: Für mich ist das wegen meiner Familie total präsent. Das ist ein ganz großes Thema.

akduell: Sorgearbeit an sich?

Janette: Dass man keine Zeit hat, Job und Sorgearbeit kaum miteinander vereinbaren kann.

akduell: Die Begründung ist aber nicht, dass man so viel Sorgearbeit hat, in der Form wie das Frau Winker kritisiert, sondern eher, dass es als selbstverständlich wahrgenommen wird?

Janette: Ja, dass das eben auf den Familien ausgebadet wird. Meine Familie lebt getrennt, eine Hälfte Mutter, eine Hälfte Vater. Es ist bei beiden präsent, egal ob Mann oder Frau. Bei meinem Papa sehe ich das oft. Letztens erst hatte ich ein Gespräch mit ihm, da hat er schon gesagt, er arbeitet fest in einem Betrieb und er kann dort nicht kürzer treten, er muss Vollzeit arbeiten. Er ist Ingenieur in Mecklenburg und da gibt es eben nicht so viel Auswahl, dass er schnell wechseln könnte und der kann das total schlecht miteinander vereinbaren.

akduell: Also einerseits Familie und andererseits Lohnarbeit?

Janette: Genau, er hat kaum Zeit, ist nur am Ackern, dann kommt er nach Hause und macht die Wohnung sauber, er kümmert sich auch um die Kinder, ist verheiratet, aber macht selbst sehr viel im Haushalt. Es stimmt natürlich, dass das meistens Frauen machen, aber es machen nicht nur Frauen.

akduell: Das entspricht nicht dem klassischen Familienbild. Scheinbar hat sich gesellschaftlich etwas verändert…

Janette: …und trotzdem ist es nicht miteinander vereinbar. Bei meiner Mama ist es genauso Thema. Ich bin so aufgewachsen: Meine Mama hat bis 21 Uhr gearbeitet und ihr Mann auch, ich war dann bis 21.30 Uhr alleine zu Hause. Das war normal und war nicht nur für mich belastend, sondern auch für meine Mutter. Wir hatten mehrmals Gespräche, dass meine Mutter Schuldgefühle hatte, weil sie gerne mehr Zeit gehabt hätte. Ich hoffe, dass ich da nicht rein rutsche.

akduell: Habt ihr euren Eltern schon mal von der Care Revolution erzählt?

Janette: Ja, meiner Mama. Die fand das ziemlich gut. Ich habe aber auch mit meinem Papa dar- über gesprochen. Ich hatte aber den Eindruck, er findet das unrealistisch, das umzusetzen. Sie haben aber erkannt, dass das ein Thema ist, dass sie betrifft.

akduell: Warum hattest du den Eindruck, dass er es unrealistisch findet?

Janette: Vielleicht weil das System so eingerichtet ist, man müsste das System ändern und das ist schwierig. Für viele ist das noch zu abstrakt.

akduell: Arbeitet die Care Revolution nicht genau darauf hin?

Janette: Genau, in kleinen Schritten. Das hat Gabriele Winker auch gesagt. Nach und nach Dinge einfordern und eine Veränderung erzwingen. Das hat mir auch Mut gemacht, dass sie das gesagt hat. Wichtig ist auch, dass wenn man was ändern will, sich organisieren muss. Inwiefern das dann klappt, das lasse ich auf mich zu kommen. Ich mache da nicht so viele Pläne.

akduell: Wie seid ihr auf die Idee gekommen ein Rhein/Ruhr Netzwerk von Care Revolution zu gründen?

Marlene: In unserem Masterstudiengang Empowerment Studies an der Hochschule Düsseldorf haben wir ein Seminar belegt, dass uns Methoden der politischen Analyse und Einmischung näher bringen soll. Wir hatten bereits im letzten Jahr eine Prüfungsleistung abgelegt zum Thema Care Revolution. Dann haben wir in Absprache mit der Dozentin die Organisation einer Podiumsdiskussion übernommen und als Prüfungsleistung abgelegt.

Janette: Fest stand ohnehin schon, dass es eine Veranstaltung mit Gabriele Winker, die Autorin von Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft, geben sollte. Wir haben sie dann kontaktiert und mit ihr gemeinsam besprochen, was aus der Podiumsdiskussion entstehen könnte.

Marlene: Wir sind dann schnell übereingekommen, dass es um eine dauerhafte Vernetzung im Rhein- und Ruhrgebiet geht. Deshalb haben wir im Anschluss an die Diskussion auch direkt ein Treffen organisiert, um mehr Leute ins Boot zu holen. Schließlich gibt es schon viele regionale Netzwerke in Deutschland und wir wollten hier nachziehen. Danach haben wir dann noch weitere mögliche Kooperationspartner*innen gefragt, ob Interesse besteht. Da gab es auch direkt große Zustimmung, dass sie das unterstützen.

akduell: Welche Kooperationspartner*innen konntet ihr dann für euch gewinnen?

Marlene: Im Raum standen von Beginn an Melanie Stitz vom feministischen Blatt Wir Frauen und Katharina Schwabedissen von der Gewerkschaft ver.di. Wir haben die beiden dann relativ zügig für uns gewinnen können.

akduell: Wie lief die erste Veranstaltung in der Hochschule?

Marlene: Etwa 70 Menschen waren bei der ersten Veranstaltung und haben großes Interesse gezeigt, aktiv daran teilzunehmen. Gabriele Winker hat erstmal wesentliche Kernpunkte aus ihrem Buch erläutert und das anhand von erhobenen Statistiken belegt. Sie hat die grundsätzliche Problematik der Unvereinbarkeit von Sorgearbeit und dem gesellschaftlichen System angesprochen. Im Anschluss hat dann Melanie Stitz aus feministischer Perspektive noch ein paar persönliche Berührungspunkte mit dem Thema erläutert und Katharina Schwabedissen hat das aus gewerkschaftlicher Sicht der ver.di ergänzt. Einig waren sich alle vor allem darin, dass wir auf vielen verschiedenen Wegen daran arbeiten müssen, um die grundsätzliche Forderung von bezahlter Sorgearbeit umsetzen zu können.

Janette: Am Schluss gab es auch eine recht rege Diskussion, was für Möglichkeiten bestehen, hier etwas zu initiieren und welche Ressourcen dafür bestehen.

Marlene: Nach der Veranstaltung haben wir uns dann auf den Termin heute konzentriert. Wir haben uns ein wenig vorbereitet, wollten aber auch schauen, wie das erste Treffen verläuft, was die Anwesenden überhaupt wollen und die Erwartungen klären. Wir haben uns einander vorgestellt und  jede*r hat erläutert, was er sich vom Treffen und vom Netzwerk allgemein wünscht.

Janette: Das hat auch ganz gut funktioniert, auch wenn wir nur eine kleine Runde waren. Es hatten sich im Vorfeld eigentlich noch mehr Leute angekündigt, die leider nicht gekommen sind. Wir finden das aber auch normal, es sind oft nur so fünf oder sechs Personen mit denen es beginnt.