#noduigida: Die Chronik eines Hashtags

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Dokumentation und Protest auf der Straße sowie bei Twitter, ein zeitgenössisches Zusammenspiel. (Foto: rod)

Seit zwei Jahren hält Pegida NRW die deutschen Fahnen in den Wind, ob in schwarz-rot-gold oder in schwarz-weiß-rot. Demgegenüber steht vor allem ein Hashtag, das wenige Tage vor der ersten Demonstration von Pegida-Gegner*innen ins Leben gerufen wurde. Noch heute wird es bei den sogenannten Pegida-Spaziergängen genutzt, hunderte Menschen beteiligten sich daran, wenige verblieben. Wir werfen einen Blick zurück.

4.000 Menschen kamen zur ersten Gegendemonstration des Deutschen Gewerkschaftsbunds in Duisburg. Stolz zeigte sich nicht nur Alpha-Schaf auf Twitter, auch die NRW-SPD war begeistert. Duisburg stehe quer, Platz für Fremdenhass gebe es keinen, hieß es. Auch Sören Link (SPD), Oberbürgermeister von Duisburg, sprach auf der ersten Kundgebung; Stadtwerke-Turm und das Theater der Stadt schalteten aus Protest die Lichter aus. Konträr dazu befand Johanna Haldemann von der Initiative gegen Duisburger Zustände (IgDZ) eine Woche später, dass es erschreckend und symptomatisch zugleich sei, dass in Duisburg, der Hochburg von Pegida NRW, die Gegenproteste nicht mal über zwei Wochen in ähnlicher Intensität anhalten würden.

Dokumentation und Popcorn

Die Teilnehmer*innen-Zahlen bei Pegida NRW blieben in der Folge hingegen konstant, trotz diverser Streitigkeiten. Die aufmerksamen Twitter-User*innen dokumentierten diese beinahe akribisch. Wer nach der zweiten Demo noch kein Popcorn zur Hand hatte, holte dies spätestens nach einer versuchten Distanzierung zu Neonazis und der Aussage, dass „die Veranstalter im Dialog mit den Nationalsozialisten bleiben wollen“ aus der Mikrowelle. Im April, also rund zwei Monate später, verabschiedete sich ein Mitglied aus dem Organisationskreis mit der Begründung, Pegida sei rechts. Auf Twitter fügte Pegida NRW noch hinzu: „Scheiß Halbitaliener“.

Anschließend gab es kaum noch überregionale Bedeutung. Im Sommer 2015 kehrte Pegida zurück, meist mit wenigen Teilnehmer*innen. Unter #noduigida twitterten wenige Verbliebene. Antifaschistische Gruppen kamen zu der Einschätzung, dass Pegida NRW „eher wie eine unlustige Karnevals-Truppe wirkte“. Nach unzähligen Streitereien, schlecht besuchten Kundgebungen, schien sich der offizielle NRW-Ableger aufzulösen.

Im Herbst 2015 jedoch erfuhr Pegida einen Höhenflug. Die extreme Rechte in NRW entdeckte die Demonstrationen wieder für sich. Bis zu 500 Menschen beteiligten sich daran, damit sogar mehr als zu Beginn. Seit dem Wiedererstarken hat der Protest nicht merklich zugenommen, die User*innen des Hashtags jedoch katapultierten ihn regelmäßig in die Twitter-Trends.

Rechte Hegemonie in Duisburg

Die Gründe dafür waren vielfältig, meist ging es um rechte Gewalt. So auch am 9. November 2015. Ein historisches Datum. 77 Jahre nach den Novemberpogromen marschierten rund 400 Menschen der extrem rechten Szene in Duisburg auf. Ein Video der gesellschaftskritischen Gruppen Duisburg dokumentierte einen Übergriff. In einem Café im Hauptbahnhof griffen mehrere Rechte eine Gruppe Gegendemonstrant*innen an. Eine Woche zuvor lief dieselbe Gruppe aus rechten Hooligans erstmals mit einem eigenen Banner ohne Polizeibegleitung durch den Hauptbahnhof. „Duisburg macht sich grade für Deutschland“ (Rechtschreibfehler im Original) in schwarz-weiß-rot, zwei Fäuste prangerten auf dem Transparent, getragen von militanten Neonazis. Die Polizei hingegen hielt es nicht für notwendig, diesen dokumentierten Übergriff in der Pressemitteilung zu erwähnen.Die folgenden Monate waren dominiert von solchen Szenen. Robert Rutkowski, der regelmäßig von rechten Versammlungen bei Twitter berichtet, schockierten besonders Aussagen von Polizist*innen, die ihm gegenüber artikuliert hätten, dass sie nicht für seine Sicherheit garantieren könnten. Auch eine kleine Anfrage vom Landtagsabgeordneten Daniel Schwerd (Linkspartei) wegen eines Keltenkreuz-Transparentes ist ihm sehr präsent. „Good night left side“ stand dort geschrieben, Konsequenzen gab es keine.

Obwohl Pegida NRW sich in der Zwischenzeit wieder zahlreiche Streitigkeiten geliefert hat, stehen, bei mittlerweile wieder geringerer Bedeutung, erschreckende Aussagen im Raum. „Geldjuden“, „Migrantenwaffen“, die „Protokolle der Weisen von Zion“ und Aufrufe zum Putsch sind einige davon. Die linke Gruppe Crème Critique findet, dass bei einer Betrachtung der Rahmenbedingungen schnell klar werde, dass Pegida in Duisburg eine gute Grundlage für rechte Agitation vorfinde und lädt daher anlässlich des zweijährigen Bestehens von Pegida NRW am Donnerstag, 19. Januar, zur Podiumsdiskussion auf den Duisburger Campus ein. Der Titel stellt Frage und Aussage gleichermaßen zur Diskussion: „Zenit überschritten, aber einiges angerichtet?!“