Starker Stoff, großer Klang

„Annelies“ in der Alten Synagoge: 2015 gedachte der Uni-Chor der ermordeten Anne Frank. (Foto: Judith Schonnefeld)

„Annelies“ in der Alten Synagoge: 2015 gedachte der Uni-Chor der ermordeten Anne Frank. (Foto: Judith Schonnefeld)

Möglichkeiten, sich außerhalb des Studiums an der Universität Duisburg-Essen zu engagieren, gibt es zuhauf – sei es politisch, sozial oder musikalisch. In den kommenden Ausgaben wollen wir euch ein paar dieser Initiativen vorstellen. Den Anfang macht der Universitätschor Essen, der dieses Jahr sein 30-jähriges Jubiläum feiert.

Jeden Mittwochabend gegen halb acht wird es im alten Audimax am Essener Campus voll. Menschen unterschiedlichsten Alters versammeln sich um diese Zeit in dem großen Vorlesungssaal. Allerdings nicht wegen einer Lehrveranstaltung, sondern zur wöchentlichen Chorprobe. Während unter den Fü.en der Anwesenden die U-Bahn wummert, wird sich eingesungen. Es geht die Tonleiter rauf und runter, man lockert und streckt sich.

Für jene, die noch nie bei einer Chorprobe dabei gewesen sind, mag das auf den ersten Blick sowohl etwas seltsam klingen als auch aussehen. Für die Sänger*innen ist es jedoch wöchentliche Routine. Bereits seit 30 Jahren besteht der Essener Universitätschor, seit der Gründung durch den damaligen Kreuzkirch-Kantor Sigfried Scheytt im Jahr 1987. In diesem Jahr wird das Jubiläum mit Konzerten in der Philharmonie Essen und dem Theater in Duisburg gefeiert. Das musikalische Fundament liefern dabei die „Erste Walpurgisnacht op. 60“ von Felix Mendelssohn Bartholdy, „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Modest Mussorsky und „The Omen“ von Jerry Goldsmith.

Breites musikalisches Spektrum 

Die Leitung des Chors hat seit 2001 Hermann Kruse inne, der die längste Zeit dieser Stelle treu geblieben ist. Der gebürtige Dortmunder ist überzeugt von „seinem“ Chor: „Beim Uni-Chor macht die Dirigententätigkeit so sehr Spaß, weil der Chor so leistungsstark ist und man mit ihm ganz unterschiedliche abwechslungsreiche Programme erarbeiten kann“.

Stilistisch eindeutig einordnen lässt sich das musikalische Repertoire des Chors dementsprechend auch nicht: „Der Chor lässt sich nicht in eine Schublade zwängen. Mal ist es ein Requiem mit Orchester, mal eine Schlagerrevue, mal ein Jazzwerk“, bestätigt Kruse. Während beispielsweise 2012 „The Queen Symphony“ im Semesterprogramm stand, wurde im Wintersemester 2013 „Der Messias“ von Georg Friedrich Händel eingeübt oder im Sommersemester 2015 eine Auswahl griechischer Musikstücke von Mikis Theodrakis aufgeführt.

Entsprechend der musikalischen Abwechslung ist auch der Chor selbst gemischt. Derzeit sind etwa 170 Sänger*innen aktive Mitglieder, von denen in der Regel bis zu 140 bei Konzerten mitwirken. An der falschen Adresse sind beim Chor all diejenigen, die gemäß der Bezeichnung „Universitätschor“ eine reine Studierendenansammlung erwarten. Denn das musikalische Angebot der Universität richtet sich auch an Mitarbeiter*innen, Ehemalige und externe Musikbegeisterte. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der Essener Chor  geschätzt nur etwa 20 Prozent Studierende als Sänger*innen zählt.

Für Kruse ist das dennoch eine gute Quote: „Im Vergleich zu vielen anderen Oratorienchören haben wir noch ein relativ niedriges Durchschnittsalter. Unser Altersspektrum reicht von 20 bis über 70“. Ein paar Chormitglieder seien auch tatsächlich schon seit der Gründung des Chors vor 30 Jahren mit dabei – und somit echte Koryphäen. „Der Chor würde ohne die ‚Älteren‘ auch gar nicht mehr existieren“, erläutert Kruse weiter, „gerade sie übernehmen die außermusikalischen Aufgaben wie Pressearbeit, Finanzen und andere organisatorische Angelegenheiten“. Das Alter der jeweiligen Mitglieder sei im Endeffekt aber auch irrelevant, findet Kruse: „Das Entscheidende ist doch die Atmosphäre und Leistungsfähigkeit – und das stimmt beides beim Uni-Chor“.

Getrenntes Proben, gemeinsames Musizieren

Diese abwechslungsreiche leistungsfähige Mischung schlägt sich auch in der Stimmenvielfalt wieder, wobei die Altstimme am stärksten besetzt ist und die Tenorstimme am wenigsten Mitglieder zu verzeichnen hat. Zum Ende jedes Semesters geht es regelmäßig zum Probenwochenende in eine Jugendherberge im Umkreis von Essen, um intensiv für die Semesterabschlusskonzerte zu proben und um sich etwas besser kennenzulernen.

Denn während des Semesters bleiben die Stimmen meist unter sich. Auch die Proben werden oftmals getrennt abgehalten, zumindest für den ersten Teil des Abends. Hermann Kruse greift dabei auf seinen Pianisten zurück, der sich den Frauen*stimmen zuwendet, während Kruse mit den Männern* probt. Nach einer zwanzigminütigen Pause geht es in der Regel „unisono“ weiter. Der Klang, der dabei entsteht, ist bereits nach einigen Proben gewaltig und übertönt deutlich das Wummern der U-Bahn.

Doch erst am Ende eines jeden Semesters wird das gesamte Potential des Chors ausgeschöpft, dann nämlich, wenn er gemeinsam mit einem Orchester auftritt. Engagements mit der Philharmonie Essen oder dem Universitätsorchester, wie auch wieder in diesem Jahr, seien dabei außergewöhnlich. Ein absoluter Höhepunkt in der Konzerthistorie des Uni-Chors war der Auftritt in der Alten Synagoge Essen im Jahr 2015. Damals wurde das James Whitbourns Oratorium „Annelies“, das das Leben der Anne Frank behandelt, aufgeführt. Auch für Kruse war es ein besonderes Konzert: „Die Musik war so ergreifend, dass einige Chormitglieder nicht mehr mitsingen konnten“.

Von Hexen, Geistern und Dämonen

„Kommt mit Zacken und mit Gabeln, lärmen wir bei nächt’ger Weile durch die engen, durch die engen Felsenstrecken“ – singt der Uni-Chor in diesem Semester. Klingt eher nach einer Gruselgeschichte als nach einem Stück Musik. Der Text für „Die erste Walpurgisnacht“ von Mendelssohn stammt von keinem geringeren als von Johann Wolfgang von Goethe, der die Ballade 1799 verfasst hatte. 1833 erschuf Mendelssohn dann die gleichnamige Chorkantate.

Gesungen wird von Teufeln und Druiden, von Drachen-Weibern und von Menschen-Wölfen. Ebenso mystisch und magisch geht es in der sinfonischen Dichtung „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ von Mussorsky zu, bei der der Tanz der Hexen in der Johannisnacht besungen wird. Um das düstere Semesterprogramm abzuschließen, wird in „The Omen“, benannt nach dem gleichnamigen Horrorfilm aus dem Jahr 1976, erneut Satan herbeigewünscht und Christus wiederum verwünscht. Der passende Programmtitel des Uni-Chors „Von Hexen, Geistern und Dämonen“ lässt auch nichts Anderes erwarten. Im kommenden Semester gibt es das Kontrastprogramm: Der Chor beschäftigt sich dann nämlich mit „The Musical World of Walt Disney“. „Das bietet eine Plattform für ganz unterschiedliche Musik – Filmmusik und Musicals. Ob Tarzan, König der Löwen, Frozen oder Mary Poppins, Aladdin, Beauty and the Beast – die Fülle an schönen Sachen ist unendlich“, freut sich Hermann Kruse.


Info

Die Konzerte des Uni-Chors
Sonntag, 29. Januar, 16 Uhr, Theater Duisburg,
Sonntag, 5.Februar, 11 Uhr, Philharmonie Essen.