Antisemitismus widersprechen

Der Abdruck einer antisemitischen Karikatur hat Folgen: Der Klett Verlag makuliert das Schulbuch. (Foto: fro)

Es ist ein ausgesprochen bitterer Fehler, den sich der Klett Verlag geleistet hat: In einem Schulbuch für Sozialwissenschaften druckte er eine antisemitische Karikatur, die aus der Feder eines Holocaustleugners stammt (akduell berichtete). Während der Verlag derweil die Schäden des Vorfalls beheben möchte, schaltet sich auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Volker Beck ein und fordert: Schon in der Schule muss über antisemitische Verschwörungstheorien aufgeklärt werden.

„Die antisemitische Karikatur in dem Schulbuch Anstöße 2 schockierte mich“, sagt Volker Beck auf Anfrage der akduell. Dass solch einer Illustration – bei Verlagsmitarbeitenden, den Kultusministerien und Lehrer*innen vollkommen unbemerkt – der Einzug in ein Schulbuch gelingen konnte, ist für ihn nicht nachvollziehbar. Wie das trotzdem passieren konnte, möchte der Bundestagsabgeordnete nun herausfinden und hat an sämtliche Kultusministerien Anfragen geschickt, die bislang aber nicht beantwortet wurden. Auf eine Rückfrage der akduell, weshalb die antisemitische Karikatur beim Genehmigungsprozess niemanden aufgefallen ist, hat das nordrhein-westfälische Schulministerium bis Redaktionsschluss ebenfalls keine Stellung bezogen. Dabei kommt ihm eine entscheidende Rolle zu. Schließlich ist das Schulministerium letztlich für die Genehmigung von Lernmitteln zuständig.

Nachdem die akduell über den Vorfall berichtet hatte, folgten weitere Artikel verschiedener Medien über die antisemitische Karikatur. Mit Beiträgen unter anderem in der taz, der Vice und dem Tagesspiegel wurde das Thema breit diskutiert. Auch französische und englische Zeitungen berichteten darüber. Der Klett Verlag hat indes die Auslieferung des Schulbuches gestoppt und eine überarbeitete Austauschseite erstellt, die nun an die Schulen versandt werde. Die Karikatur wurde durch ein unverfängliches Symbolbild ersetzt. Auch der Online-Link zum Buch sei umgehend ausgetauscht worden. „Allen Schulen, die das Lehrwerk einsetzen, wurde überdies angeboten, die Lehrwerke gegen eine überarbeitete Neuausgabe einzutauschen“, erklärt der Verlag in einer Pressemitteilung und entschuldigt sich für diesen „schwerwiegenden Fehler“. Trotzdem meint Beck: „Der Fall ist ernst zu nehmen, denn die Illustration ist ein klassischer Fall von antisemitischer Kapitalismuskritik.“ Jüd*innen werde die Schuld am Kapitalismus und den damit einhergehenden Krisen zugewiesen. In der Folge würde ihnen das Übel der Welt angedichtet. „Dieses antisemitische Stereotyp ist nichts Neues“, führt er fort und verweist auf die Historie des Antisemitismus.

Lehramtsstudierende müssen sensibilisiert werden

Mit der Abbildung solcher Karikaturen in Schulbüchern befördere man die Verbreitung von Antisemitismen bei Jugendlichen. „Dass solche antisemitischen Abbildungen so lange durch Klassenzimmern, Schulstunden und Unterrichtsvorbereitung geistern konnten, zeigt, dass Antisemitismus, das Gerücht über die Juden, verbunden mit klassisch-antijüdischen, rassebiologischen oder antizionistischen Bildern, in unserer Gesellschaft leider immer noch zu unserem kulturellen Gepäck gehören“, so Beck weiter.

Während der vier Jahre, in denen die Karikatur in einigen Bundesländern als Diskussionsgrundlage für die Euro-Krise dienen sollte, hätten sich laut Klett Verlag keine Lehrer*innen beschwert. Daher fordert Beck, dass auch in den Lehramtsstudiengängen über antisemitische Verschwörungstheorien gelehrt werden soll. Bisher wird das Thema in den sozialwissenschaftlichen Lehramtsstudiengängen überhaupt nicht behandelt. Wenn die Lehrer*innen ausreichend sensibilisiert seien, könne man solche Grafiken aber auch im Rahmen einer Unterrichtsreihe zu Verschwörungstheorien und gegenwärtigem Antisemitismus als Anschauungsmaterial nutzen und thematisieren. Mit der Einbeziehung des Themas in den Unterricht könne man Schüler*innen vermitteln, dass Antisemitismus noch immer ein Problem ist, dem es zu widersprechen gelte. „Dafür reicht es nicht aus, sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und Deutschlands auseinanderzusetzen, sondern auch heutigen Antisemitismus zu erkennen, um ihm widersprechen zu können,“ sagt Beck.