Bildungsungleichheit begegnen

Talentscout Inka Achtelik im Gespräch mit einem Schüler des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums in
Duisburg-Marxloh. (Foto: fro)

Der familiäre Hintergrund hat noch immer großen Einfluss auf die schulische Laufbahn von Kindern und Jugendlichen. Neben Arbeiterkind.de (akduell berichtete) gibt es eine weitere Initiative an der Universität Duisburg-Essen, die sich für mehr Bildungsgerechtigkeit einsetzt. Dazu kooperiert Talentscouting mit mittlerweile 16 Schulen in Duisburg und Essen.

Seit Februar vergangenen Jahres arbeitet ein vierköpfiges Team daran, in Schulen zu gehen und Oberstufenschüler*innen auf ihren Weg in Studium und Ausbildung zu begleiten. Dabei ist Talentscouting kein reines Informationsvermittlungsprogramm: „Wir wollen hauptsächlich Mut machen“, sagt Projektkoordinatorin Sarah Schröter. „Wir wollen den Schüler*innen über Stolpersteine helfen und sie dabei unterstützen, ihre Ziele zu finden und im Auge zu behalten.“ Die Schulen erhalten einmal im Monat Besuch von eine*r Mitarbeiter*in, der*die den Schüler*innen mit Tipps rund ums Studium zur Seite steht. Auch außerhalb der Sprechzeiten an der Schule haben die Schüler*innen die Möglichkeit, mit den Talentscouts Kontakt aufzunehmen. Für Fragen und Ratschläge stehen sie den interessierten Jugendlichen via Whatsapp und E-Mail auch außerhalb der Sprechstunden zur Seite. Neben der Berufsorientierung fragen sich manche zum Beispiel, wie sie den Job mit dem Tragen eines Kopftuches oder eines Turbans vereinbaren können. Bislang nehmen 340 Schüler*innen das Angebot des Talentscoutings wahr. An großen Gesamtschulen können pro Stufe bis zu 80 Abiturient*innen dabei sein, die die Talentscouts aufsuchen – wenn auch unterschiedlich oft.

Im Fokus stehen dabei Jugendliche aus Familien, aus denen bislang niemand eine Universität oder Hochschule besucht hat. „Hintergrund ist, dass erhoben wurde, dass die Zusammensetzung der Studierendenschaft auf eine Bildungsungerechtigkeit hinweist“, so die Sozialarbeiterin Schröter. Die Zahlen sind eindeutig: Während von 100 Jugendlichen aus Akademiker*innenfamilien 77 ein Universitätsstudium beginnen, besuchen nur 23 Prozent der Jugendlichen ohne akademischen Hintergrund eine Hochschule. Um dem entgegenzuwirken, müsse man eigentlich schon in der Grundschule anfangen, meint Schröter. Schließlich beginnt im deutschen Schulsystem bereits dort die Selektion in den verschiedenen Schulformen. „Mittelfristig bleibt es aber erstmal ein Projekt für die Oberstufe“, so Schröter. Die Finanzierung durch das nordrhein-westfälische Ministerium für Innovation, Wissenschaft und Forschung ist zunächst bis 2020 begrenzt. In diesem Jahr gehen die ersten Schüler*innen, die an dem Projekt teilgenommen haben, an die Hochschulen. Auch dann können sie noch Rat bei den Talentscouts suchen.

Talent ungleich Noten

„Den Talentbegriff machen wir aber nicht an einem bestimmten Notendurchschnitt fest“, gibt sie zu verstehen. Das Können der Schüler*innen sei im Kontext zu betrachten. Da viele Schüler*innen aus sozial schwächeren Familien beispielsweise auch Zeit für die Erziehung der Geschwister investieren oder Behördengänge für die Eltern übernehmen müssten, sei hier ein anderer Maßstab notwendig. „Der Lebenskontext soll mit einbezogen werden“, sagt Schröter. Unter anderen Umständen könnte statt des schlechten Dreierschnitts vielleicht ein guter Zweierschnitt auf dem Zeugnis stehen.

Besonderes Augenmerk legt Talentscouting auf Schulen in Stadtteilen, wo ein Großteil der Eltern keinen akademischen Hintergrund habe. „Nicht, weil wir annehmen, dass die Schüler*innen dort einen hohen Betreuungsbedarf haben“, sagt Schröter. „Zu uns kommen ganz unterschiedliche Schüler*innen mit ganz unterschiedlichen Problemen“, bestätigt Talentscout Inka Achtelik. Wenn ein*e Jugendliche*r bereits eine Vorstellung hat, sei sie oft schon sehr konkret. Ansonsten sei Orientierungslosigkeit ein Problem.

„Medizin ist ein großes Heiligtum“, verrät Achtelik über die Studienpräferenzen der Eltern. Darunter könnten sie sich etwas mehr vorstellen, was für Chancen der Beruf bietet, anders als bei künstlerischen Studiengängen. „In erster Linie wird Wert auf den Verdienst gelegt“, so Achtelik.  Die Schüler*innen würden oft so sehr versuchen, die elterlichen Erwartungen zu erfüllen, dass sie ihre eigenen Wünsche untergrüben. Für solche Fälle biete sich der Besuch bei den Talentscouts ebenfalls an. „Wir helfen den Schüler*innen mit Informationen als Argumentationshilfe“, sagt sie. Wenn die  Jugendlichen den abstrakten Vorstellungen der Eltern über das Studienfach erstmal mit konkreten Auskünften begegnen, könne man dem entgegenwirken.

Achtelik ist ein Mal im Monat am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Duisburg-Marxloh. Zirka zehn Schüler*innen betreut sie an einem Tag. Jede*r hat eine gute halbe Stunde Zeit, um mit ihr über den beruflichen Werdegang zu reden. Manche kämen unvorbereitet und planlos in die Sprechstunde, andere seien äußerst engagiert. Ahmet* ist einer, der viel Freizeit in die Berufsorientierung steckt. Er besucht gerade die Qualifikationsphase des Gymnasiums und möchte 2018 sein Abitur machen. Danach will er Pilot werden – und besucht eigenständig Informationsveranstaltungen wie eine Messe für die Pilot*innenausbildung in Frankfurt am Main. Achteliks Eindruck insgesamt: „Die Schüler*innen am Elly sind sehr selbstständig!“

*Name von der Redaktion geändert.

Mitmachen!

Die Initiative sucht Studierende, die Abiturient*innen einen Einblick über den Universitätsalltag vermitteln möchten. Das helfe Studieninteressierten, den Campus kennenzulernen und Informationen aus erster Hand zu bekommen. „So können Schwellenängste abgebaut werden“, sagt Schröter. Wer sich vorstellen könnte, Schü- ler*innen bei ihrer Studienwahl zu unterstützen, kann sich unter online weiter informieren und anmelden.