Das BVB-Dilemma

Kritik an RB Leipzig bei den Amateuren des BVB. Ein oft genutztes Mittel: Viel Pathos, wenig Inhalt. (Foto: Tili 1912, flickr.com, CC BY-NC 2.0)

Alle haben es gesehen, gehört oder gelesen: Am Samstag, 4. Februar, kam es am Rande der Bundesliga-Begegnung zwischen Borussia Dortmund und Rasenballsport Leipzig zu Angriffen auf Leipziger Fans. Viel wurde in der vergangenen Woche über die Kritik an RB Leipzig und die Ausmaße dessen diskutiert. Von ideologischen Analysen bis hin zu Forderungen nach wöchentlichem Freiheitsentzug war alles dabei. Der BVB befindet sich dabei in einer besonderen Situation: Zwischen internationaler Marke und dem Ruf nach Tradition.

Seit RB Leipzig in der vergangenen Saison den Aufstieg in die Bundesliga perfekt gemacht hat, ist die Diskussion um den oft als „Dosenclub“ bezeichneten Verein größer als je zuvor. Überall Proteste, nahezu jede Fan- und Ultragruppierung äußert ihre Meinung zum Dasein vom vermeintlichen Marketingprodukt der Bundesliga. Nur die TSG Hoffenheim – mittlerweile fast völlig aus dem Fokus der Fans verschwunden – hat in den Jahren zuvor ähnlich polarisiert. Fans und Verantwortliche des BVB haben sich bei den Protesten gegen „den modernen Fußball“ immer besonders hervor getan.

Unerträgliche Widersprüche

Seit über einem Jahrzehnt stehen an der Spitze des BVB Reinhard Rauball als Präsident und Hans-Joachim Watzke als Geschäftsführer der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA. Letzterer tritt besonders häufig in Erscheinung, vor allem wenn es um den Erhalt der 50+1-Regel geht. Das ist eine Vorschrift in den Statuen der Deutschen Fußball-Liga (DFL), die stark verkürzt sagt, dass der Verein an einer in eine GmbH ausgegliederte Profimannschaft die Mehrheit halten muss. Hans-Joachim Watzke meldet sich aber nicht nur zu dieser Regelung zu Wort, sondern ist auch einer der prominentesten Kritiker*innen von RB Leipzig.

Dabei befinden sich die Fans des BVB und Watzke auf einem schmalen Grad. Einerseits sehnen sich alle nach Titeln und Erfolgen; Borussia Dortmund ist dabei längst zur internationalen Marke geworden. Es verwundert daher auch nicht, dass zu Beginn der Saison 2016/2017 Watzke auf einer Bilanz-Pressekonferenz sagte: „Wir haben im laufenden Geschäftsjahr im Konzern einen Umsatz erzielt von 376 Millionen Euro.“ Damit erreichte der BVB einen nie dagewesenen Rekord und sah sich fast schon genötigt, mehr dazu zu sagen: „Wir sind uns bewusst, dass das ein Spagat ist zwischen Borsigplatz und Shanghai, aber die Alternative wäre ja zu sagen: ‚Wir sind nur Borsigplatz und dann landest du irgendwann auf dem Niveau von…‘“.

Es erscheint dabei allzu normal, dass Watzke vom „Konzern Borussia Dortmund“ spricht, auch das vorhandene Bewusstsein für die Widersprüche, sich nah an den eigenen Fans zu bewegen, aber gleichzeitig Trainingslager in den Vereinigten Arabischen Emiraten abzuhalten, scheint eine Selbstverständlichkeit zu sein. Auf dem Weg zur internationalen Marke ist eben alles erlaubt, einerseits Kritik an RB Leipzig wegen fehlender Tradition und mangelnder demokratischer Teilhabe im Verein, andererseits in Dubai Testspiele bestreiten, wo Menschenrechte keinen Pfifferling wert sind.

Kein Ausweg

Es verwundert daher auch nicht, dass das Dilemma, in das sich Hans-Joachim Watzke und die Fans des BVB begeben haben, keinen Ausweg kennt, der eine Kritik an RB Leipzig legitimer macht. Dass die Stimmungsmache und der ideologische Charakter hinter den Protesten gegen RB Leipzig in den vergangenen Tagen kritisch betrachtet wurden, ist jedenfalls nicht dem BVB und erst recht nicht der Führung des Klubs zu verdanken.

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat in der jüngeren Vergangenheit mehrfach Stellung bezogen zum Thema RB Leipzig. Zum Beispiel sei bei dem Verein „nichts, aber auch gar nichts historisch gewachsen“ oder aber: „Da wird Fußball gespielt, um eine Getränkedose zu performen.“ Dass nun Rufe laut werden, auch von Leipziger Fans, die ihm eine Mitverantwortung an den Ausschreitungen geben, ist wenig überraschend. Auch wenn die Anschuldigungen dann teils über das Ziel hinaus schießen: So sagen beispielsweise die Bornaer Bullen, ein Fanclub von RB Leipzig, dass er moralisch für Gewalt- und Hassexzesse der BVB-Anhänger*innen gegenüber den RB-Leipzig-Fans stehe.

Nach den Angriffen drängt sich nun die Frage auf, wie es in Zukunft um die Kritik an RB Leipzig aus dem BVB-Lager bestellt sein wird. Der Verweis auf Tradition jedenfalls und die teilweise Entmenschlichung durch den Vorwurf, es werde alleine Fußball gespielt, um Red Bull zu vermarkten, dürfte zumindest Watzke in Zukunft unterlassen. Die Anhänger*innen des BVB, aber auch vieler anderer Vereine, werden wohl weiter daran festhalten, auch weil die Widersprüche ohnehin nur wenige Fans interessieren.

Nie da gewesene Gewalt?

Bezeichnend ist in Folge der Ausschreitungen auch die mediale Berichterstattung zur Gewalt in Fanszenen. So fragt Welt N24 beispielsweise danach, ob die Fußball-Fanszene in Deutschland ein Gewaltproblem hätte. Fünf Auswahlmöglichkeiten haben die Lesenden zur Beantwortung der Frage, quasi wie bei einer wissenschaftlichen Umfrage. Dass solche Fragen jedoch nicht im Konkreten auf RB Leipzig angewendet werden, offenbart die meist fehlende Auseinandersetzung des Sport-Journalismus mit Fanszenen.

Es gibt keinen Draht zu ihnen, die meisten Fanszenen sprechen nicht mit Pressevertreter*innen, tun sie es doch, gelten sie teilweise als Verräter*innen. Andersherum gibt es oft auch undifferenzierte Berichterstattung von (Sport-)Journalist*innen: So wird der Einsatz von Pyrotechnik oftmals mit Gewalt gleichgesetzt, Ultras gar als Hooligans bezeichnet, obwohl die Ultragruppen insbesondere beim BVB in den vergangenen Jahren zur Zielscheibe von rechten Kampfsport-Hools wurden. Wer jetzt von einer nie dagewesenen Gewalt schreibt, hat nicht nur Defizite im Wissen um die Historie von Gewalt im Fußball zu verzeichnen.

Am Ende lässt sich festhalten, dass die große BVB-Familie ein ideologisches Problem hat, mit dem eine Auseinandersetzung erfolgen muss. Selbst eine internationale Weltmarke sein, dabei allen Anforderungen des Kapitalismus gerecht werden und RB Leipzig für die konsequente Durchsetzung der Vereinsinteressen zu kritisieren, ist nicht glaubwürdig. Eine undifferenzierte Darstellung, fehlende Einordnung von Gewalt in Fanszenen, Pauschalisierung und Forderungen nach mehr Repressionen sind aber ebenfalls unglaubwürdig und erst recht keine Lösung für ein ernstzunehmendes Problem.