Kunst und Kino im Nationalsozialismus

Ein Ausschnitt aus Nussbaums Werk Triumph des Todes. (Foto: caro)

Was kennzeichnete die Kunst, was das Kino zur Zeit der Nationalsozialist*innen? Im Bochumer Museum unter Tage (Stiftung Situation Kunst) widmet sich dieser Fragestellung noch bis zum 9. April die Wechselausstellung „artige Kunst“. In einem Begleitprogramm werden zudem einzelne Aspekte vertieft. Am 19. Januar stellte Filmkritiker und Filmemacher Rüdiger Suchsland Ausschnitte aus seinem neuen Dokumentarfilm Hitlers Hollywood vor. Filmwissenschaftler Oliver Fahle (RUB) führte durch die Veranstaltung, die für reichlich Gesprächsstoff sorgte.

„Propaganda ist totalitär, regressiv und nihilistisch. Man bringt bedeutende Begriffe um den Rest ihrer Substanz, schlüpft in die Gehäuse und macht mit dem Schimmer Reklame. Hinter dem Tumult der Propaganda taucht ein Totenkopf auf.“ Siegfried Kracauer, Mitbegründer der Filmsoziologie, bringt das Konzept, dessen sich die Nationalsozialist*innen zuhauf bedienten, auf den Punkt. Das Dritte Reich sei ohne Propaganda undenkbar, Propaganda ohne Film ebenso, erklärt Suchsland. Goebbels als Schirmherr des deutschen Kinos entschied: Was ist erlaubt, was verboten, was muss umgeschnitten werden. „Für Hitlers Regime war Kino das Mittel der Kommunikation mit den Massen“, so Suchsland.

Sein Film sei essayistisch. Den Off-Kommentar spricht Suchsland selbst, „um deutlich zu machen: Das ist ein persönlicher Zugang“. Manche Filme habe er bereits gekannt, andere nicht. Den Nazi-Bezug versuchte er auszuklammern. „Ich bin fern davon, Nazifilme schön zu reden, aber ich finde, dass man sie zeigen sollte“, positioniert sich der Filmemacher zu Beginn der Veranstaltung und betont zugleich „es gab kein unschuldiges, freies Kino“. Man kenne die Filme zu wenig. Gründe, sie nicht zu sehen, gebe es keine. Zugleich sei aber zu bedenken, dass viele dieser Filme zensiert wurden. So etwa der Olympiafilm Leni Riefenstahls, aus dem zahlreiche Nazi-Symbole entfernt wurden. Was bleibt sei das „schöne Olympia“. Durch die Arbeit von Archiven sei es jedoch möglich, Zugang zu den Urfassungen der Filme zu erhalten.

Ein Blick unter die Oberfläche

Während sich die Menschen in der Wirklichkeit mit Angst, Gewalt und Vernichtung auseinandersetzen mussten, wurde im Film Heiterkeit zelebriert. „Das Nazi-Kino war theatralisch, illusionistisch, es war monumental. Es wollte um jeden Preis groß sein“, erläutert der Filmemacher. Interessant werde es, sobald man unter die Oberfläche blicke: „Wovon erzählen diese Filme, was enthüllen sie, was verbergen sie?“ Hier verweist Suchsland unter anderem auf den Film Der Mann der Sherlock Holmes war von 1937. Die von Heinz Rühmann und Hans Albers gespielten Hauptfiguren sind Hochstapler. Singend tanzen sie durch ihr Hotelzimmer: „Von heut’ an gehört uns die Welt. (…) und wer uns stört ist eh’ er’s noch begreift, längst von uns schon eingeseift“. Im Hinblick auf den Umgang mit Jüd*innen und Feind*innen des Regimes, zeigt sich in diesen Zeilen eine erschreckende Mehrdeutigkeit. „Manches wird offener kommuniziert, als man denkt“, resümiert Suchsland. In Hitlerjunge Quex (1933), ein Propagandafilm, wird den Zuschauenden suggeriert, Anerkennung erhalte man erst durch die Uniform der Hitler Jugend und sterbe man im Kampf, sei dies ein „guter Opfertod“. In Riefenstahls Triumph des Willens (1935), ein Dokumentarfilm über den Reichsparteitag von 1934 in Nürnberg, werde die Politik ästhetisiert. Hitlers Rede erinnere an eine Predigt im Gottesdienst. „Der Führer steigt vom Himmel herab“, kommentiert der Filmemacher die Ausrichtung des Films. Suchsland betont, man müsse die Filme lesen und gucken, was zur damaligen Zeit darüber geschrieben wurde.

Neben dem Mittel zur Propaganda diente der Film der NS-Zeit auch zur Ablenkung. „Wovon träumten die Deutschen?“ fragt der Filmemacher in seiner Dokumentation. Die Antwort: „Idylle“, „eine künstlich heile Welt“ und „unberührte Natur“. Der Tod wird zum Kult, „auffällig viele Filme zeigen Szenarien der Todessehnsucht“, erläutert Suchsland. Und weiter: „Der Tod war immer ein glücklicher im Nazi-Kino und oft bis ins Absurde verkitscht.“

Artige Kunst

Der Film Suchslands schließe sich gut an die Wechselausstellung des Museums an, die sich damit beschäftigt, „was die Nationalsozialisten für Kunst gehalten haben, ausgegeben haben und (…) [was] von den Nationalsozialisten verbannt worden ist“, so Fahle. Der Titel der Ausstellung verstehe „sich als Gegenbegriff zur diffamierenden NS-Terminologie der „entarteten Kunst““, lautet die Erläuterung auf der Homepage des Museums. In einem Grußwort im gleichnamigen Begleitbuch, äußert sich der Schirmherr der Ausstellung, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU): „Mit dieser wichtigen Ausstellung beleuchtet die Stiftung Situation Kunst ein bislang oft übersehenes oder verdrängtes Kapitel der NS-Kunst- und Kulturpolitik.“

Ähnlich wie im Film des Nationalsozialismus finden sich auch in der Kunst Bilder von Idyllen, glücklichen Familien, Handwerksarbeit und dem NS-Körperkult. Diesen hochstilisierten Darstellungen hält die Ausstellung jedoch bewusst Abbilder der Folter und Vernichtung von Jüd*innen entgegen. Die Kunststile im NS reichen von Plastiken, über Realismus bis hin ins Abstrakte. Im Bezug hierauf argumentiert Annika Wienert in ihrem Aufsatz Artige, bösartige Kunst (im Begleitbuch): „Es erscheint aber nicht sinnvoll, von einem nationalistischen Kunststil oder einer ebensolcher Kunstrichtung zu sprechen, denn diese Formulierungen suggerieren eine inhaltliche und formale Kohärenz, die sich angesichts der Objekte empirisch nicht feststellen lässt.“ In „funktionaler Hinsicht“ hingegen könne man von NS-Kunst sprechen, so Wienert und zitiert Hans-Ernst Mittig, hierbei handele es sich um „Werke, die zum Nutzen des NS-Regimes oder sogar in seinem Auftrag geschaffen und öffentlich als Kunstwerke behandelt wurden“.

Unter den ausgestellten Werken finden sich unter anderem Arbeiten von Claus Bergen, Felix Nussbaum und Paul Klee. Bergen, der bekennender Nazi war, porträtierte mit seinen Bildern von Kriegsschiffen die Macht des Menschen über die Natur. Nussbaum  hingegen stellte vor allem in dem letzten von ihm bekannten Bild, Triumph des Todes (1944), die Finsternis und Aussichtslosigkeit der damaligen Zeit dar. Skelletartige Todesengel spielen auf Flöten und Geigen und stehen dabei auf den Trümmern der Kunst und Wissenschaft, im Hintergrund sind eingerissene Mauerwerke zu sehen. Die Vielfalt der Ausstellungsstücke regt in jedem Fall zur Diskussion und zum Nachdenken an und fordert eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Kunst im Nationalsozialismus.

Suchslands Dokumentarfilm feiert am 23. Februar Deutschlandpremiere.