Theaterlandschaft in Not

Das Theater Hagen – eines der geplagten Spielhäuser in NRW – verspricht sich durch den Theaterpakt II finanzielle Stabilität. (Foto: Boris Golz, Arnsberg)

Rund 140 öffentliche Theaterhäuser gibt es in Deutschland – viele davon in Nordrhein-Westfalen. Doch hier, wie auch in vielen anderen deutschen Bundesländern, gehen Theatern und Orchestern langsam aber sicher das Geld aus. Mit dem angekündigten Theaterpakt II, der in diesem Jahr beschlossen werden soll, verspricht sich die Kulturszene in NRW –  zumindest vorübergehend – Hilfe.

Schon seit einigen Jahren stecken viele Kommunen in Nordrhein-Westfalen in einer finanziellen Krise. Doch nun bedroht dieser finanzielle Engpass wiederholt die Existenz der Stadttheater und Orchester. Kulturförderung ist in Deutschland schon immer Ländersache gewesen, so heißt es beispielsweise in der Landesverfassung Nordrhein-Westfalens: „Kultur, Kunst und Wissenschaft sind durch Land und Gemeinden zu fördern.“ Im deutschen Grundgesetz heißt es jedoch an ähnlicher Stelle: „Den Gemeinden muss das Recht gewährleistet sein, alle Angelegenheiten der örtlichen Gemeinschaft im Rahmen der Gesetze in eigener Verantwortung zu regeln.“ Diese ganz im föderalen Sinne geregelten Angaben zur Unterstützung kultureller Betriebe bedeuten im Grunde, dass die vermeintliche Pflicht zur Kulturförderung eben keine Pflicht ist, sondern eine freiwillige Angelegenheit. Und in Zeiten knapper Kassen wird derzeit besonders an einer Ecke gerne gespart – nämlich an der Kultur.

NRW als Schlusslicht in Sachen Kulturförderung

Gerade in NRW und gerade auch in Sachen Theater. „Kein anderes Bundesland gibt so wenig Geld für seine Theater aus wie NRW, es ist das absolute Schlusslicht. Die Theaterförderung beträgt im Landeshaushalt lediglich 0,7 Prozent“, beklagte der Intendant des Hagener Stadttheaters Norbert Hilchenbach Anfang Januar gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung die Situation der Theater. Zum Vergleich: In Rheinland-Pfalz beträgt die Förderung bereits 1,23 Prozent, während andere Bundesländer gar die ganzen sieben Prozent des Gesamthaushaltes für Bühnen ausgeben. Dagegen bezuschusst Nordrhein-Westfalen seine 18 städtischen Theater gerade mal mit fünf Prozent. Auch, wenn mit einberechnet wird, dass NRW als bevölkerungsreichstes Bundesland die meisten kommunalen Theater betreibt, geht die Rechnung nicht auf: „Auch dann bleibt NRW mit 2,50 Euro pro Kopf das Schlusslicht“, so Hilchebach. Hingegen würden vor allem Thüringen und das Saarland besonders gut dastehen, die auf 21 beziehungsweise sogar 28 Euro pro Einwohner kämen.

Bereits Ende vergangenen Jahres waren erste Stimmen aus dem NRW-Städtetag laut geworden, die deswegen ein Umdenken forderten. Auch im Hinblick auf die Förderungssituation in anderen Bundesländern rief der Städtetag die Landesregierung dazu auf, sich in Zukunft mindestens zur Hälfte an den Mehrkosten der Theater und Orchester zu beteiligen. Damit soll künftig den Preissteigerungen und steigenden Nebenkosten Rechnung getragen werden. Die bisherige Beteiligung des Landes von 5,3 Prozent soll dabei schrittweise auf 20 Prozent erhöht werden. NRW-Kulturministerin Christina Kappmann (SPD) rief daraufhin eine Theater- und Orchesterkonferenz ein, mit Vertreter*innen der Kommunen, Theater und Orchester ins Leben, um einen zweiten Theaterpakt auszuhandeln.

Fördermittel sind aufgebraucht

„Wir haben 2011 den ersten Theaterpakt auf den Weg gebracht. Seit drei Jahren drängen wir nun darauf, über eine Neuauflage zu diskutieren“, erläuterte Hilchebach die aktuelle Situation. Der Theaterpakt I war  2013, noch unter Kulturministerin Ute Schäfer (ebenfalls SPD) in Kraft getreten. Damals hatte man sich darauf einigen können, Bühnen und Orchester in NRW jährlich mit 4,5 Millionen Euro zu unterstützen, solange es die Haushaltslage zulässt. Die Theaterkonferenz entschied jedoch, wie genau die Mittel aufgeteilt werden sollten, wobei finanziell schwächeren Kommunen mehr Geld zukommen sollte. Die damals verhandelten Mittel reichten aber hinten und vorne nicht mehr aus. Daher sieht die Theaterkonferenz, bei der Intendant Hilchebach für die Arbeitsgruppe Finanzen zuständig ist, schnellen Handlungsbedarf: „Die Theater gehen von einer jährlichen Kostensteigerung von drei Prozent aus. Unser Vorschlag ist es, dass die Zuschüsse kontinuierlich steigen und zur Hälfte getragen werden: 1,5 Prozent vom Land und 1,5 Prozent von der Kommune.“

Denn obwohl bisher durch die jährliche Förderung von 4,5 Millionen Euro noch kein Theater schließen musste, stehen doch einige Häuser auf der Kippe. So zum Beispiel auch die Theater in Hagen oder in Wuppertal. In Letzterem kündigte die Intendantin Susanne Abbrederis bereits 2016 an, ihren Job schon 2019 wieder an den Nagel zu hängen, da sie die geforderten Einspielergebnisse nicht bringen konnte. In Hagen wird hingegen schon seit längerem nach einem oder einer neuen Intendant*in für die  Spielzeit 2017/18 gesucht, bisher jedoch ohne Erfolg. Der Job wird immer unbeliebter, vor allem wegen der Kürzungswellen in Kultureinrichtungen. Im Hagener Theater und Orchester werden bereits seit 2002 Stellen abgebaut und gekürzt, durch den Haushaltssanierungsplan vom Herbst 2015 wurden dem Theater erneut 1,5 Millionen Euro gestrichen.

Falsche Prioritäten?

Während sich etablierte und renommierte Häuser, wie die in Hagen oder Wuppertal um ihre Zukunft ernsthaft Sorgen machen müssen, wird andernorts mächtig viel Geld in neue Kulturstädte investiert. Ein Beispiel dafür ist das neue Musikforum Ruhr in Bochum, das Ende Oktober 2016 feierlich eingeweiht wurde. Erst Ende Januar wurde bekannt gegeben, dass sich die Kosten für das Konzerthaus nachträglich wegen Verzögerungen im Bau noch einmal um mehr als 700.000 Euro, auf insgesamt 39 Millionen Euro, erhöhen werden. Da scheint es dann plötzlich doch etwas willkürlich zu sein, für welche Kultur Geld zur Verfügung steht und für welche nicht.

Aber auch hier gilt es zu differenzieren, warnt der kaufmännische Direktor des Schauspielhauses in Bochum Matthias Nowicki: „Das eine ist, dass Baumittel bereitgestellt werden, um ein Gebäude zu errichten. Und das andere sind Zuschüsse zu laufenden Betriebskosten der Theater und Orchester“. Beim Bochumer Schauspielhaus selbst sieht die Lage derzeit recht gut aus, auch, weil die Stadt Bochum die Theater mit unterstützt: „Die Stadt Bochum hat sich verpflichtet bis zum Jahr 2023 Tarifsteigerungen von 2 Prozent zu refinanzieren“, erläutert Nowicki. Wann der Theaterpakt II endgültig stehen wird, ist derzeit noch offen. Erst einmal müssten die Landtagswahlen im Mai abgewartet werden, meint auch Nowicki: „Ich denke realistisch ist es, dass wir zum Frühjahr des nächsten Jahres eine Einigung finden werden.“ Doch auch, wenn es noch etwas dauern könnte, so begrüßen auch das Theater und die Philharmonie Essen (TUP) die Initiative gen Theaterpakt II: „Wir hätten uns das allerdings schon viel früher gewünscht, da die Finanzlage vieler Theater in NRW bereits seit Jahren äußerst angespannt ist“, resümiert der Geschäftsführer der TUP.