Unterschriften gegen Turbo-Abi

Seit Anfang des Jahres werden Unterschriften gesammelt.
Das Ziel: Zurück zu G9. (Grafik: caro)

G8 oder G9? Darüber wird seit Jahren gestritten. Während Niedersachsen bereits den Weg zurück zum Abitur nach 13 Schuljahren gewählt hat, steht die Entscheidung in NRW noch aus. Die Initiative G9 jetzt! hat nun ein Volksbegehren auf den Weg gebracht. Ihre Forderung: Zurück zur Halbtagsschule und „mehr Zeit für Kinder und Jugendliche“.

Seit 2005 heißt es an Gymnasien in NRW: Nach acht Jahren ist das Abitur in der Tasche. Ziel war es, jüngere Absolvent*innen für die Wirtschaft zu generieren, die gleichzeitig länger in die Rentenkasse einzahlen können. Die Reform stößt allerdings auf heftige Kontroversen.

Während die Befürworter*innen von G8 beteuern, Schüler*innen fühlten sich weder gestresster, noch hätten sich ihre Noten verschlechtert, sehen die Gegner*innen das deutlich anders. Marcus Hohenstein, Sprecher der Initiative G9 jetzt!, erklärt: „G8 wurde als ’Schulzeitverkürzung’ verkauft, tatsächlich handelte es sich um eine Schulzeitverlagerung.“ Statt der bisherigen durchschnittlich 30 Unterrichtsstunden, ergab sich durch G8 ein Anstieg von drei Stunden pro Woche in der Sekundarstufe I. Ein „quantitativer Irrtum”, meint er. Politiker*innen würden glauben, dass Schule so viel wie vorher leisten könne.

Mehr Stress, weniger Freizeit?

Mit Bezug auf den 15. Jugendbericht der Bundesregierung führt Hohenstein an, „ein entscheidendes Problem heutiger Kinder und Jugendlicher [seien] die fehlenden Freiräume“. Das Hector-Instituts für Empirische Bildungsforschung befragte für eine Studie baden-württembergische Schüler*innen, die mit G8 beziehungsweise G9 beschult wurden. Das Ergebnis korreliert mit Hohensteins Beobachtungen. Die Schüler*innen haben mehr gesundheitliche Probleme, weniger Freizeit und deutlich mehr Stress.

Kritik am Gesetzesentwurf von G9 jetzt! kommt unter anderem von der Landeselternschaft der integrierten Schulen in NRW (LeiS NRW). Der Pflichtunterricht soll auf den Standard von vor 2005 zurückgesetzt werden und damit auf 180 Jahreswochenstunden gekürzt werden. In einer Pressemitteilung der LeiS NRW kritisieren sie, dass hieraus ein Nachteil für alle anderen Schulformen entstehe, da diese „die erhebliche Unterrichtskürzung von fast fünf Prozent“ zur Folge hätte. Hierbei handele es sich um Ergänzungsstunden, die mit der G8-Reform eingeführt wurden und beispielsweise der Förderung von Fremdsprachen dienen sollen. Im Gesetzentwurf werde aber angestrebt, dass es die Sekundarstufe I aller Schulformen betrifft. LeiS NRW plädiert daher: „Ein Gesetzgebungsverfahren im Landtag ist der bessere Weg, weil Sachverstand und Weitsicht hinsichtlich der Wirkungen und Nebenwirkungen einer Veränderung einfließen können“.

Seit 2010 können Gymnasien in NRW beantragen, wieder das neunjährige Abitur einzuführen. NRW-Kultusministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) kündigte an, man werde vor den Landtagswahlen keine Entscheidung treffen. Vergangenes Jahr machte sie aber bereits den Vorschlag, man solle künftig an allen Gymnasien sowohl G8 als auch G9 anbieten. Schüler*innen sollen nach der sechsten Klasse die Wahl haben, sich entweder in drei oder in vier Jahren auf die Oberstufe vorzubereiten. Um auf unterschiedliche Lerntempos Rücksicht zu nehmen, könnten „individuelle Lernzeiten“ eingeführt werden. Bei Bedarf könnten niedrigere Jahrgangsstufen besucht werden, um Lerninhalte zu wiederholen. Die zweite Fremdsprache solle erst wieder ab Klasse 7 gelehrt werden.

Für Hohenstein ist dies allerdings keine Alternative: „Das Volksbegehren strebt eine einheitliche Lösung an. Denn die genannten Probleme werden nicht dadurch gelöst, dass nur ein kleiner Teil der Schüler*innen davon profitiert.“ Er fügt hinzu: „Echte Wahlmöglichkeiten entstehen nicht durch G8 mit G9-Option, sondern durch die Möglichkeit des Überspringens oder durch D-Zug-Klassen (…) in einem 13-jährigen Bildungsgang.“

Durch das Volksbegehren soll das Thema im Landtag behandelt werden. Hierfür werden etwa eine Million Unterschriften benötigt, die noch bis zum 4. Januar 2018 gesammelt werden können. Neben der freien Unterschriftensammlung liegen noch bis zum 7. Juni in den Rathäusern Listen aus. Sollte der Landtag, trotz der erreichten Unterschriftenzahl, das Volksbegehren ablehnen, dürfen die Bürger*innen einen Volksentscheid verlangen. Auch hier warnt LeiS NRW, im Landtag könne nur über den vorgelegten Gesetzentwurf entschieden werden: „Der Landtag kann den Text nur unverändert annehmen – oder er muss ihn ablehnen.“