"Die Bilder sollen lieber  penetrant als elegant sein"

„Die Bilder sollen lieber penetrant als elegant sein“

Mit der Ausstellung Maria Lassnig sind bis zum 21. Mai die Arbeiten einer der bedeutendsten Künstlerinnen Österreichs des 20. Jahrhunderts im Essener Folkwang Museum zu sehen. In Essen macht sie ihren dritten Halt und tourt anschließend weiter durch Osteuropa. Zu sehen sind Arbeiten aus ihrer gesamten Schaffenszeit von 1945 bis 2013.

Von Gastautorin Lorenza Kaib

Eine junge Frau macht sich 1940 von Kärnten nach Wien auf, um Kunst zu studieren. Während des Zweiten Weltkrieges wird sie zunächst aus ihrer Malerei-Klasse geworfen – ihre Arbeiten gelten als entartete Kunst – dann muss sie fliehen. Ihr erstes Selbstporträt entsteht auf der Flucht. Seitdem ist dieses Genre ein zentrales Thema ihrer Kunst. Sie sagt selbst, dass all ihre Bilder Selbstporträts seien. Sie malt im Liegen, macht sich Gedanken zu den Grenzen des Körpers: Wenn ich etwa auf einem Stuhl sitze, wird er nicht dann auch Teil von mir, ich Teil von ihm? Was zunächst absurd klingen mag, ist doch so grundlegend: die Grenzen zwischen mir und meiner Umwelt definieren. Diese Frau, Maria Lassnig, lebt ein kosmopolitisches Leben, hat sich der Kunst ganz und gar verschrieben. Doch ist die Kunst nicht nur wichtig für sie, Lassnig selbst ist eine wichtige Person für die Kunst des 20. Jahrhunderts. 1974 gründet sie mit anderen Künstlerinnen in New York die Women/Artist/Filmmakers Inc. Von 1980 bis 1989 hat sie als erste Frau im deutschsprachigen Raum eine Professur für Malerei an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien inne. Am vergangenen Donnerstag, 9. März, wurde die Ausstellung Maria Lassnig eröffnet.

„Ich male Empfindungen vom Körper.“

Im gedimmten Licht der Museumshalle warten die Besucher*innen der Eröffnung auf den offiziellen Beginn der Veranstaltung. Die meisten befinden sich im – für Kunstinteressierte typischen – mittleren Alter, ein paar Jugendliche und Studierende haben sich dazwischen gemischt. Es geht international zu – die Anwesenden sprechen deutsch, englisch, italienisch. Nach der Begrüßung durch den Folkwang-Museumsdirektor Tobias Bezzola sprachen Essens Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU), der Direktor der Maria Lassnig-Stiftung Peter Pakesch – und als letzte die Kuratorin für Zeitgenössische Kunst des Folkwang Museums Anna Fricke. Kufen lobt die Stadt Essen und das Museum und nutzt die Internationalität der Ausstellung, um Essen als europäisch und mutig zu bewerben. Dabei schlägt er einen holprigen Bogen von der Ausstellungseröffnung über den Grüne Hauptstadt 2017-Titel zurück zur Ruhr 2010.

Stiftungsleiter Pakesch spricht davon, dass Lassnig eine „spezifisch weibliche Stimme in der Kunst“ sei und betont ihre Innovationskraft – welche er ebenfalls in Tradition zum kulturellen Wien verstanden haben will. Fricke geht direkt ans Eingemachte, taucht ein in den Bildkosmos von Maria Lassnig und macht ihn den Anwesenden anhand von einzelnen Werken und der Biografie der Künstlerin verständlich. Lassnig bleibe immer beim Thema, trotz unterschiedlicher Stile und Wohnorte, betont Fricke. „Sie ist sich der Unmöglichkeit ihres Vorhabens bewusst“, stellt sie im Bezug auf Lassnigs Darstellung von Körpergefühlen fest. Die Kuratorin schließt ihren Beitrag mit der zuversichtlichen Prognose, dass das Werk der Künstlerin weiter an Bedeutung gewinnen und bekannter werden wird, auch im Zuge der Digitalisierung, welche weitere Fragen hinsichtlich von Materialist und Körperlichkeit aufwerfe. Das Licht geht wieder an, die Besucher*innen — deren Neugierde durch das Sprechen über Maria Lassnigs Arbeiten befeuert wurde — strömen jetzt in die eröffneten Ausstellungsräume.

Bis zum 21. Mai können sich Besucher*innen die Werke von Maria Lassnig ansehen. (Foto: Lorenza Kaib)

„Es gibt zu wenig Wörter, deswegen male ich ja.“

In den eher kleinen Räumen, die in die Ausstellungshalle eingezogen wurden, wartet auf das Publikum nicht nur die Begegnung mit Maria Lassings Arbeiten, es vollzieht sich mit ihnen auch eine komprimierte Reise durch die moderne Kunstgeschichte ab 1945. Sie wird etwa vom Surrealismus, Informel, abstrakter Malerei und Realismus beeinflusst – und beeinflusste diese Strömungen wiederum selbst. Auch die von ihr gewählten Techniken decken eine ganze Bandbreite ab: Zur Malerei kommt durch ihre Schaffenszeit in New York etwa die Auseinandersetzung mit dem Trickfilm hinzu. Was all den Arbeiten zugrunde liegenden technischen wie auch konzeptuellen Herangehensweisen verbindet, ist Lassnigs übergeordnetes Thema: die eigene Körperwahrnehmung.

Der Feminismus in Lassnigs Arbeiten ist subtil, nur in wenigen Arbeiten nicht nur spür- sondern auch greifbar. In ‚Gynäkologie‘ setzt sie sich etwa mit der Darstellung einer Geburt auseinander, bei der Serie ‚Küchenkrieg‘ liegt schon viel Bedeutung im Titel. In einem der Bilder der Serie zeigt sie sich mit einem Topf auf dem Kopf, der die Hälfte ihres Kopfes bedeckt, der geöffnete Mund bleibt sichtbar. In ‚Couples‘, einem der in New York entstandenen und in der Ausstellung gezeigten Animationsfilm, beschäftigt sich Lassnig intensiv mit Sexualität und Beziehungen.

Weitere Themen, die zum Ende ihres Lebens in den Vordergrund dringen, sind das Altern, Krankheiten und der Umgang mit dem Tod. Im letzten Teil der Ausstellung sind Arbeiten versammelt, in denen sie diese Prozesse verarbeitet, wie etwa den Tod ihrer Mutter in ‚Beweinung’ von 1964 und ihre eigenen körperlichen Leiden in ‚Krankenhaus’ von 2005. Nicht zuletzt ist auch Lassnigs Sprache bemerkenswert, mit welcher sie einfach und dabei doch poetisch ihre Titel setzt und ihr Anliegen auf den Punkt bringt. Gleiches gilt für ihre Bildsprache: mit schönen Farben und Farbkompositionen schafft sie eben keine schönen und einfach konsumierbaren Bilder, sondern Arbeiten, die tiefer gehen.

Termine zur Ausstellung

 

So., 26. März | 12:00 Uhr

Öffentliche Führung: Maria Lassnig

Kostenfrei mit Eintrittskarte und Teilnahmesticker

 

So., 26. März | 14:00 Uhr

Öffentliche Führung: Das Prinzip der Formlosigkeit – Informel

Kostenfrei mit Teilnahmesticker

 

Sa., 01. April | 15:00 Uhr

Lesung: „Mein Herz schlägt so stark, daß die Außenwelt wackelt“ – Zur Ausstellung ‚Maria Lassnig’

Teilnahmebeitrag: 10 € / ermäßigt 5 €

 

Fr., 28. April | 18:00 Uhr

Nathalie Lettner über Maria Lassnig: Emanzipationsgeschichte einer radikal eigenständigen Frau

Teilnahmebeitrag 5 € / 2,50 € ermäßigt

 

Do., 11. Mai | 18:00 Uhr

Vortrag von Gottfried Böhm: Der unbekannte Körper. Über Maria Lassnig

Teilnahmebeitrag 5 € / 2,50 € ermäßigt