sdr

Hauptsache Europa

Es ist ein sonniger Frühlingstag. Der blaue Himmel strahlt mit den dutzenden königsblauen Europaflaggen auf dem Willy-Brandt-Platz um die Wette. Moment, Flaggen? Richtig gelesen. Am Sonntag, 12. März, zogen in Essen so wie in 35 anderen deutschen Städten hunderte Pro-Europa-Demonstrierende durch die Innenstadt. Unter dem Namen „Pulse of Europe” wächst gerade  eine bundesweite Bürger*innenbewegung. Wir haben uns unter die Europäer*innen gemischt und gefragt, wofür die Menschen die Fahnen schwenken.

„Ich finde es sehr schön, dass wir nicht gegen sondern für etwas demonstrieren: Für Europa”, sagt einer der Organisator*innen am offenen Mikrofon. Das fasst Pulse of Europe zusammen, denn bei der im Aufbau befindenden Bürger*innenbewegung wird laut Flyer für etwas protestiert: Frieden, Freizügigkeit, Rechtsstaatlichkeit, Dienstleistungsfreiheit, Gerechtigkeit und eben Europa. Die Bewegung lebt von einer Pro-Stimmung: Jeden Sonntag wird gelacht, gesungen und geklatscht. Auf der Kundgebung gab es alleine 24 Mal Applaus.

Neben der Bestätigung soll auch ein Bedrohungsszenario die Menschen auf die Straße ziehen. „Wenn nicht alle, denen Europa wichtig ist oder die auch nur davon profitieren, aktiver werden und wählen gehen, droht die Europäische Union in Kürze zu zerfallen” und „der Friede steht auf dem Spiel”, heißt es eingangs auf der Demonstration aus den zehn Thesen, die sich die Bewegung gegeben hat. Individuelle Freiheiten und Wohlstand – für die Menschen in der EU – sollen erhalten werden.

Fast gegen Nationalismus

Deshalb werde auch gegen etwas demonstriert: Gegen rechte und antieuropäische Kräfte. So heißt es von einem der Organisatoren:  „Der Geert muss weg.” Gemeint ist der niederländische Vorsitzende der rechten Partij voor de Vrijheid (Partei für die Freiheit), Geert Wilders, der bei den Wahlen in dieser Woche die Regierung übernehmen will.  „Wir denken am kommenden Mittwoch an die Niederlande: Blijf bij ons, blijf bij Europa”, heißt es.

Gegen rechte Kräfte, gegen Nationalismus – nicht ganz. In den zehn Thesen heißt es auch:  „Vielfalt zu erhalten, regionale und nationale Identitäten zu erhalten, muss europäisches Programm sein.” Es wird von  „den Polen und Ungaren” gesprochen. Als es durch die Innenstadt geht, stimmen vereinzelt Menschen statt  „Wir sind das Volk!” den Chor  „Wir sind Europa!” an. Auf Nachfrage der akduell, ob man Nationalstaaten nicht durch eine Nation Europa ersetze, sagt Organisator Wolfgang Berude:  „Ich bin deutscher Europäer. Ich betrachte mich als Europäer, aber ich bin nunmal hier geboren und lebe auch gerne hier.”

Positive Energie statt kritischem Diskurs

400 Menschen demonstrierten für europäischen Puls. (Fotos: mac)

Die Abschottung der EU – angesichts 10.000 Toten im Mittelmeer seit 2014 – wird nichtmal angesprochen. „Es ist nicht unser Thema, Tagespolitik zu betreiben. Natürlich sind auch Flüchtlinge hier herzlich willkommen. Menschen, die Schutz suchen, müssen diesen auch bekommen”, sagt Organisator Berude. Diskussionen über Geflüchtetenpolitik seien nicht geführt worden, weil es ein kompliziertes Thema sei, zu dem man in der heterogenen Bewegung unterschiedliche Meinungen habe, auch wenn man generell für Asyl sei. Dass durch die europäische Politik Grund- und Menschenrechte ausgehebelt werden, wird verschwiegen, obwohl man gerade dafür auf die Straße gehe.

So nimmt man sich auf dem Burgplatz lieber an den Händen und „sendet positive Energien aus”. Der musikalische Puls der Pro-Europa-Bewegung, er wird in voller Lautstärke mit der Hymne der Europäischen Union gleich zweimal angestimmt. Die einzigen kritischen Stimmen, vier Jugendliche am Rande des Flashmobs, werden von den Teilnehmer*innen unsanft stehen gelassen, als sie Waffenexporte nach Afghanistan ansprechen.  „Afghanistan ist nicht Naher Osten – bisschen Geographieunterricht!” sagt eine Frau mittleren Alters während sie mit ihrer Europaflagge an der Jacke kehrt macht. Das sind aber auch keine Schönwetter-Themen. Da kann man schonmal erhöhten Puls kriegen.