Karneval ist kein Freibrief

Zwischen bierseeligen und verkleideten Karnevalsgänger*innen sieht man auch immer wieder unpassende Kostüme. (Foto: mac)

Endlich ist dieser ganze Mist vorbei. Jedes Jahr aufs Neue sehnen sich Nicht-Karnevalist*innen den Aschermittwoch herbei. Neben Erbrochenem auf den Straßen, betrogenen Partner*innen und verlorenen Geldbörsen bleibt dieses Jahr aber noch was vom Karneval hängen: Rassistische Kostüme.

Im Vorfeld der sogenannten fünften Jahreszeit erregte eine Plakatkampagne vom Forum gegen Rassismus und Diskriminierung, dem Antidiskriminierungsverband Deutschland, der Amadeu-Antonio-Stiftung und der Bundestagsfraktion der Linken bei den Jeck*innen Aufsehen. Unter dem Titel Ich bin kein Kostüm möchten die Initiator*innen die Menschen sensibilisieren. Auf einem Plakat etwa hält ein Junge ein Foto eines als mutmaßlichen Terroristen verkleideten Mannes in der Hand.

Ok, so viel Menschenverstand sollte man besitzen, dass in der heutigen Zeit solch ein Kostüm an Geschmacklosigkeit kaum zu übertreffen ist. Die Kampagne stieß im Internet aber auf wenig Verständnis. Allen voran die Blogs und Foren der Traditionalist*innen und Superdeutschen. Dort ist zu lesen, dass man „uns die Kultur wegnimmt“ und „die Zahl der amerikanischen Ureinwohner in Deutschland“ (bezogen auf mutmaßliche „Indianer*innen-Kostüme“) sich in Grenzen halte. Selbst wenn dem so sein sollte, gibt es auch Menschen, die unter derart vorurteilsbelasteten Kostümierungen leiden. Ein weiteres Beispiel: Die wenigsten Menschen unter uns können sich vorstellen, im falschen Körper geboren zu sein, die Rede ist von Trans*menschen. Die Betroffenen leiden jahrelang unter ständigem gesellschaftlichen Druck, bis heute erleiden sie Repressionen und Ausgrenzung. Und dennoch finden sich jedes Jahr einige unbedarfte Karnevalisten und Karnevalistinnen, für die es scheinbar ein Heidenspaß ist, mal für einen Tag das Geschlecht zu wechseln.

Gut gemeint, schlecht gemacht

Über Alltagsrassismus und Diskriminierung aufzuklären, ist ja nichts Verwerfliches. Das allerdings im Karneval zu tun schon. So ist zumindest der Eindruck nach der Plakataktion. Lange galt der Karneval als Symbol des „aufmüpfigen Bürger*innentums“. Man wollte den Machthaber*innen, also „denen da oben“, mal die lange Nase zeigen und aufbegehren. Was den heutigen Karneval in der Bevölkerung ausmacht, ist allgemein bekannt. Alkohol spielt bei den meisten eine große Rolle. Mal so richtig „die Sau raus lassen” und alle gesellschaftlichen Normen beiseite lassen. Und alle müssen mitmachen. Wer es nicht tut, ist spießig und langweilig.

Daher verwundert es auch nicht, dass die Plakataktion auf so wenig Verständnis unter den Karnevalist*innen trifft. Denn der Grat zwischen Aufklärung und Bevormundung scheint schmal. Den meisten Menschen kann man doch durchaus zutrauen, dass sie zwischen Kostüm und Individuum unterscheiden können. So haben beide Seiten etwas davon. Die einen haben die Aufmerksamkeit, die sie wollten, die anderen können sich mal wieder über etwas genüsslich das Maul zerreißen. Dann bis zum 11. November um 11:11 Uhr dieses Jahres, wenn der Wahnsinn Karneval wieder von vorne losgeht. Dass sich bis dahin ein besseres Gespür für angemessene Verkleidungen einstellen wird, bleibt zu bezweifeln. Und so wird vermutlich noch eine Menge Kölsch den Rhein herunterfließen, bis Kostüme von Geschlechtern, Ethnien oder Minderheiten von den Zügen verschwinden.