Schalke auf dem Prüfstand

Stein des Anstoßes: Eine mazedonische Flagge sorgte 2013 dafür, dass die Polizei die Schalker Nordkurve stürmte. Diesmal blieb es ruhig. (Foto: dav)

FC Schalke 04 gegen Paok Saloniki – das gab es doch schon mal oder? Damals, im August 2013, hatte es ordentlich geknallt in der Arena auf Schalke. Die Fahne eines mazedonischen Vereins, mit dem Gelsenkirchener Fangruppen befreundet sind, löste einen Eklat bei den Paok-Anhänger*innen aus. Die Polizei stürmte daraufhin die Nordkurve mit Pfefferspray und Schlagstöcken. Am vergangenen Mittwoch, den 22. Februar, kam es erneut zu einem Aufeinandertreffen der beiden Vereine. Ein Hochsicherheitsspiel mit immensem Polizeiaufgebot, diesmal ohne eine Eskalation im Stadion.

Rückblick: Im August 2013 trafen die beiden Mannschaften aus Gelsenkirchen und Thessaloniki bereits in einem Champions-League-Qualifikationsspiel aufeinander. Damals setzte sich Schalke nach einem 1:1 zu Hause in Griechenland mit 2:3 durch. Doch vielen Fußballfans dürfte das Spiel in Gelsenkirchen vor allem aufgrund des massiven Polizeieinsatzes in der Nordkurve in Erinnerung geblieben sein. Grund dafür war die Fahne des mazedonischen Vereins FK Vardar Skopje, mit dem Schalker Fangruppen eine Fanfreundschaft pflegen. Wie bei solchen Freundschaften üblich, besuchen Fans von Skopje Spiele vom FC Schalke und andersherum.

Derweil streiten die Nationen Griechenland und Mazedonien schon seit der Gründung der Republik Mazedoniens nach dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens wegen Gebietsansprüchen. Dabei geht es vor allem um die Region Makedonien, die zum Teil im heutigen Mazedonien liegt. Hauptstadt der Region ist das griechische Thessaloniki. Die Präsentation der mazedonischen Fahne in Kombination mit einer geklauten Zaunfahne von Paok Saloniki Anhänger*innen, ein in der fußballerischen Ultra-Szene durchaus beliebtes Mittel der Provokation, sorgte damals dafür, dass die Paok-Fans mit dem Sturm des Platzes und des Schalker Fanbereichs drohten. Als Reaktion darauf forderte die Polizei die Ultras auf, die Fahne abzuhängen. Nachdem sich die Gruppierung weigerte, stürmte die Polizei in einem bis dato einzigartigen Vorgang die Nordkurve mit Pfefferspray und Schlagstöcken. Die Bilanz: 89 Verletzte. Während die Aktion von vielen Schalke-Anhänger*innen kritisiert wurde, stellte sich die Vereinsführung hinter die Polizei.

Provokationen über Provokationen

Und auch das Hinspiel des Europa-League Sechzehntel-Finals in Griechenland am 16. Februar 2017 sorgte für weitere Spannungen zwischen den beiden Fanlagern. So beklagen mehrere Fangruppen und die Initiative Schalke hilft, dass Fans mit mazedonischem Ausweis der Zutritt ins Stadion von Paok verboten werden sollte. Die Ultras Gelsenkirchen werfen den griechischen Verantwortlichen in einer Stellungnahme Rassismus vor. Außerdem sei den Fans beim Eintritt ins Stadion sämtliches Münzgeld von den Ordner*innen abgenommen worden und nur ein Teil wieder zurück an Schalke hilft gegangen. Im Stadion provozierten griechische Fans mit einem „Macedonia is one and only and it’s here“-Banner. Neben dem nationalistischen Spruchband wurde auch ein „Fucking Nazis get out of here“-Plakat gezeigt, auf welchem Merkel mit Hitlerbart abgebildet war. Außerhalb des Stadions kam es zuvor ebenfalls zu Auseinandersetzungen. So sollen Schalke-Anhänger*innen ein Café in der Innenstadt zerstört und Paok-Fans Gäste aus Schalke mit Fackeln und Gürteln attackiert haben.

Reichlich Spannungen also, weswegen bereits im Vorfeld ein großes Polizeiaufgebot angekündigt wurde. Das war auch der Grund für den ungewöhnlichen Mittwochs-Spieltermin. So hatten Polizei und Verein entschieden, das Spiel vom Donnerstag, an dem klassischerweise Europa League-Spiele stattfinden, aufgrund von Weiberfastnacht vorzuverlegen. Die massive Polizeipräsenz wurde schon am Gelsenkirchener Hauptbahnhof deutlich. Um zu verhindern, dass beide Fanlager aufeinandertreffen, wurden Fußballfans nach Verlassen des Bahnhofs nicht mehr zurückgelassen. Entgegen der Ankündigung befanden sich beim Einlass in die Fanblöcke jedoch keine Polizist*innen. Der Leitende Polizeidirektor, Klaus Noske, sieht dabei das Einsatzkonzept der Polizei Gelsenkirchen als erfolgreich: „Eine Trennung gewaltbereiter Fans im Vorfeld und Nachgang des Spiels konnte durch uns gewährleistet werden. Unsere präventiven Maßnahmen haben zu einem friedlichen Fußballabend beigetragen.“

Fans kritisieren Verein

Der Gelsenkirchener Verein appellierte an seine Anhänger*innen, auf Provokationen während des Spiels zu verzichten. So heißt es in einem Statement des Vorstands des Clubs: „Das hat mit Toleranz zu tun und mit Respekt – auf beiden Seiten! Als „Jetzt erst recht“-Aktion und Retourkutsche mit Fahnen zu provozieren, egal für wie legitim sie auch gehalten werden, wäre für uns als Verein ebenso wenig nachvollziehbar wie Gewalt oder Provokation seitens der Gäste.“ Demnach sollte auch beim Einlass darauf geachtet werden, dass Besucher*innen des Spiels keine rote Kleidung trugen. Bei den Fans sorgte die Stellungnahme für reichlich Unmut. So kritisieren die Ultras Gelsenkirchen: „Die Verantwortlichen unseres Vereins haben auch drei Jahre nach dem Polizeieinsatz in der Nordkurve anscheinend nichts dazu gelernt und ein weiteres Mal eine große Chance vertan, seinen Fans Rückgrat zu beweisen. Dieses öffentliche Verhalten ist für jeden verletzten und betroffenen Schalker der Ereignisse von 2013 ein Schlag ins Gesicht. Wir hoffen, dass sich trotz dieser unfassbaren Vorgehensweise kein Schalker am morgigen Tag in seiner Meinungsfreiheit einschränken lässt.“ Somit war es wenig verwunderlich, dass während des Spiels eine Vielzahl mazedonischer Fahnen im Schalker Block hochgehalten wurden. Ein erneuter Blocksturm blieb allerdings aus.

Das Spiel selbst war dann nicht annähernd so aufregend wie die Vorfälle im Vorfeld der Partie. Die Teams trennten sich mit einem wenig spannenden 1:1. Nachdem Alessandro Schöpf die Schalker in der 23. Minute in Führung gebracht hatte, folgte nur zwei Minuten später der Ausgleich durch ein Eigentor von Matija Nastasic. Für Paok ist die Europa-League damit nach der 0:3 Heimniederlage beendet. Der Club bleibt damit jedoch weiter ungeschlagen in der Schalker Arena. Und die griechischen Fans bleiben diesmal mit einem der lautesten Auswärtssupporte überhaupt in der Arena in Erinnerung.