„Wir brauchen mehr Aktivismus von unten“

Yasmine Souhil gab der akduell ein Interview zum Thema Kopftuchverbot und antimuslimischer Politik. (Foto: privat)

Donald Trumps zwischenzeitliches Einreiseverbot für Menschen aus dem Irak, Iran, Syrien, der dem Jemen und anderen islamisch geprägten Ländern haben für viel Aufregung gesorgt. Doch man muss gar nicht über den großen Teich schauen, um auf antimuslimische Politik zu stoßen. In Österreich wird gerade über ein Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst gesprochen, welches in Deutschland in einigen Bundesländern ebenfalls noch gilt. akduell-Redakteur Daniel Veutgen hat mit Yasmine Souhil, Referentin für das Internationale Referat an der Universität Duisburg-Essen, über ihre Einschätzung der aktuellen politischen Lage gesprochen.

akduell: Welche Aufgaben habt ihr als Internationales Referat?

Yasmine Souhil: Viele internationale Studierende, die der deutschen Sprache nicht mächtig sind, haben Probleme mit dem Ausländeramt oder betrügerischen Vermietern, andere beschweren sich wegen des fehlenden Gebetsraums am Campus, beklagen Finanzierungsprobleme und wissen sich nicht zu wehren. Wir unterstützen sie und geben den marginalisierten Gruppen eine laute Stimme. Mit unserer Demo ,Bündnis: Für ein gutes Leben für alle‘ und einer Podiumsdiskussionen zum Thema antimuslimischem Rassismus haben wir auf Missstände hingewiesen. (Es folgen weiterhin kulturelle Veranstaltung, Empowerment-Workshops und eine Podiumsdiskussion zum Thema Antisemitismus im 21. Jahrhundert.)

akduell: Wodurch wird in deinen Augen die strukturelle Benachteiligung von Menschen muslimischen Glaubens, die aufgrund ihrer religiösen Überzeugung ein Kopftuch tragen, deutlich?

Yasmine Souhil: (Für die Verfestigung der Ausgrenzung im privaten Arbeitsmarkt dieser Personengruppen bedarf es keiner Gesetze. Sie werden aber sowohl von den politischen und medialen Debatten als auch von juristischen Entscheidungen beeinflusst.) Das bis 2015 geltende pauschale Kopftuchverbot für Lehrerinnen in mehreren Bundesländern, mit Ausnahmeregelung für die christliche Nonnentracht, beweist für mich die Inkonsequenz deutscher Rechtsprechung und die Privilegierung der Kirche im Deckmantel des Säkularismus. Eine Studie der Uni Linz hat gezeigt, dass Unternehmen gerade mal drei Prozent der Bewerberinnen mit Kopftuch einluden. Auch andere Studien bestätigen, dass die Bewerberinnen im Vergleich zu nicht-muslimischen ,deutschen‘ Frauen nicht nur wegen ihrer offensichtlichen religiösen Zugehörigkeit, sondern gleichzeitig aufgrund ihres Migrationshintergrundes einen Nachteil haben. Sie sind damit einer mehrfachen Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt sind und das trotz gleicher Qualifikation.(Begründet wird die Ablehnung öfters mit Vorurteilen wie muslimische Frauen seien unterdrückt, islamistisch, ,gebärfreudiger‘ und schaden dem Image des Unternehmens.) Muslimas mit oder ohne Kopftuch sind deswegen besonders im Arbeitsleben geschlechtsspezifischer, ethnischer und religiöser Benachteiligungen ausgesetzt.

akduell: In Österreich gab es vergangene Woche eine große Demonstration gegen das Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst. Welches Zeichen sendet so eine Demonstration an die Politik?

Yasmine Souhil: 4.000 Personen haben an einer antirassistischen und feministischen Demonstration gegen das Kopftuchverbot im öffentlichen Dienst teilgenommen. Besonders war, dass die Demonstration sowohl von muslimischen als auch nicht-muslimischen Frauen geführt wurde. Solidarisch zeigen sie, dass es hier nicht nur um einen Einschnitt in die Gleichberechtigung und das Selbstbestimmungsrecht der Frau geht, sondern um eine massive Verletzung von Menschen- und Minderheitenrechten.

akduell: Macht dir die politische Entwicklung, in Hinsicht auf beispielsweise die USA oder Österreich, manchmal Angst?

Yasmine Souhil: Angst vielleicht, aber es ist für mich eher eine Motivation politisch aktiver zu werden. Konservative, neoliberale, rechte, autoritäre und antifeministische Parteien haben europaweit hohen Zulauf. Der Aufstieg dieser Parteien sollte ein Weckruf an uns alle sein. In Deutschland ist es insbesondere das Ergebnis von einer Politik, die es verpasst hat, die soziale Ungleichheit und rassistische Strukturen in Deutschland zu verhindern. Wir brauchen mehr Aktivismus von unten für den Widerstand gegen rassistische, kapitalistische, patriarchale Strukturen unserer Gesellschaft. Die Demo in Österreich zeigt eine solidarische Form des gemeinsamen Protests, die unbedingt nötig ist, sonst folgen weitere Verbote für Minderheiten, die ich mir gar nicht ausmalen möchte.

akduell: Wie beurteilst du die Lage in Deutschland in diesem Zusammenhang?

Yasmine Souhil: Konservative Parteien und allen voran die AfD haben den Islam als Feindbild Nummer eins ausgewählt. Wir müssen uns also mit allen Minderheiten solidarisieren, ob Muslime, die LGBTIQ-Community oder Jüd*innen, die ausgegrenzt werden. Geschickt wird ein vermeintlicher ,Kampf der Kulturen‘ à la Samuel Huntigton suggeriert, dabei lenken zum Beispiel Forderungen nach Kopftuchverboten von aktuellen sozialen und wirtschaftlichen Missständen ab. Viele Forscher bestätigen, dass genau diese Form der Ausgrenzung nur den Zulauf hin zum gewaltbereiten Salafismus fördert.

akduell: Wie soll man Leuten entgegentreten, die sagen, dass ein Kopftuch ein Symbol für die Unterdrückung sei?

Yasmine Souhil: Das Kopftuch ist auch kein Symbol des Islam per se, denn eine Frau ist unter anderem auch dann eine gläubige Frau, wenn sie keines trägt. Mein Körper gehört mir und weder der Staat, noch weniger Männer haben zu entscheiden, wie ich mich zu kleiden habe. Deutschland ist ein freies und pluralistisches Land, wir können nicht alles Befremdliche mit autoritären Verboten aus dem öffentlichen Leben verbannen. Kopftuchverbote bedeuten Zwang, eine spezifische Form der Unterdrückung von Frauen. Was unterscheidet uns dann noch vom absurden Kopftuchzwang der in Saudi-Arabien und im Iran praktiziert wird? Die paradoxe Praxis von Kopftuchverboten sind analog zu Kopftuchzwängen. In beiden Fällen gesteht man Frauen die Entscheidungsfreiheit nicht zu. (Neben solchen Verboten verhindern zum Beispiel Berufsverbote die Unabhängigkeit von Frauen, die sogar finanziell abhängig von ihrem Ehemann oder Vater werden.) Um ehrlich über Geschlechterverhältnisse in Deutschland zu sprechen muss der allgegenwärtige Sexismus, der Gender-Gap oder unbezahlte Care-Arbeit, Kopftuchverbote bedeuten Zwang, eine spezifische Form der Unterdrückung von Frauen. Was unterscheidet uns dann noch vom absurden Kopftuchzwang, der in Saudi-Arabien und im Iran praktiziert wird? Die paradoxe Praxis von Kopftuchverboten sind analog zu Kopftuchzwängen. In beiden Fällen gesteht man Frauen die Entscheidungsfreiheit nicht zu. Um ehrlich über Geschlechterverhältnisse in Deutschland zu sprechen, muss der allgegenwärtige Sexismus, der Gender-Gap oder unbezahlte Care-Arbeit, kritisiert werden, anstatt aktuelle gesellschaftlichen Probleme auf das Kopftuch selbst zu projizieren, indem die Frauen nur noch zu einem Objekt degradiert werden.