Zeiten des Umbruchs

„Stella – das Gespenst vom Kurfürstendamm“ war die Auftaktveranstaltungen der diesjährigen Duisburger Akzente. (Foto: Matthias Heyde)

Zum 38. Mal präsentieren sich in diesem Jahr die Duisburger Akzente – ein Kulturfestival, das sich über das  Ruhrgebiet hinaus einen Namen gemacht hat. Mit dem diesjährigen Thema Umbrüche werden nicht nur kulturelle Wandel thematisiert, sondern auch gesellschaftliche und politische Veränderungen kulturell aufgearbeitet. Dabei spannt das Festival einen Bogen von maßgeblichen Umbrüchen in der Geschichte zu aktuellen Verschiebungen in der Gegenwart. Bis zum 26. März wird es rund 110 Veranstaltungen zum Thema geben.

Es ist ein etwas ungewöhnlicher Ort für eine Opern-Aufführung: Ein breites, weißes Festivalzelt, das sich auf einer 25.500 Quadratmeter großen, brachen Fläche gegenüber vom Duisburger Rathaus befindet. In diesem Jahr ist das sogenannte Mercator-Viertel, benannt nach dem Duisburger Geographen und Kartographen Gerhard Mercator, einer der Spielorte der Duisburger Akzente. Genau hier zwischen Burgplatz und Stadtmauer der Innenstadt soll ein neues Altstadtquartier, angelehnt an den Frankfurter Römer, entstehen. Dafür hatte die Stadt 3,5 Millionen Euro an Fördermitteln vom Land NRW erhalten. Solange dort aber noch nichts dergleichen steht, dient die Fläche nun als Festivalplatz. Somit ist das Gelände selbst auch repräsentativ für das Über-Thema der diesjährigen Akzente – Umbrüche – da es sich ebenfalls mitten in einem Wandel befindet. Veranstalter des Festivals sind das Duisburger Dezernat für Familie, Bildung und Kultur und die Duisburger Kulturbetriebe.   Getragen wird das Festival außerdem alljährlich von zahlreichen städtischen und nicht-städtischen Kultur-Einrichtungen wie dem Theater Duisburg, der Stadtbibliothek, dem Kultur- und Stadthistorischen Museum, dem Filmforum oder dem Wilhelm Lehmbruck Museum.

Auftaktveranstaltung als Wegweiser

Als Auftaktveranstaltung haben sich die Macher*innen der Akzente in diesem Jahr für das Musikstück Stella – das blonde Gespenst von Kurfürstendamm der Berliner Neuköllner Oper entschieden. Ein Stück, das Umbrüche sowohl inhaltlich thematisiert als auch Bühnenbild-technisch inszeniert. Stella ist eine erfolgreiche Sängerin, die sich wünscht in Amerika als Jazz-Sängerin groß rauszukommen. Aber sie ist Jüdin – auch, wenn sie sich nicht wie eine fühlt. Im faschistischen Nazi-Deutschland macht das aber keinen Unterschied. Um ihre Eltern vor der Deportation und dem Tod im Konzentrationslager zu bewahren, stellt sie sich für die Gestapo als „Greiferin“ zur Verfügung – sie liefert andere  Jüd*innen an die Nazis aus.

„Stellas Biografie ist die einer Täterin und eines Opfers. Sie ist ‚Nazi‘ und ‚Jüdin‘, ‚Engel‘ und ‚das Böse‘ zugleich“, beschreibt der Leiter des Festivalbüros, Frank Jebavy, die auf wahren Begebenheiten basierenden Geschichte. Stella thematisiert Brüche der deutschen Geschichte, stellt eine zerrissene, widersprüchliche Frau in den Mittelpunkt und arbeitet auch mit einer gebrochenen Ästhetik“, erläutert Jebavy weiter. Das Bühnenbild ist dabei alles andere als konventionell: Eine Art Glaskasten mit verschiebbaren Öffnungen dient als Bühne, auf einer Leinwand am oberen Ende werden Bilder und Steckbrief-Informationen der Protagonist*innen sowie Live-Kameraaufnahmen eingeblendet, die während der Vorstellung gemacht werden. Oftmals sieht man nur durch die Aufnahmen auf der Leinwand, was auf der Bühne, im Kasten geschieht. Ein Bruch mit traditioneller Oper, der unter Anwesenheit des Duisburger Oberbürgermeisters Sören Link (SPD) jedoch nur mäßig applaudiert wurde.

Dennoch steht das Stück für die gesamten Duisburger Akzente: Umbrüche, sowohl gegenwarts- als auch vergangenheitsbezogen werden künstlerisch thematisiert und aufgearbeitet. Nachdem sich die Akzente die vergangenen beiden Jahre eher lokalen und regionalen Themen gewidmet hatte (2015 Heimat und 2016 300 Jahre Duisburger Hafen) wollten sich die Veranstalter dieses Mal einem globaleren Thema zuwenden: „Im Gespräch über den arabischen Frühling, den Krieg in Syrien sowie seine Folgen wie Flucht und Vertreibung, aber auch über technologische Umwälzungen und ihre Folgen für Arbeitswelt und Gesellschaft hat sich dann der Titel Umbrüche herauskristallisiert“, erläutert Jebavy.

Veranstaltungen wie „Coming home to Syria“ oder die Vorstellung eines Filmprojektes von geflüchteten Akademiker*innen sind zwei Beispiele, bei denen sich intensiv mit dem Thema Migration auseinandergesetzt wird. Aber auch bestimmte Jubiläen wie der 500. Jahrestag der Reformation oder 100 Jahre Oktoberrevolution haben die Entscheidung beeinflusst. Mit ihnen soll ein Bogen gespannt werden; von maßgeblichen Wandel der Geschichte über Veränderungen in der modernen Welt bis hin zu Umbrüchen im Alltag. Es sind aber auch die Vorgeschichten und die Umstände, die zu solchen Umbrüchen führen, die die Akzente thematisieren wollen. Kritisch auseinandergesetzt wird sich unter anderem auch mit Martin Luther und der „dunklen Seite der Reformation“, nämlich mit seiner Beziehung zu Jüd*innen, Türk*innen und Bäuer*innen. Luther galt als Antisemit, äußerte sich mehrfach über die angebliche Gefahr, die von den Türk*innen ausging und sprach sich während des Bauernkrieges 1525 für ein härteres Vorgehen gegen die Aufständischen aus.

Ein spartenübergreifendes Kulturfestival

Für Frank Jebavy besteht die Aufgabe der Akzente maßgeblich auch darin, ein spartenübergreifendes Kulturfestival zu sein, das in Zusammenarbeit mit städtischen aber auch nicht-städtischen Initiativen, Gruppen und Einzelkünstler*innen zu organisieren sei. „Die Akzente haben in den letzten Jahren verstärkt Projekte mit Initiativen, unabhängigen Gruppen gesucht und Projekte oft auch an ungewöhnlichen Orten entwickelt. Das Resultat waren Kunstprojekte im öffentlichen Raum, eigenständige Theaterprojekte oder selbstorganisierte Ausstellungen in leerstehenden Häusern“, sagt der Leiter des Festivalbüros. Daraus seien auch langfristige Zusammenarbeiten entstanden, wie beispielsweise mit dem Lokal Harmonie in Duisburg-Ruhrort. Veranstaltungen, die sich mit der Schaffung von mehr soziokulturellen Freiräumen in Duisburg auseinandersetzen, wie es derzeit vor allem im Bezug auf die alte Feuerwache in Hochfeld gefordert wird (akduell berichtete), bietet das Programm der Akzente jedoch nicht.

Kulturell vielseitig ist das Festival dennoch: Das Akzente-Theatertreffen ist dabei ebenso präsent, wie freie Produktionen aus Theater, Tanz und Kabarett sowie Ausstellungen, Kunstaktionen und Lesungen. Zusätzlich gibt es einige Konzerte, Filme und auch Diskussionsrunden und Vorträge. So thematisieren Stücke wie Michael Kohlhaas oder Nathan der Weise Brüche mit gesellschaftlichen Konventionen und Religion, während sich Penthesilia damit beschäftigt, warum wir stetig zerstören, was wir lieben. Mit dem Titel Umbrüche machen das Leben schöner behandelt  eine Kunstausstellung beispielsweise auch gesellschaftliche relevante und allgemeinverständliche Umbruchvarianten. Bei einem Projekt kann sogar selbst mitgewirkt werden: Beim Kick Off Duisburg‘17 soll im Verlauf des Jahres bis zum Sommer 2017 ein mobiles Fotoalbum entstehen, an dem Menschen mit ihren persönlichen Bildern vom Umbruch teilnehmen können. Im Sommer soll es dann eine mobile Ausstellung in Schiffscontainern geben, bei denen neben den gesammelten Bildern auch Fotobücher von international renommierten Fotograf*innen gezeigt werden sollen.

Das komplette Programm der Duisburger Akzente findet ihr unter: http://www.duisburger-akzente.de/de/index.php