Das Gegenteil von Grau

Der Dokumentarfilm Das Gegenteil von Grau feiert aktuell in mehreren Städten Premiere. (Foto: caro)

Den Leerstand der Stadt nutzen, alternative Lebensvorstellungen verwirklichen, Nachhaltigkeit, ein Miteinander statt Ausgrenzung und für die Belange von Minderheiten kämpfen. Im Dokumentarfilm Das Gegenteil von Grau von Matthias Coers und dem Netzwerk Recht auf Stadt Ruhr werden verschiedene Initiativen und Gruppen im Ruhrgebiet vorgestellt, die sich genau diese Themen zur Aufgabe gemacht haben und in Selbstorganisation und mit viel Engagement einen alternativen Blick auf die Stadt werfen. Am Sonntag, 26. März, feierte der Film im Lokal Harmonie in Duisburg Premiere mit anschließender Diskussionsrunde mit den Filmemachenden.

Ein kurzer Knall, der Sekt sprudelt aus der Flasche, Strahlen in den Gesichtern der Mieter*innen des Zinkhüttenplatzes in Duisburg-Hamborn. Sie haben nicht verloren. Fünf Jahre lang haben sie dafür gekämpft in ihren Wohnungen bleiben zu dürfen. Statt ihrer Siedlung samt Wiese waren hier eigentlich Parkplätze für ein neues Factory Outlet Center geplant, das nun aber doch nicht gebaut wird. Zu nah ist die Fläche an einem ansässigen Chemiewerk gelegen (akduell berichtete).

„Ein bisschen kitzeln, da mitzumachen und sich einzubringen“

„Man muss denen richtig auf den Sack gehen“, fasst ein Mieter zusammen, was es braucht, um sich langfristig Gehör zu verschaffen. Viele der schon zumeist über 60-jährigen Mieter*innen wohnen seit Jahrzehnten in der weitflächig begrünten Siedlung. Für sie bedeutet das Leben hier mehr als nur vier Wände und ein Dach über dem Kopf zu haben. Auch bei der Filmvorführung sind einige von ihnen anwesend. Wenn auch nicht alles so einfach war, wie es vielleicht nach außen wirkte, so „ist das ja quasi ein Märchen“, findet Martina Mattern von der Bürgerinitiative und betont zugleich, wie wichtig es sei, „Öffentlichkeit zu schaffen“. Und einer ihrer Kollegen wünscht sich: „Der Film soll anderen Mut machen, nicht so schnell aufzugeben“.

Ob gemeinschaftliches Gärtnern in Essen-Rüttenscheid, Stadtteilläden, alternatives Wohnen auf dem Bauwagenplatz in Duisburg-Homberg, der Buchladen Taranta Babu in Dortmund oder die Freirauminitiative DU it yourself, die sich unter anderem für den Erhalt der Alten Feuerwache in Duisburg-Hochfeld einsetzen (akduell berichtete): Die Ideen der Initiativen sind vielfältig und bunt – aber eben nicht grau. Filmemacher Coers sei es vor allem wichtig gewesen keinen Film über, sondern mit Menschen zu machen und niemanden in eine Opferrolle zu schieben. Im zweiten Schritt müsse man gucken, „wo man ansetzen kann, um gemeinsam in die Praxis zu kommen“. Seine Kooperation mit dem Netzwerk spiegelt dieses Vorhaben wider. Oftmals sind die Interviewenden zudem selbst im Bild zu sehen.

„Ihr habt begriffen, was Demokratie ist“

Martin Krämer von Recht auf Stadt Ruhr beschreibt den Film einerseits als „Möglichkeit für Initiativen, sich vorzustellen“. Andererseits wolle man die Leute „ein bisschen kitzeln, da mitzumachen und sich einzubringen“. Insgesamt ist der Eindruck der Aktivist*innen des Netzwerks vor allem der, dass selbst Kenner*innen des Ruhrgebiets die Städte noch mal ganz anders kennenlernten. Es wurden ungesehene Orte gefunden und Menschen kennengelernt, die man sonst womöglich nie getroffen hätte. Es sei schade, dass viele der gezeigten Projekte nicht sehr bekannt seien. Deshalb heißt es umso mehr: Aufmerksamkeit generieren, mitmachen und nachahmen. „Menschen sind so unterschiedlich“ und der Film zeige diesen „Querschnitt der Gesellschaft“, resümiert eine Aktivistin.

Regisseur Coers (eigentlich aus Berlin) wünscht sich außerdem, dass zwischen den einzelnen Initiativen – wenn noch nicht geschehen – „Verbindungslinien entstehen“. Eine Vertreterin des Netzwerks X nutzt dieses Stichwort und  pflichtet Coers bei, dass man größer und mächtiger sei, wenn man sich zusammenschließe und so auch mehr erreichen könne. Das Netzwerk X verbindet 40 Initiativen im Ruhrgebiet und setzt sich dafür ein, kulturpolitisch aktiv zu werden.

Das Publikum zeigte sich vom Film begeistert, das Lokal selbst war bis auf den letzten Stuhl besetzt. Unter den Gästen war auch der Autor des Reisehandbuchs Im Tal der Könige über das Ruhrgebiet, Roland Günther, der befand: „Dieser Film ist großartig!“ Er habe lange auf einen solchen Film gewartet, in dem viele unterschiedliche Projekte und Gruppen vorgestellt würden. Das Schöne sei, dass er eine Hilfs- sowie eine historische Perspektive aufzeige, nicht „mono-thematisch“ sei und nicht ausgrenze. „Ihr seid welche von den wenigen, die begriffen haben, was Demokratie ist“, richtet er seine Aussage an das Filmteam. Statt alles hinzunehmen, müsse man selbst aktiv werden und in den Dialog treten.

Ein weiterer Gast mahnt, „wir müssen bedenken, dass wir alle betroffen sind“. Auch wer etwa nicht in der Siedlung Zinkhüttenplatz lebe, tue gut daran, sie zu unterstützen. Es sei ungewiss, wann man selbst in eine solche Situation gerate. Auch Günther findet, man müsse hart daran arbeiten, mehr Empathie zu entwickeln, mehr Mitgefühl für andere zu zeigen, „weil wir in einer Gesellschaft sind“.

Der Dokumentarfilm wird demnächst außerdem ins Englische übersetzt. Wie Coers’ letzter Film Mietrebellen, soll auch Das Gegenteil von Grau in ganz Europa gezeigt werden. Warum man sich außerhalb des Ruhrgebiets dafür interessieren solle, ist für Coers klar: Die Probleme, Entwicklungen, Prozesse und Ideen, die im Film thematisiert werden, gäbe es in ähnlicher Form auch in anderen Städten. Er denke da vor allem an Städte wie Liverpool, die dem Ruhrgebiet sehr nahe kommen, oder Norditalien. Der Film könne somit auch dort als Inspiration dienen, sich ebenfalls zu engagieren.