Vaxxed: Stimmungsmache in Horrorfilmmanier

Düstere Kulisse und harte Diskussion. Im Filmstudio Glückauf wurde übers Impfen debattiert. V.l.n.r.: Kinderonkologe Alfred Längler, Amtsarzt Rainer Kundt, Medizinjournalistin Christine Kostrzewa und der umstrittene Regisseur Andrew Wakefield sowie sein Dolmetscher. (Foto: Lorenza Kaib)

Am Mittwoch, 5. April, wurde im Filmstudio Glückauf in Essen der Film Vaxxed — Eine unbequeme Wahrheit?! trotz zuvor formiertem Protest gezeigt. Sicherheitsmänner von ISSA fungierten als Kartenabreißer und überwachten den Ablauf des Abends. Bei der anschließenden Podiumsdiskussion zum Thema Impfung, moderiert von der Medizinjournalistin Christine Kostrzewa, beantworteten der Regisseur Andrew Wakefield, Rainer Kundt (Leitender Amtsarzt der Stadt Essen) und Alfred Längler (Leitender Arzt der Abteilung Kinder- und Jugendmedizin, Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke) über eine Stunde lang die Fragen des Publikums.

von Gastautorin Lorenza Kaib 

Weinende, schreiende Kinder. Bestürzte und hilflos wirkende Eltern. Eingespielte Interviewmitschnitte sorgen für das zusätzliche Spannungsgefühl. Der Trailer macht es bereits deutlich: Vaxxed soll polarisieren. Es wird suggieriert, dass die Filmemacher nun endlich die einzig wahre Wahrheit ans Licht bringen und Skandale aufdecken. Auch die Werbung für den Film spielt stark mit den Gefühlen der Betrachtenden: Auf einem der Bilder ist das Gesicht eines Kindes zu sehen, neben seinem Kopf in der Luft drohend zwei Spritzen. Der Mund des Kindes ist nicht zu sehen — die Frage, ob es sprechen kann oder nicht, vielleicht sogar zum Schweigen gebracht wurde, sollen sich aufdrängen. Das Filmplakat zeigt eine Spritze vor schwarzem Hintergrund, aus deren Kanüle langsam eine bläulich-leuchtende Substanz wolkenförmig austritt.

Die Persona Wakefield: Arzt, Filmemacher und Betrüger?

Um den Inhalt und die Kontroverse um Vaxxed zu verstehen, ist es unabdingbar, einen Blick auf die Vorgeschichte des Films zu werden. Regisseur und zentrale Figur von Vaxxed — Eine unbequeme Wahrheit?! ist Andrew Wakefield. 1998 veröffentlichte der britische Gastroenterologe seinen Bericht Ileal-lymphoid-nodular hyperplasia, non-specific colitis, and pervasive developmental disorder in children im renommierten britischen Peer-Review Magazin The Lancet. Peer-Review bedeutet, dass Wissenschafter*innen vom selben Fachgebiet wie die Autor*innen den eingereichten Artikel vor dem Abdrucken überprüfen, oft in Form eines Doppelblindgutachtens. Ziel dieses aufwendigen Vorgehens ist es, den hohen Qualitätsstandard der Publikation zu halten und nur überprüfte Artikel zu veröffentlichen. The Lancet wurde 1823 gegründet und zählt zu einen der weltweit ältesten Medizinzeitschriften, die das Peer-Review-Verfahren anwenden.

In Wakefields Bericht werden die Fälle von zwölf autistischen Kindern analysiert, die von Wakefield ein Jahr lang untersucht wurden. Zwar ziehen er und die anderen 14 beteiligten Wissenschaftler*innen keinen direkten Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus, jedoch lassen sie die Frage im Raum stehen, ob der Autismus durch die MMR-Impfung ausgelöst worden sein konnte. Wakefield empfahl danach öffentlich auf die dreifache Impfung zu verzichten, bis sie als Auslöser ausgeschlossen werden könne und so lange Einzelimpfungen zu nutzen. Im Jahr 2004 wurde dann im Zuge einer Recherche der Sunday Times aufgedeckt, dass Wakefield bei seiner Studie Drittmittel in Höhe von 55.000 Pfund von Anwälten bekam. Diese vertraten Eltern autistischer Kinder, die explizit auf der Suche nach Zusammenhängen zwischen der MMR-Impfung und Autismus waren, um Pharmafirmen verklagen zu können.

Der Lancet stellte daraufhin klar, dass die Studie in dieser Form nie hätte veröffentlicht werden dürfen und zehn der dreizehn beteiligten Forscher*innen traten daraufhin von der Studie zurück. Die britische Ärztekammer begann mit  Ermittlungen. Offengelegt wurde außerdem, dass Wakefield Patente an Konkurrenzprodukten zu MMR hielt und weitere 3,5 Millionen Pfund von Impfgegner*innen und ihren Anwälten erhielt. 2010 kam die britische Ärztekammer zum Ergebnis, dass Wakefield in seiner Studie bewusst Zahlen manipuliert und  Ergebnisse falsch dargestellt hatte. Seine Arztlizenz wurde ihm entzogen, ein Berufsverbot in Großbritannien erlassen. Daraufhin wurde die Studie auch vom Lancet zurückgezogen. Ein in der fast 200-jährigen Geschichte einmaliger Vorgang.

Diskurs ohne Betroffene

Mit diesem Wissen scheint es doch befremdlich, Wakefield zu einer Podiumsdiskussion einzuladen. Nachdem bereits die Ruhrbarone kritisch berichteten und auch Der Westen vor allem auf die kritische Rezeption des Films und die Reaktionen der Befürworter*innen und Gegner*innen hinwies, hat sich nun auch das Bundesministerium für Gesundheit auf Facebook zum Thema Impfung geäußert und auf ihre Wichtigkeit hingewiesen. Ebenfalls kritisch äußerte sich die Autismus Rosenheim eV. Und begrüßte, dass der Film im Citydome Rosenheim doch nicht gezeigt werden soll. Aus Sicherheitsbedenken hatte auch das Kino am Raschplatz in Hannover davon abgesehen, den Film vorzuführen.

Marianne Menze, Geschäftsführerin der Essener Filmkunsttheater GmbH,  sagt, sie habe keine Meinung zum Thema Impfen. Sie selbst würde ihre Kinder wahrscheinlich impfen lassen. Was sie dazu bewog, den Film trotz Protesten und Shitstorms zu zeigen, wären vor allem die Versuche einer moralischen Beeinflussung seitens der Impfbefürworter*innen gewesen: „‚Ihr unterstützt einen Verbrecher, ihr nehmt den Tod von Tausenden von Kindern in Kauf.‘ Das und mehr haben wir zu hören bekommen“, so Menze. Sie und ihr Team seien nach der Sichtung des Films hin- und hergerissen gewesen: „Allein schon der Titel ‚Vaxxed’ und dann das Wort ‚Wahrheit‘. Da werden wir immer etwas zurückhaltend, wenn jemand behauptet, er hätte die einzige Wahrheit auf seiner Seite.“ Die Podiumsdiskussion als Lösung bei der Entscheidung, den Film zu zeigen oder eben nicht? Die Geschäftsführerin stellt den Begriff des „mündigen Bürgers“ in den Raum und appelliert— ebenso, wie Impfgegner*innen und Impfbefürworter*innen — an die Moral: „Wenn man in unserem Land jetzt anfängt, durch einen Shitstorm Dinge zu verhindern, Diskussionen zu unterbinden, dann wird es sehr bedenklich. Wir leben noch immer in einem Land, in dem Debattenkultur einmal groß geschrieben wurde.“

Melanie Eckenfels, Journalistin, Aktivistin und Autistin, telefonierte im Vorfeld mit Menze. Sie beschreibt das Gespräch als konstruktiv: „Sie hat sich zumindest angehört, was ich ihr zu berichten hatte. Das wird leider voraussichtlich die Aufführung heute Abend nicht verhindern, jedoch hoffentlich in der Zukunft etwas bewirken können“, so Eckenfels. Diese Reaktion sei eher eine Ausnahme, mehrheitlich bekommt die Journalistin, die sich dafür engagiert, dass der Film nicht in deutschen Kinos gezeigt wird, negative Reaktionen seitens der Kinobetreiber*innen. Ihr erster Kommentar etwa wurde direkt gelöscht und sie ohne weitere Reaktion geblockt: „Das hat mich erst recht ärgerlich gemacht, denn wenn ich über eine Gruppe berichte und diese nicht zu Wort kommen lasse, ist das in keiner Welt auf irgendeine Weise okay“, so Eckenfels.

„Wakefield ist einer von relativ vielen Gruppen oder auch Interessenten, die Autismus benutzen  um ihre Agenda zu transportieren. Dafür ist es den Leuten sehr wichtig, Autismus besonders dramatisch darzustellen, als besonders schädlich. Da kommt immer wieder auf, dass Familien dadurch zerstört werden und die Eltern verzweifeln. Es wird ein Bild von Autismus geschaffen, das nicht der Realität entspricht“, so äußert sich Eckenfels in Bezug auf das Bild, das der Regisseur von Autismus konstruiert. Besonders stört sie, dass Betroffene und ihre Angehörigen nicht zu Wort kommen, da Impfgegner*innen und Personen wie Wakefield den Diskurs dominieren würden. Und das schade nicht nur dem gesellschaftlichen Diskurs um das Thema, sondern vor allem auch allen Betroffenen: „Es ist für mich auch persönlich beleidigend, weil ich merke, dass ich missbraucht werde. Ich werde missbraucht von einigen Betrügern“, so Eckenfels. „Gerade beim Thema Autismus herrscht schon genug Unwissenheit — dieser Film macht es den Menschen mit Autismus in der Gesellschaft nur noch schwerer“, äußert sich auch Nadine Noren, Vorstand von Autismus Rosenheim e.V., in einer öffentlichen Stellungnahme zu Vaxxed.

„Ich würde jetzt gern den Film der Gegenseite sehen“

Die anschließende Podiumsdiskussion zeigt, wie hart umkämpft das Thema Impfen ist, wie sehr es die Gemüter erhitzt. Sachliche Kritik gegenüber der Pharmaindustrie und dem Einfluss ihrer Lobby macht sich bemerkbar, es werden jedoch auch Verschwörungstheorien gesponnen — etwa von einem Besucher, der behauptet, eine Masern-Studie der Universität Witten-Herdecke wäre auf Eingreifen des Robert Koch-Institutes beendet worden. Kinderonkologe Längler aus Herdecke stellt richtig: „Zu der Zeit gab es — eigentlich Gott sei Dank, in diesem Fall aber leider — zu wenig Masernfälle. Deshalb stellten wir die Studie ein.“

Zu Anfang der Diskussion kommt Amtsarzt Kundt zu Wort, er empfindet vieles von dem Gezeigten auch als beunruhigend, sagt jedoch auch deutlich, dass er den Film als einseitig sehe und nun gern das Ganze aus einer anderen Perspektive sehen würde, etwa der seinerseits von Wakefield des Betrugs beschuldigten amerikanischen Behörde Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Darauf schallen ihm höhnische Rufe aus dem Publikum entgegen, dass die Gegenseite ja nicht habe mitmachen wollen bei der Produktion des Films.

Wakefield ergreift das Wort nur auf direkte Anfrage, er hält sich eher bedeckt. Er wirkt starr, antwortet auf Fragen nicht immer passend, sondern wiederholt vielmehr Aussagen aus seinem Film. Die Antworten wirken vielmals wie Worthülsen: Das Publikum stellt generelle Fragen zum Impfen, er spricht nur vom angeblichen Betrug der CDC. Zur Impfsituation in Europa oder Deutschland ist er vermutlich nicht informiert. Überhaupt drängt sich die Frage auf, inwiefern der Film — von seiner fragwürdigen Machart einmal abgesehen — für Menschen außerhalb der USA von Interesse sein könnte.

Keine Fragen zum umstrittenen Regisseur

Der Grund, weshalb dort etwa so früh geimpft wird, ist, dass es keinen gesetzlichen Anspruch auf Mutterschutz und Elternzeit gibt. Als Folge müssen Eltern ihre ein paar Monate alten Kinder in Krippen oder zur Tagesmutter bringen — und dort herrscht wie auch in Kindergärten und Schulen Impfpflicht. In Deutschland hingegen herrscht keine Impfpflicht, was Amtsarzt Kundt begrüßt: „Das würde uns überhaupt nicht weiter bringen. Da hilft nur Aufklärung.“ Dass Impfungen nicht immer strikt nach dem Impfkalender durchgeführt werden müssen, darin sind sich Arzt Kundt und Kinderonkologe Längler einig. Es sei lediglich eine Empfehlung, welche auch aus organisatorischen Gründen so gegeben werde — damit etwa allgemeine Vorsorgeuntersuchungen und Impftermine zusammen fallen, erläutert Längler.

Moderatorin Kostrzewa sowie die beiden Ärzte Kundt und Längler betonen immer wieder, dass es nicht um ein generelles ‚Ja‘ oder ‚Nein‘ zum Impfen gehe, sondern jede*r die eigene individuelle Entscheidung für sich treffen müsse, wann welche Impfung Sinn mache. „Meine Erfahrung als Medizinjournalistin seit über 20 Jahren ist, dass beim Impfen die Datenlage sehr schwierig und dünn ist“, so Kostrzewa. Längler und Kundt machen ebenfalls keinen Hehl daraus, dass sie sich unabhängige Forschung wünschen würden und eine größere Vielfalt an Herstellern statt Monopolisten wie Glaxo Smith Kline und Merck.

Der Regisseur des Films stellte zu Anfang der Diskussionrunde beiläufig fest, dass er keine Fragen zu seiner Person beantworten werde. Er versuchte durchgehend, von seinem eigenen ethisch und wissenschaftlich unkorrekten Verhalten durch den von ihm vermeintlich aufgedeckten und bislang nicht bewiesenen Betrug der CDC abzulenken. „Der Film ist über Betrug beim CDC. Dem schlimmsten medizinischen Betrug in der Welt“, so Wakefield. Er scheut sich auch nicht, auf die Tränendrüse zu drücken, als einer seiner Anhänger anspricht, dass Wakefield seine Approbation in Großbritannien fälschlicherweise verloren habe. Der Zuhörer fragt darauf, wie es nun mit ihm weitergehe. Seine Approbation, die könne er nicht mehr wiedererlangen — er stehe jetzt nur hier wegen dem Wohl der Kinder.