Antisemitismus: Tief in der Mitte verankert

Armin Langer, Yasmine Souhil und Juliane Wetzel auf dem Podium. (Foto: rod)

Über zwei Stunden sprachen etwa 50 Teilnehmende am vergangenen Dienstag, 2. Mai, am Essener Campus über Antisemitismus im 21. Jahrhundert. Das Internationale Referat hatte dazu Dr. Juliane Wetzel, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Antisemitismusforschung an der TU Berlin und Armin Langer, Publizist und Student der jüdischen Theologie zur Diskussion eingeladen. Ein Abend mit vielen Erkenntnissen.

Seit Dezember 2014 erfasste der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus die gesamtgesellschaftliche Entwicklung des Antisemitismus anhand diverser Statistiken zu beispielsweise Straftaten und Tendenzen zu antisemitischen Einstellungen in der Bevölkerung. Stellvertretend präsentierte Dr. Juliane Wetzel den Studierenden die Ergebnisse. Auch die Opferperspektive wurde in der diesjährigen Darstellung gewürdigt. Daran angelehnt betonte auch Yasmine Souhil, Referentin des Internationalen Referats, ihre Bedeutung und begründet damit die Einladung von Armin Langer.

Große Zustimmung für israelbezogenen Antisemitismus

Die Veranstaltung begann mit einem Input von Dr. Wetzel zu den Formen des Antisemitismus. Der Begriff beschreibe ausschließlich die „Feindschaft gegen Juden als Juden“. Aus dem Bericht geht hervor, dass der sekundäre Antisemitismus grassiert. Laut dem Expertenkreis gehe es dabei um „Holocaustleugnung, Täter-Opfer-Umkehr, […] vermeintlich jüdische Vorteile, also Schuldprojektion“, dieser umfasse aber auch die „Anwendung […] auf Israel im Vergleich mit dem Nationalsozialismus“.

So zog Wetzel auch die Überleitung zu einer weiteren Erscheinung, die gesamtgesellschaftlich verinnerlicht sei: den israelbezogenen Antisemitismus. So heißt es im Bericht: Laut der „FES Mitte-Studie 2014 vertraten 28 Prozent der Befragten die Auffassung, ‚bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat‘. Dieser Wert stieg in der FES-Mitte-Studie 2016 auf 40 Prozent an.“ Offen antisemitische Einstellungen seien derzeit rückläufig, dennoch würden Menschen in der „Mitte der Gesellschaft bis zu 20 Prozent antisemitischen Aussagen zustimmen.“

Ein Jude in Neukölln

Ein Blick auf antisemitische Straftaten gab wieder, dass diese in 90 Prozent der Fälle auf eine extrem rechte Ideologie zurückzuführen seien. Der Rest gehe auf radikal linke und auf „politisch motivierte Kriminalität (PMK) Ausländer“ zurück. Wetzel kritisierte den Begriff, als sie sagte: „Es geht nicht um Ausländer, sondern um Ideologien“. Außerdem sei in der Statistik besonders auffällig, dass bei Eskalationen im Nahost-Konflikt auch die antisemitischen Übergriffe anstiegen.

Mit einem Fazit schloss Wetzel ihre Ausführungen und gab das Mikro an Armin Langer weiter. Er gab zunächst einen Einblick in seine Biographie und Arbeit mit der 2013 gegründeten Initiative Salaam-Schalom-Initiative. Diese sei entstanden als „Reaktion auf die Debatte, ob Berlin-Neukölln eine Gefahrenzone für Juden ist“. Laut Langer ist dies nicht der Fall, er selbst wohne neben einer Moschee des Dachverbandes Ditib, einer Schwulenkneipe und einem israelischen Café. Er steht für seine Zusammenarbeit mit dem als AKP-nah geltendem Dachverband Ditib in der Kritik.

Rund 200 Mitglieder habe die Initiative mittlerweile. Man bekämpfe gleichermaßen Ressentiments gegen Jüd*innen, Muslim*as und andere Minderheiten. Angesprochen auf die Überschneidungen zwischen Antisemitismus und Antizionismus befand Langer, dass man differenzieren müsse. Eine Karikatur bei der der aktuelle israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu als Blutsauger von palästinensischen Kinder dargestellt werde sei „jedenfalls klar antisemitisch“, stellte er fest.

Bildung als Präventionsmaßnahme

Angesprochen auf Boykott-Kampagnen gegen Israel (akduell berichtete) waren sich beide Referent*innen einig, dass diese „gerade in Deutschland […] einen hochproblematischen Hintergrund“ hätten. Armin Langer jedoch würde diese nicht „pauschal als antisemitisch bezeichnen“, trotz der zentralen Aufrufe in denen israelische Wissenschaftlicher*innen boykottiert werden sollten.Nachdem die beiden Gäste über antisemitische Ressentiments referiert hatten, folgte eine Diskussion, die sich um die Prävention vor Antisemitismus drehte. Insbesondere die Frage, ob Sozialarbeit mit den Besuchen von NS-Gedenkstätten eine sinnvolle Maßnahme sei, bewegte die Runde. Dabei stellte Juliane Wetzel eine kuriose Behauptung auf: Der Holocaust habe „nicht in Deutschland stattgefunden“, was sie nach einer scharfen Kritik der Teilnehmenden aber relativierte.

Insgesamt einigte man sich darauf, dass es einen Mangel in der Bildung gebe. Sowohl Lehrer*innen als auch Studierende würden nicht aufgeklärt, was auch im Bericht kritisiert wird. Dem schließt sich die Forderung an, dass es eine breitere Aufklärung und Prävention geben müsse, um dem Thema langfristig zu begegnen.