CSD: „Schon wieder Schilder malen“­

Jugendliche vom Jugendzentrum Pulse tanzten sich zweieinhalb Stunden bei der CSD-Parade durch Düsseldorf. (Foto: rod)

Regenbögen, wo man hinsieht. Bei über 30 Grad Celsius wurde am Freitag 26. Mai, in Düsseldorf die Christopher Street Day (CSD)-Saison in NRW eingeläutet. Etwa 1.500 Menschen tanzten, tranken und demonstrierten bei der jährlichen Parade zu den Liedern von Helene Fischer durch die Innenstadt. Was sie wollen? Gleiche Rechte für alle und keine Diskriminierung mehr aufgrund der sexuellen Orientierung oder des selbstgewählten Geschlechts. Eigentlich unfassbar, aber auch im Jahr 2017 muss dafür in Deutschland noch auf die Straße gegangen werden. Ein Abstecher auf die Parade.

„Geht nicht – gibt’s nicht“ war das Motto des CSD am Rhein. Gemeint ist damit die ‚Ehe für alle‘. 27 Mal wurde das Thema in dieser Legislaturperiode wieder von der Tagesordnung des Bundestages genommen. Zuletzt sollte am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Trans- und Biphobie (IDAHOT*), endlich für die Eheschließung gleichgeschlechtlicher Paare im Parlament abgestimmt werden. Doch selbst an diesem Datum wurde die Abstimmung vertagt. „Wir sind es leid, immer wieder das gleiche Lied zu singen, weil es die Politiker*innen in Berlin nicht gerafft kriegen, das endlich durchzuwinken“, sagt Kalle Wahle, Vorsitzender des CSD Düsseldorf.

Verbohrt konservativ gegen die Mehrheit

Das ständige Hinauszögern liegt vor allem an einer Partei: Der CDU. Obwohl 83 Prozent der Menschen hierzulande für die Eheöffnung sind, sperrt sich die konservative Partei. Zuerst überredete sie die FDP, jetzt die SPD in Koalitionszwang nicht dafür abzustimmen. „Inhaltlich ist die SPD ja dafür. Aber es ist eine Abwägungsfrage: Gerade im Hinblick darauf, dass man auch in Zukunft als Koalitionspartner wahrgenommen werden will, auf den man sich verlassen kann“, sagt Thomas Peußer von den Jusos Düsseldorf, der beim CSD die ‚Ehe für alle’ fordert und mitläuft.

Bei den orangenen Partei-Ballons am Johannes-Rau-Platz sitzt derweil Sven Sprenger, Vorsitzender der Lesben und Schwulen in der CDU in NRW. Ihre Initiative für die Öffnung der Zivilehe sei ein Stachel in ihrer Partei, auch wenn man merke, dass es einen Wandel in der Union gebe. „Es gibt nach wie vor sehr konservative, christlich geprägte Politiker und Funktionäre für die die völlige Gleichstellung homosexueller Menschen schwer vorstellbar ist“, so Sprenger. Mittlerweile bohre man aber schon durch die dicken Bretter.

„Wir sind auch Teil dieser Regenbogenfahne“

Die Bohrer scheinen sehr langsam zu bohren. Zu langsam für andere Demonstrierende bei der Parade: „Die Diskussion kenne ich gefühlt seit hundert Jahren in Deutschland. Es sollte so selbstverständlich sein, dass ich nicht zum hundertsten Mal ein Schild ‚Ehe für alle’ malen muss“, sagt Monica Brauer vom Verein kom!ma in Düsseldorf. Sie trägt mit ihren Mitstreiterinnen stattdessen ein regenbogenfarbenes Banner mit geschminktem Putin-Konterfei: „Der Künstler ist nach der Verbreitung verhaftet und in die Psychiatrie eingeliefert worden. Dieses Jahr wurde das Motiv in Russland verboten.“ Sie wollen auf die Verfolgung von LGBTIQ* (die englische Abkürzung für lesbische, schwule, bisexuelle, transgender, transsexuelle, intersexuelle und queere Menschen) in Russland und Tschetschenien aufmerksam machen.

International sind auch die Queer Refugees for Pride unterwegs, die mit eigenen Fahnen auflaufen: „Wir wollen zeigen: Wir sind auch hier und Teil dieser Regenbogenfahne“, sagt Alia Ghannum. Sie setzt sich unter anderem gegen die Einstufung von Ländern wie Bosnien als ‚sichere Herkunftsländer‘ ein – dort werden Homosexuelle verfolgt. Aber auch gegen die Unterbringung in Massenunterkünften mit ehemaligen Täter*innen und Angriffe auf LGBTIQ* gehe sie auf die Straße. Neben den Regenbogenfahnen schwenkten einige Teilnehmer*innen auch die blau-rosa-weiße Fahne für Trans*-Menschen.

Auch Nyke Slawik aus dem Landesvorstand der Grünen Jugend NRW. Die Transfrau erklärt: „Geschlechter sind momentan fremdbestimmt und wir brauchen bei einer Geschlechtsänderung bis heute psychiatrische Gutachten, nur um uns dann einen Krieg mit den Behörden zu liefern – oft über mehrere Jahre. Das ist alles andere als menschenrechtskonform.“ Es wird sich zeigen, ob der Gesetzesentwurf der Grünen für mehr Selbstbestimmung genauso lange debattiert wird, wie die Eheöffnung. Bis dahin wird weiter getanzt und protestiert.

Wer auch für Gleichstellung mittanzen will:
Am 9. Juli fährt der größte CSD Europas in Köln auf
Am 29. Juli gibt es den CSD in Duisburg
Am 5. August werden beim Ruhr-CSD in Essen die bunten Fahnen gehisst