Für ein soziales Zentrum: Hausbesetzung in Bochum

Für ein soziales Zentrum: Hausbesetzung in Bochum

Bochum-Hamme: 30 Menschen haben am Freitagabend, 19. Mai, ein leerstehendes Haus in der Herner Straße 131 besetzt. Seit Mitte 2016 ist eine Zwangsversteigerung des Hauses geplant, es steht seitdem leer. Die Hausbesetzer*innen wollen das Ladenlokal zum sozialen Zentrum machen und bezahlbaren Wohnraum schaffen.

Das Ruhrgebiet ist ein Ballungsraum für 5,1 Millionen Menschen. Einst war es als industrielle Herzkammer der Bundesrepublik bekannt, mit Arbeiter*innen, die ihren Wohnsitz neben den Fabriken hatten. Seit der Kohlekrise 1958 wurde der Strukturwandel eingeläutet, mit neuen ökonomischen Grundlagen ein Fokus auf Dienstleistung, Bildung, Kunst und Kultur gelegt.

Damit veränderte sich auch das Wohnen. Früher noch an die Fabriken gekoppelt und später in die Hände der Kommunen übertragen, steht heute die systematische Aufwertung von beliebten Stadtteilen im Fokus. Damit geht eine starke Steigerung der Mietpreise einher. Wo früher Häuser besetzt wurden, die in öffentlicher Hand waren, sind sie heute oft Privateigentum.

Seit Freitag besetzen Aktivist*innen ein Gebäude in Bochum. (Fotograf*in der Redaktion bekannt)

Vor fast 17 Jahren

Daraus folgt für viele Interessensgemeinschaften aus den Vierteln das sogenannte Recht auf Stadt. Im Film Das Gegenteil von Grau werden diese beleuchtet (akduell berichtete). In diese Riege fügt sich die Initiative Squat Bochum ein. Im Fokus steht seit Längerem das Haus in der Herner Straße 131, wie Adrian Thomasson, einer der Besetzer*innen der akduell am Samstag erklärte.

„Das ist die erste Besetzung seit 2000. Damals wollten viele Bochumer die alte Feuerwehrwache zu einem antirassistischen Zentrum machen,“ sagt Adrian. Er gibt sich zuversichtlich. „Wir erfahren großen Zuspruch, viele Nachbar*innen, auch aus den hier umliegenden Häusern, haben uns schon besucht,“ resümiert Adrian die knapp 24 Stunden im Haus.

Auch mit der bisherigen Eigentümerin habe man gesprochen, diese habe sich in Zurückhaltung geübt. Ebenso die Bochumer Polizei, die zwar „verstärkt hier Streife fährt, den Ort aber zuletzt mit den Worten ‚Macht doch was ihr wollt‘ verlassen hat,“ erläutert Adrian die Kommunikation mit den Behörden. Gegenüber der WAZ bestätigte Polizeipressesprecher Jens Artschwager, dass sich „mehrere Personen unbefugt Zutritt zu dem Haus verschafft haben“. Die Maßnahmen würden derzeit „ergebnisoffen“ laufen, hieß es am Sonntag.

Die Mieten steigen weiter

An selbigem lud die Initiative zum Grillfest im Hinterhof ein, bis zu 140 Menschen sollen daran teilgenommen haben. Sie wollen „selbstorganisiert und ohne Konsumzwang“ einen Ort für das politische und kulturelle Zusammenleben schaffen. Besonders attraktiv ist für Adrian die demografische Zusammensetzung vom Stadtteil Hamme: „Hier leben viele Migrant*innen und Studierende, für die ein sozialer Freiraum ebenfalls eine Alternative sein kann,“ sagt er.

Auf den Flyern, die die Aktivist*innen im Viertel verteilen, beklagen sie, dass „einige Menschen gar keinen Zugang haben zu gutem Wohnraum“. Damit spricht Squat Bochum ein bundesweites Problem an. Zwar ist die Mietsituation in Bochum vergleichsweise entspannt (akduell berichtete), doch auch hier sind die Mietpreise seit 2012 um 11,9 Prozent gestiegen. 6,21 Euro kostet der Quadratmeter im Durchschnitt, wie correctiv.ruhr im April diesen Jahres mit Daten des Forschungsinstituts Empirica recherchierte.

Unklare Verhandlungsposition

Neben der grundsätzlichen Mietsituation, gibt es aber Probleme mit dem Haus: Laut einem Gutachten belaufen sich die Renovierungskosten auf 380.000 Euro. Davon lassen sich die Besetzer*innen nicht abschrecken: „Kosten, die wir bei einer erfolgreichen Verhandlung bezahlen müssten, beziehen sich vor allem auf das Material,“ sagt Adrian und ergänzt: „Wir haben hier viele gut ausgebildete Kräfte, die gerne am und im Haus arbeiten würden“.
Wie die Chancen stehen, dass die Besetzer*innen erfolgreich sein werden, ist unklar. Die Polizei hat gegenüber der WAZ angekündigt in dieser Woche aktiv werden zu wollen. Die Zwangsversteigerung ist zudem für den 22. Juni 2017 im Bochumer Amtsgericht angesetzt. Sollte die Besetzung bis dahin anhalten, wird sich zeigen wie die Verhandlungen mit den potenziellen Eigentümer*innen verlaufen.