Gemeinsam lernen, gemeinsam stark sein

Gemeinsam lernen trotz erhöhtem Förderbedarf – so funktioniert Inklusion an der Geschwister-Devries-Schule.
( foto: mindjazz pictures)

Mit der Ratifizierung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen im Jahr 2009 hat sich Deutschland verpflichtet Inklusion auch in der Schule zu etablieren. Doch das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Förderbedarf ist Ländersache. Nicht überall in Deutschland hat sich der inklusive Unterricht seitdem so entwickelt wie er sollte. Das zeigt auch der Dokumentarfilm Ich. Du. Inklusion. – Wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft von Thomas Binn. Was der Film jedoch allem voran porträtiert: Wie viel Energie und Willen alle Beteiligten in die Förderung der benachteiligten Kinder investieren.

Morgen ist es soweit. Erster Schultag. Die Schultüte ist gepackt, die Klassenzimmer geschmückt. „Wir wollen, dass sich alle hier wohlfühlen. Wir versuchen ihnen zu vermitteln, dass sie gut sind wie sie sind“, sagt Grundschullehrerin Helga Heß in die Kamera. Es ist Spätsommer 2014. Einige Wochen zuvor hatte der Schulleiter der Geschwister-Devries-Schule in Uedem, Johannes Nolte, die Klassenzusammensetzung festgelegt. Die Grundschulklasse von Frau Heß wird in diesem Jahr zum ersten offiziellen Inklusionsjahrgang der Schule zählen. Fünf lerneingeschränkte Kinder wurden der Klasse zugeteilt. Dazu zählen auch Andreas und Miguel.

Seit Sommer 2014 haben Kinder mit unterschiedlichem Unterstützungs- und Förderbedarf in Deutschland einen Rechtsanspruch auf gemeinsamen Unterricht an Regelschulen. Seitdem können Eltern entscheiden, welche Schule das Kind künftig besuchen wird. Durch die Rechtsprechung wurden viele Förderschulen geschlossen. Das Thema Inklusion spaltet – das zeigte nicht zuletzt der Landtagswahlkampf in NRW. Während die einen schon lange der Meinung sind, dass nur gemeinsamer Unterricht allen Beteiligten zu Gute kommt, sind andere der Ansicht, dass behinderte Kinder nichts an regulären Schulen zu suchen haben – da sie somit die restlichen Schüler*innen am entsprechenden Lernprozess hindern würden.

„Was ist eigentlich behindert?“, fragt Regisseur Thomas Binn in die Runde. Ein Junge meldet sich und meint, dass einige andere Kinder als ‘behindert’ beleidigen würden, wenn sie sie nicht mögen. Ein weiteres Kind sagt daraufhin, behinderte Kinder seien solche, die langsamer lernen oder körperlich eingeschränkt seien.

Anspruch trifft auf Wirklichkeit

Zwei Jahre lang, vom Sommer 2014 bis 2016 hat der Filmemacher Helga Heß‘ Schulklasse begleitet. Insbesondere dabei auch Andreas und Miguel. Binns Film Ich. Du. Inklusion. – Wenn Anspruch auf Wirklichkeit trifft zeigt die beiden im Unterricht, aber auch auf dem Weg zur Schule, beim Hausaufgaben machen und beim Spielen mit anderen Klassenkamerad*innen. Fast immer mitten drin: Sozialpädagogin Karin Winkels-Brinkmann. Sie unterstützt die hilfsbedürftigen Kinder einige Stunden pro Woche bei den Aufgaben im Unterricht und ist somit auch für die Lehrerin eine Entlastung. „Aber auch mit aller Hingabe und Liebe – wir können die Kinder nicht optimal fördern“, bedauert sie. Denn so sehr sich beide im Team-Teaching auch bemühen: Bei fünf förderbedürftigen Kindern von insgesamt 21 Schüler*innen bleibt oftmals nicht genug Zeit, um alle angemessen zu betreuen. Wichtig ist auch, dass zieldifferent gelernt werden soll.

Gemeinsam mit dem Regisseur sollen die Kinder nun ein Theaterprojekt auf die Bühne stellen. Zentrale Aussage des Stückes: Wir sind alle anders, aber genau das macht uns stark. Die Kinder stellen unterschiedliche Tiere dar, mit deren Stärken und Schwächen. Das Stück bildet den Rahmen des Films, es wird immer wieder darauf zurückgegriffen. Beeindruckend dabei: Wie differenziert und klar manche der Kinder mit ihren sechs Jahren sich bereits mit dem Thema Behinderung auseinandersetzen, ja, wie selbstverständlich es für sie zu seien scheint, dass da eben ein paar in der Klasse sind, die etwas langsamer lernen oder etwas schlechter sprechen. Der, der im Verlauf des Films am meisten Schwierigkeiten hat, Anschluss zu finden, ist Miguel. Er kommt nicht hinterher, wird im Unterricht aggressiv und verzieht sich lieber in die Spielecke statt Lesen und Rechnen zu üben. „Er ist auf dem Stand eines Drei- oder Vierjährigen“, unterrichtet Sonderpädagogin Winkels-Brinkmann Schulleiter Nolte. Anders sieht es hingegen bei Andreas aus: Auch, wenn er manchmal länger beim Schreiben und Lesen braucht, hat er dafür mit Mathe weitaus weniger Probleme.

Zu wenig pädagogische Unterstützung

Durch den Rechtsanspruch von förderbedürftigen Kindern auf inklusiven Unterricht ist auch der Bedarf an Sonderpädagog*innen erheblich gestiegen. Die meisten müssen mehrere Schulen unterstützen. „Bei der Zahl an Kindern, die Förderung benötigen, wäre eine Sonderpädagogin 2013 17 Stunden wöchentlich in der Klasse gewesen. Die Stundenzuweisungen gibt es aber nicht mehr und sind jetzt pauschalisiert worden. Die Sonderpädagogin darf die Klassenlehrerin laut ihres Auftrags nur noch flankierend unterstützen. Mit sieben Stunden in der Woche“, sagt Regisseur Binn. Somit verkürzt sich die zeitliche Zuwendung pro lernbehindertem Kind – und reduziert die Chance für diese Kinder vollständig am Unterrichtsgeschehen teilnehmen zu können.

Im Jahr 2015 urteilte der UN-Ausschuss, dass Inklusion in Deutschland noch lange nicht da ist, wo sie eigentlich sein sollte. Insbesondere ein inklusives Bildungssystem sei dringend in allen Bundesländern einzuführen, so die Empfehlung. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus dem gleichen Jahr zeigte weiterhin, dass bereits jedes dritte Kind mit Behinderung eine Regelschule besucht, wobei der größte Anteil davon in Grundschulen zu finden sei. Nur knapp jeder Zehnte der rund 71.000 Schüler*innen mit Förderbedarf in Deutschland besucht demnach eine weiterführende Schule. Große Unterschiede gibt es dabei auch zwischen den Bundesländern: Während in Bremen der Inklusionsanteil 2016 bei knapp 77 Prozent lag, war er in Nordrhein-Westfalen, wo auch die Geschwister-Devries-Schule in Uedem liegt, mit 33 Prozent erheblich geringer.

„Der Verband Lehrer NRW stellte fest, dass das vielerorts konstatierte Recht auf schulische Inklusion schlicht auf einer Fehlinterpretation der Behindertenrechtskonvention der UN beruht“, erläutert Binn. „Das ganze System ist letztlich auf privates Engagement angewiesen“, sagt auch Schulleiter Nolte. So zeigt der Film Eltern, die tagtäglich mit den Kindern die Hausaufgaben bewältigen, sich durch Bürokratie wühlen und Lehrer*innen-Gespräche führen müssen. Daneben sind es jedoch allen voran die Kinder, die im Vordergrund dieses Films stehen. Kinder, die gemeinsam lernen und lachen, sich gegenseitig helfen und am Ende ein Theaterstück präsentieren, das eine starke Message sendet: „Ich bin anders und du bist anders, aber zusammen lernen wir voneinander und miteinander“.

Aufführungen

Wann? Montag, 29. Mai und Dienstag, 30. Mai, jeweils um 18 Uhr
Wo? Endstation Kino im Bahnhof Langendreer Bochum, Wallbaumweg 108, 44894 Bochum
Wie viel? 8 Euro (erm. 7 Euro)