Gesetzesbruch auf Kosten der Studierenden

Anwesenheitspflicht ist in vielen Studiengängen der UDE noch immer gängige Praxis. (Foto: rat)

Vor über zwei Jahren, am 16. September 2014, beschloss der nordrhein-westfälische Landtag das Hochschulzukunftsgesetz (HZG). Neben Regelungen zu Aufgaben und Finanzierung von Hochschulen sollte vor allem ein Abschnitt die Studierenden entlasten: Mit dem HZG wurde die Anwesenheitspflicht bei Lehrveranstaltungen zum Wintersemester 2014/15 offiziell abgeschafft. Dennoch sind heute noch immer vielerorts Seminare verpflichtend für Studierende.

„Tragen Sie sich dann bitte noch in die Liste ein“, sagt ein Dozent zu Beginn des Seminars. Verwirrte Blicke werden ausgetauscht. Eine Studentin meldet sich: „Ich dachte es gibt keine Anwesenheitspflicht?“, fragt sie ungläubig. „Sie müssen natürlich nicht kommen, aber Sie bekommen Credit-Points für die Teilnahme an der Veranstaltung“, erwidert der Dozent. „Und was, wenn ich öfter nicht erscheine?“, „Dann müssen Sie eine zusätzliche Leistung erbringen“. Auch, wenn der Dialog in dieser konkreten Form fiktiv ist – so oder so ähnlich läuft es invielen Seminaren an Universitäten in NRW ab. Und das, obwohl die grundsätzliche Anwesenheitspflicht seit 2014 nicht mehr eingefordert werden darf.

Schwammige Gesetzeslage wird ausgenutzt

Das HZG regelt in Paragraph 64, Absatz 2 (a): „Eine verpflichtende Teilnahme der Studierenden an Lehrveranstaltungen darf als Teilnahmevoraussetzung für Prüfungsleistungen nicht geregelt werden, es sei denn, bei der Lehrveranstaltung handelt es sich um eine Exkursion, einen Sprachkurs, ein Praktikum, eine praktische Übung oder eine vergleichbare Lehrveranstaltung.“ Vergleichende Lehrveranstaltungen sind solche, bei denen die Anwesenheit unbedingt erforderlich ist, damit ein „konkretes Lernziel“ erreicht werden kann. „Bei der Lehrveranstaltungsform des Seminars liegen diese Erfordernisse offensichtlich nicht vor“, hieß es in der Begründung des Landesministeriums für Innovation, Wissenschaft und Forschung. Bei Seminaren fehle es an der „Offensichtlichkeit einer belastenden Konnexität zwischen Lernziel und dem Erfordernis der Anwesenheit”. Vor allem für Studierende, die neben dem Studium andere Verpflichtungen wie Kinder oder Arbeit haben, sollte dieses Gesetz eine Entlastung bedeuten.

Viele Hochschul-Mitarbeiter*innen positionierten sich jedoch frühzeitig klar für die Anwesenheitspflicht. Sie sahen durch den Paragraphen im HZG ihre Arbeit entwertet. „Viele stützen sich auf die angebliche Wichtigkeit der Einübung des wissenschaftlichen Diskurses, trotz der praktizierten reinen Wissensvermittlung“, meint Simon Joshua Paul, Finanzreferent des AStAs an der Ruhr-Universität Bochum (RUB). Auch deswegen halten sich viele Fakultäten bis heute nicht an das Gesetz oder es wird von Dozierenden umgangen. Diese Umgehung wird dadurch begünstigt, dass sowohl der Paragraph selbst als auch die dazugehörige Begründung sehr schwammig sind. Denn was das „konkrete Lernziel“ ist, liegt im Zweifel im Auge der Dozierenden oder wird dementsprechend in der Prüfungsordnung geregelt. „Man versucht die Anwesenheitspflicht als hochschulditaktisches Handwerk beizubehalten“, kritisiert Paul.

Geisteswissenschaftler*innen im Nachteil?

In den Naturwissenschaften ist das weniger ein Problem als in den Geisteswissenschaften, meint Katharina Herbrich (Antihelden), Referentin für Hochschulpolitik im AStA der Universität Duisburg-Essen (UDE): „Dort gibt es sehr viele Veranstaltungen mit einer meist gerechtfertigten Anwesenheitspflicht, wie beispielsweise Laborpraktika oder praktische Übungen“. Zumindest was den Lehramts-Bachelor in Biologie angeht, scheint sich das nicht ganz bestätigen zu lassen. „Bei uns gibt es ein Seminar, bei dem wir nur einmal fehlen ‚dürfen‘, ab dem zweiten Mal müssten wir eine zusätzliche schriftliche Arbeit leisten. Dabei ist die Studienleistung schon ein Referat“, sagt UDE-Studentin Susanne*.

Auch in anderen Fächern sieht das Prozedere ähnlich aus. Negative Erfahrungen im Punkto Anwesenheitspflicht machte auch Johanna* in ihrem Germanistik-Studium: „Obwohl es vorher nicht angekündigt wurde, sollte ich, nach dem entschuldigten Verpassen eines Termins, ein mehrseitiges Protokoll zu dem verfassen und einreichen, was ich verpasst hatte. Sonst hätte ich keine Befugnis dazu, bei der Dozentin zu diesem Thema eine Hausarbeit zu schreiben.“ Solche oder vergleichbare Berichte von Studierenden liegen der akduell aus den Fächern Literatur und Medienpraxis, Kommunikationswissenschaften, Romanistik, Soziale Arbeit und Anglistik an der UDE vor.

Nach Ansicht von Katharina Herbrich liegt die erhöhte Problematik in den Geisteswissenschaften auch an der allgemeinen Struktur der verschiedenen Studiengänge und derer Prüfungsordnungen: „Viele Veranstaltungen werden bewusst so deklariert, sodass formal eine Anwesenheitspflicht gerechtfertigt zu sein scheint“, so die Hochschulreferentin. Es sei jedoch nicht zielführend Seminare in praktische Übungen umzubenennen, ohne dass sich der Inhalt oder die Struktur der Veranstaltung ändere.

Zumindest an der UDE lassen viele Dozierende, was die verpflichtende Teilnahme an Veranstaltungen angeht, mit sich reden: „Ich kann bestätigen, dass die meisten Dozent*innen bereits auf die ‚Rüge’ des AStAs mit dem bloßen Hinweis auf die Unzulässigkeit gemäß §64 des Hochschulgesetzes einsichtig reagieren und das Problem somit behoben ist“, sagt Herbrich. Nur in ganz seltenen Fällen müsse sich direkt ans Rektorat gewandt werden. „Oftmals trifft man aber auch auf komplettes Unverständnis“, relativiert Simon Joshua Paul vom AStA der RUB.

Genau draufgeschaut auf die Prüfungsordnungen

Problematisch könnte künftig werden, wenn Modulhandbücher insofern abgeändert werden, dass für Prüfungs- oder Studienleistungen eine Anwesenheit erforderlich ist. „An dieser Stelle ist die Aufmerksamkeit aller Studierenden, vor allem der studentischen Gremienvertreter*innen gefragt, die über solche Änderungen der Modulhandbücher mit abstimmen“, erläutert Herbrich. Fachbereichsräte bestimmen in der Regel über Ausnahmefälle der Anwesenheitspflicht in der Prüfungsordnung eines Studienganges. Das Vorschlagsrecht für diese Prüfungsordnungen liegt bei den Studienbeiräten, die zur Hälfte mit Studentenvertreter*innen besetzt sind. Fein raus sind dabei solche Studiengänge, deren Prüfungsordnungen vor Eintreten des Gesetzes 2014 akkreditiert worden sind.

In der Prüfungsordnung des Masterstudiengangs Literatur und Medienpraxis von 2013 heißt es beispielsweise: „Bei den Lehr-/Lernformen, in denen zum Erwerb der Lernziele die regelmäßige aktive Beteiligung der Studierenden erforderlich ist, ist die regelmäßige Anwesenheit der Studierenden verpflichtend.“ Dabei sind sowohl Praxisseminare und Exkursionen als auch Theorieseminare mit eingeschlossen. Konkrete Lösungsansätze, wie die Problematik bei der Anwesenheitspflicht angegangen werden kann, sind schwer zu finden. Ein Hochschulzukunftsgesetz, das in einem so wichtigen Punkt so viele offene Fragen und Schlupflöcher lässt, ist jedenfalls weder zukunftsträchtig noch fortschrittlich.