Google an der UDE

Google-Innovationschef Dr. Frederik Pferdt referiert regelmäßig zum Thema „Design Thinking” . (Foto: Keng Susumpow/flickr.com/ CC BY 2.0)

Zum wiederholten Mal hat das IDE-Kompetenzzentrum für Innovation und Unternehmensgründung einen Innopreneur in Residence ausgewählt. Diesmal referierte Google-Innovationschef Frederik G. Pferdt am Dienstag, 2. Mai, zum Thema „Innovationspotenzial freisetzen – Zukunft gestalten“. Außerdem startet im Wintersemester der neue Master Innopreneurship sowie eine Chancenkapitalplattform, um „die regionale Startup-Szene anzuregen“.

Das Audimax in Duisburg war überfüllt mit Anzugtragenden, Securitys warteten an den Eingängen als Pferdt um 17 Uhr, von bunten Animationen begleitet, den Vortrag begann. Als Innopreneur (ein Mischwort aus Innovation und Entrepreneur) spricht er davon, dass Innovation keine einmalige Angelegenheit sei, sondern eine konstante Art zu denken und zu handeln. Pferdt erzählt von einer „gesunden Missachtung des Unmöglichen“ und dass er jeden Tag einen anderen Weg zur Arbeit suche. Zum innovativen Denken gehöre Offenheit und Optimismus, sich von Gewohntem zu lösen, zu experimentieren.

Das müsse auch in der Unternehmenskultur verankert sein. Eine wichtige Bedingung für Innovation sei die emotionale Sicherheit bei den Mitarbeitenden: dass sie naive Fragen stellen dürfen und neue Blickwinkel zugelassen werden sowie dass ihnen empathisch begegnet wird. Räume und Bedingungen müssen geschaffen werden „etwa mit Workshops, Begegnungszonen oder der Garage, einer Tüftelwerkstatt auf dem Firmengelände, um Dinge schnell auszuprobieren“. Auch Vertrauen sei wichtig, das bei Google durch den sofortigen Zugang zu allen Projekten und Daten hergestellt würde und dass auch Vorgesetzte Fehler zugeben. Jede*r Google-Mitarbeiter*in solle sich so als Teil eines gemeinsamen, großen Projektes fühlen. Das moderne, neue Unternehmen Google schaffe es, jedes kreative Potenzial optimal auszuschöpfen und zu verwerten, um immer wieder neue Produkte offerieren zu können.

Innovation außerhalb vom Silicon Valley?

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion sitzen neben Pferdt zum Beispiel Georg Kassel, Vorstandsmitglied bei e.on, und Professor Dr. Kaiser, der in NRW drei Unternehmen gründete. Gesprochen wird über die regionale Gründerszene und mögliche Start-up Projekte. Zum Beispiel durch eine Förderung vom Energieriesen e.on, der sich selbst aus der „Comfort-Zone“ heraus im „Change-Prozess“ befinde. Laut Pferdt beeinflusse die Umgebung die Innovationskraft. Jede Region solle sich auf ihre Stärken konzentrieren (diese seien in NRW Großindustrien und eine hohe Arbeitnehmer*innenaktivität). Auch die Rahmenbedingungen seien relevant, schließlich dürfe der Innovationsprozess nicht dauernd von den großen auf kleinere Unternehmen verschoben werden, da sich Größere keinen Fehler erlauben dürften. Kleinere Unternehmen hätten jedoch nicht die Kapitalausstattung zum Experimentieren, welche dann auf die Wisschenschaft verweisen, die wiederum meint, die Aufgabe läge beim Staat, der schlussendlich behaupte, das müssen große Unternehmen regeln. So entstehe ein Kreislauf, in dem niemand innovativ sei. Laut Kaiser sind es auch besonders mittelständische Unternehmen die die Rhein-Ruhr-Landschaft prägten. Schließlich ist man(n) sich einig, dass junge Start-ups in der Region gefördert werden müssen.

Nachhaltigkeit und Parität?

Beim Podium waren ausschließlich Männer geladen. Auch Pferdt kritisiert, dass die IT-Szene männlich dominiert sei und wirft eine Vision von Google als das paritätischste, inklusivste Unternehmen auf. Konkrete Maßnahmen dahingehend werden jedoch nicht genannt. Auf die Frage, was Nachhaltigkeit im Google-Unternehmen bedeute, antwortet Pferdt mit einer Anekdote des Google-Gründers Larry Page, dass jede Innovation, die nicht wie eine Zahnbürste von den Menschen zweimal am Tag benutzt würde, nicht nachhaltig sei.

Der „Dirty Data Report“ von Greenpeace wies 2011 bereits auf den erheblichen Stromverbrauch von Googles Datenzentren hin. Der Konzern für Internet-Dienste bezieht jedoch etwa 50 Prozent seines Stromverbrauchs von erneuerbaren Energien. Doch auch außerhalb des Umweltaspekts weben sich um Google Fragen wie Datenraub und Datenschutz, Download und Urheberrecht, Freiheit und Überwachung. Auch das All-in-One-Arbeitspaket, in dem die Mitarbeitenden mit Essen, Spiel und Sportmöglichkeiten versorgt werden und somit die Grenze von Arbeit und Freizeit vollständig verschwimmt, ist zu kritisieren. Auch das ist Teil der modernen Unternehmenskultur: Beim Umgang mit Mitarbeitenden und bezüglich Innovationskraft wird der Konzern von vielen jedoch immer noch als Vorreiter gesehen. So auch von der Universität Duisburg-Essen, die unter anderem deswegen eingeladen hat.

Wissenschaft und Wirtschaft: Zukunft gestalten?

Die Uni versucht gerade mit verschiedensten Projekten, wie dem „Innovation HUB“, in dessen Rahmen die Veranstaltung stattfand, die Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu sein. Dazu gehören auch die regionalen Start-up-Innovationslabore, die vom Bund und der EU mit 43 Millionen Euro in NRW gefördert werden. „Sie bieten den Absolventinnen und Absolventen aus den Hochschulen und jungen Start-ups ein maßgeschneidertes Programm, um ihre Gründungsidee zu entwickeln“ so NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD). Außerdem würde notwendiges, branchenspezifisches Know-how und erfahrene Ansprechpartner*innen aus der Wirtschaft vermittelt. Besonderer Fokus liegt auf technologieorientierte Unternehmensgründungen, der Überführung von Ideen zu Produkten.

Die sich gerade im Aufbau befindende „Chancenkapitalplattform“ der UDE soll Gründenden die Möglichkeit bieten, Kapital aus der Region anzusammeln. Besonders „wissensbasierte Gründungen aus der Universität Duisburg-Essen“ sollen hiermit gefördert werden – auch, um gesellschaftliche Probleme zu lösen (und das Prestige und die Netzwerke der Uni zu vervielfältigen).

Ein gesellschaftliches Problem kann aber zum Beispiel auch das Profitstreben von Unternehmenden sein, das zu Rücksichtslosigkeit führt, Hierarchien am Arbeitsplatz, Machtgefälle zwischen Arbeitgebenden und -nehmenden. Gerade Arbeitnehmer*innen müssen vorgefertigte Jobs annehmen, damit wird ihnen die Möglichkeit genommen, das Unternehmen und damit auch in der Zukunft der Warenwelt mitzureden. Wenn die Frage aufkommt, wer die Zukunft, auch regional, gestaltet, so liegt es hoffentlich nicht weiter nur in der Hand von profitorientierten Unternehmenden oder denjenigen, die an der UDE ab 2017 Innopreneurship studieren. Denn eine zukunftsfähige Gesellschaft sollte vom Wissen aller, nicht nur studierter Menschen, profitieren.