„Ist die Zukunft klausurrelevant?“

Das geht: Uni mal draußen. Nur, dass es hier um die Zukunft der Bildung ging. (Foto: mac)

„Mach kaputt, was dich kaputt macht“, sang schon Rio Reiser 1970. An der Universität Duisburg-Essen kommen 47 Jahre später Studierende zusammen, um über das zu sprechen, was sie an ihrer Hochschule kaputt macht. „Bildungskritische Woche“ nannten sich die Aktionstage des AG Bildungskritik vom 9. bis 12. Mai auf dem Duisburger Campus. Die Fragen: Was ist Realität an der Hochschule, was Utopie und wie schafft man den Sprung zu letzterem?

Eine Stehlampe, drei Teppiche, Sofas und eine Flipchart – fertig ist das Sofacafé. Vor dem LX Audimax auf dem Campus Duisburg machten die Studierenden beim Abschlussplenum der bildungskritischen Woche am 12. Mai genau das, was sich viele an sonnigen Tagen wünschen. Sich draußen austauschen statt im fensterlosen Seminarraum zu pauken. Im Halbkreis sammelten sie ihre Zustandskritik für die Hochschulbildung. Und die DIN A2-Blätter auf dem Aufsteller füllten sich.

Konkurrenz statt Kooperation

„Seit Bologna haben wir einfach nicht mehr die Freiräume, um unser Studium selbst zu gestalten“, sagt Vincent von der AG Bildungskritik. „Viele denken mittlerweile, dass sie einfach zum Fachidioten werden. Dabei sollte Studium mehr sein – man sollte sich auch in anderen Kontexten bilden“, so der Duisburger weiter. Für die Studierenden, die auf der Wiese diskutierten, fehlten in der Universität die Möglichkeiten zur Selbstorganisation und dem gemeinsamen Lernen. Ein Studium sei lediglich eine Ausbildung mit verschultem Modulsystem und Punkten. Konkurrenz stehe vor interdisziplinärem Austausch.

Nicht nur Studierende, auch Soziologiedozentin Glaucia Peres da Silva kritisierte die Studienbedingungen bei der Aktionswoche. Gemeinsam diskutierte sie mit einem Vertreter der anarchistischen Gruppe Schwarze Ruhr-Uni, dem Studierendenparlamentsmitglied Marcus Lamprecht (GHG) und dem studentischen Senatsmitglied Corinna Kalkowsky (Antihelden) bei der Auftakt-Podiumsdiskussion am Dienstag, 9. Mai, in Duisburg. Es würde ja auch vieles von den Dozierenden und Mitarbeitenden angestoßen, so Peres, aber die Studierenden seien so im System, dass sie die Anstöße nicht annehmen würden. „Peres sagte, viele Studierende seien sogar überrascht, wenn sie im Seminar sage, dass über Themen entscheieden werden könne“, so Vincent von der AG Bildungskritik.

Raus aus der Uni – rein in die Stadt

Beim Vortrag am Mittwoch, 10. Mai, stellte dann die Schwarze Ruhr-Uni aus anarchistischer Perspektive die Herrschaftsinstitution Hochschule in ihrem Vortrag vor. Untertitel: Wie uns die Uni unterdrückt. „Das war sehr spannend, viele der Zuhörer*innen haben den Ansatz abgelehnt, viele konnten daran anknüpfen, andere fanden es sehr gut. Und dann ist eine Diskussion unter den drei Teilen entstanden, die auch noch nach dem Vortrag lief“, so Vincent.

Die Freiluftdebatten kamen aber nicht bei allen so gut an. Sofas und das mitten auf dem Campus? Das störte eine Mitarbeiterin der Universität derart, dass sie drohte, den Sperrmüll zu rufen. Es bleibt fraglich, ob dieser sofort ausgerückt wäre, um das Mobiliar abzuholen. Die AG Bildungskritik zumindest blieb mit dem Satz: „Also je länger sie das sagen, desto mehr Sofas stellen wir hin.” wo sie war. Die Forderung, Veranstaltungen ohne bürokratische Genehmigung machen zu können, schaffte es durch diesen kleinen Auftritt auf das kritische Realitätsblatt.

Nachdem die Realität auseinander genommen wurde, machten sich die Studierenden an die Erschaffung ihrer Utopie. Unter anderem auf dem Wunschzettel: Kleine Arbeitsgruppen, Lernen außerhalb der Universität und freie Bildung für alle. Statt sich in die Hochschule zurückzuziehen, könnten sich die Studierenden mehr in der Stadt einbringen und sich als Bürger*innen aktivieren. Frei von Werbung und militärischer Forschung – so sollte die Universität laut den kritischen Studierenden sein.

Auch die Gebäude sollten von den Studierenden selbst gestaltet werden können; so könnte beispielsweise ein Freiraum für Kultur entstehen. Die bildungskritische Woche lieferte selbst eine kleine Vorlage: Zwischen den Vorträgen fanden kreative Workshops statt. Der AStA-Keller Duisburg (AKD) hatte sich ebenfalls zu einem Café mit gemütlichen Ecken verwandelt. Statt kalten Wänden sah man Stoffbahnen – Wohnzimmeratmosphäre in der Universität.

Dort beendeten die Studierenden ihre Aktionswoche dann auch mit Bier, Mate und viel zu scharfem „Mexikaner“-Schnaps. „Ich glaube, diese Woche war ein Anstoß. Wir wollen auf jeden Fall noch Aktionen starten und die Studierendenschaft zusammenbringen“, resümiert Mitorganisator Vincent. Eine letzte Frage war aber noch auf die Wände des AKD gemalt: „Ist die Zukunft klaussurrelevant?“ – eher nicht. Es kann durchgeatmet werden.

Wer sich für das Bildungsystem engagieren möchte, kann sich auf Facebook bei der AG Bildungskritik UDE melden.